Kognitive Veränderungen

Von: Prof. Dr. rer. nat. Dorothée Lulé, PhD
Fachbereich Neuropsychologie, Neurologische Klinik der Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm (RKU)

Vor Beginn oder im Verlauf der ALS-Erkrankung kann es bei einem Teil der Patienten zu organisch bedingten kognitiven Veränderungen sowie Veränderungen des Verhaltens kommen. Als kognitive Funktionen werden in der Psychologie das menschliche Denken, die Wahrnehmung, das Fühlen, das Urteilen, das Wollen und das Handeln bezeichnet. 

Aktuellen Studien zufolge werden bei etwa fünfzig Prozent der an ALS erkrankten Menschen kognitive Einschränkungen festgestellt. Sie betreffen am häufigsten die Fähigkeit zur Problemlösung, inklusive der Wortfindung, oder den Antrieb zu Handeln. Bei der Hälfte dieser eingeschränkten Patientinnen und Patienten zeigen sich die Auffälligkeiten jedoch nur in einzelnen Testverfahren (beispielsweise beim Aufsagen von Wörtern mit einem bestimmten Anfangsbuchstaben wurden in Studien innerhalb von zwei Minuten zwei Wörter weniger als im Durchschnitt genannt) und diese fallen meist im Alltag nicht auf. Bei der anderen Hälfte der Patientinnen und Patienten sind die Veränderungen etwas weitreichender und umfassen verschiedene kognitive Funktionen. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz (etwa 5 %) zeigen so starke Einschränkungen (vor allem des Verhaltens), dass die Diagnose einer Frontotemporalen Demenz (FTD) gestellt werden muss. Bei diesen treten die Veränderungen deutlich hervor und der Alltag der ALS-betroffenen Person und der Familien ist meist stark belastet. Ursächlich für die Entstehung dieses Verlusts der kognitiven Fähigkeit ist der Rückgang von Nervenzellen im Frontal- und Temporalhirn, dort werden u. a. das Lösen von bestimmten Aufgaben, die Emotionen und das Sozialverhalten kontrolliert.

Symptome

  • Bisherige Gewohnheiten werden nicht verfolgt und der Antrieb und die Motivation, Tätigkeiten zu vollenden, fehlen (beispielsweise werden Hobbies vernachlässigt, stattdessen sitzt die betroffene Person apathisch vor dem Fernseher).
  • Das Mitgefühl und / oder das Interesse an sozialen Kontakten nehmen ab, bis hin zum völligen Desinteresse und der Taktlosigkeit gegenüber Mitmenschen.
  • Krankheitseinsicht und Therapiemotivation können fehlen. Das wird z. B. sichtbar, wenn sinnvolle und lindernde Therapien abgelehnt werden.
  • Die Fähigkeit, die alltäglichen Aufgaben und Anforderungen nach ihrer Wichtigkeit einzuordnen (zu hierarchisieren), ist eingeschränkt, z. B. werden wichtige Termine nicht wahrgenommen und dringend anstehende Arbeiten nicht erledigt.
  • Gefahrensituationen durch die zunehmenden körperlichen Veränderungen werden fehleingeschätzt (z. B. Treppensteigen trotz erheblich erhöhtem Sturzrisiko).

Wichtig

Die Auswirkungen sind unterschiedlich stark ausgeprägt und es müssen nicht alle benannten Einschränkungen bei jedem auftreten. Oft sind es aber vor allem die Änderungen des Verhaltens, die direkte Auswirkungen auf den Alltag der Familie haben. 

Eine möglichst frühe Abklärung ist aus verschiedenen Gründen sinnvoll

  • Angehörige erfahren eine hohe emotionale Belastung. Eine Erklärung für die Veränderungen zu erhalten, kann gegenseitige Entlastung bringen.
  • Wichtige Entscheidungen können frühzeitig getroffen und delegiert werden und es kann Verständnis bei Außenstehenden geschaffen werden.
  • Genannte Symptome könnten auch durch andere Erkrankungen hervorgerufen werden (z. B. Depression), die eventuell behandelt werden können und sollten (z. B. durch Antidepressiva).

Wie können ALS-bedingte, kognitive Veränderungen diagnostiziert werden?

Mit dem Edinburgh Cognitive and Behavioural ALS Screen (ECAS; Abrahams et al. 2013, deutsche Version Lulé et al., 2015) steht ein Standard-Screening-Verfahren zur neuropsychologischen Untersuchung von Patienten mit ALS zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich zur Diagnostik an Ihre ALS-Ambulanz in einem Neuromuskulären Zentrum. 

Weiterführende Informationen

Haben Sie Fragen zum Umgang mit möglichen kognitiven Veränderungen?

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