Postpolio-Syndrom
Kurze Einführung zur Kinderlähmung (Poliomyelitis acuta anterior)
Die Poliomyelitis (Kinderlähmung) wird durch hochinfektiöse Viren hervorgerufen (Polio-Virus Typ 1, 2 oder 3). Die Ansteckung erfolgt per Schmierinfektion, teilweise auch durch Tröpfchen-Infektion. Bei ca. 90 bis 95 % der Infizierten verläuft die Infektion ohne erkennbare Symptome oder mit einem unspezifischen fieberhaften Infekt. Meist sind Kinder betroffen, auch Erwachsene können erkranken. Bei etwa 0,5% der Infizierten zeigt sich das Vollbild der Kinderlähmung. Typischerweise treten als Kernsymptomatik Lähmungen der Beine, aber auch der Arm-, Rumpf- und Atemmuskulatur sowie seltener im Bereich der sogenannten Hirnnerven auf. Die Symptomatik kann gering ausgeprägt sein oder tödlich enden. Wird die Erkrankung überlebt, bessern sich die Lähmungen in der Folge meist wieder. Eine komplette Rückbildung der Lähmungen ist im Einzelfall möglich, aber auch ein komplettes Bestehenbleiben der Lähmungen. Als Folge der muskulären Lähmungen können besonders im Kindesalter Verkrümmungen der Wirbelsäule (Skoliosen), Verkürzungen und Deformitäten der Extremitäten wie auch Einschränkungen der Gelenkbeweglichkeit (Kontrakturen) auftreten und die Beweglichkeit zusätzlich erschweren.
Auch heute noch erforderlich: die Polio-Schutzimpfung
Von den drei Polio-Virus-Typen gelten die Typen 2 und 3 heute als ausgerottet. Das besonders für die großen Epidemien der 50er und frühen 60er Jahre ursächliche Polio-Virus Typ 1 kommt heute (2025) noch endemisch in Pakistan und Afghanistan vor. In Deutschland waren die Impfungen bis 1998 als Schluckimpfung mit abgeschwächten lebenden Polio-Viren durchgeführt worden. Der Impfstoff hatte ganz maßgeblich zur hochgradigen Minderung der Zahl der Erkrankungen und inzwischen zur weltweiten weitgehenden Ausrottung der Kinderlähmung beigetragen. In Deutschland wird er seit 1998 nicht mehr routinemäßig eingesetzt, da er in seltenen Fällen selbst Lähmungen verursachen kann, die sogenannte Impf-Polio oder wissenschaftlich ausgedrückt Vakzine-assoziierte paralytische Poliomyelitis (VAPP). Stattdessen werden heute Impfstoffe mit abgetöteten Polioviren injiziert, die keine Impf-Polio auslösen können.
Erkrankungen mit dem Polio-Wildtyp 1 kommt weiterhin endemisch in Pakistan und Afghanistan vor. Darüber hinaus kommt es auch heute noch zu Erkrankungen, die durch Mutationen der bei Schluckimpfungen genutzten Polio-Lebendimpfstoffe (OPV) verursacht werden. Dies ist besonders in Ländern mit geringen Durchimpfungsquoten ein Problem. Durch die teils unerkannte Zirkulation dieser mutierten Impfviren traten in den letzten Jahren auch vereinzelt Poliomyelitis-Fälle wieder in den Industrieländern auf. Die Aufrechterhaltung hoher Polio-Impfquoten ist deshalb weiterhin dringend erforderlich. Die Polio-Impfung mit einem inaktiviertem Polio-Impfstoff (IPV) wird von der Ständigen Impfkommission (STIKO) zur Grundimmunisierung bei allen Säuglingen, Kindern und Jugendlichen und zur Auffrischung bei Jugendlichen und Erwachsenen empfohlen. Als vollständig immunisiert gelten Personen, die im Säuglings- und Kleinkindalter eine vollständige Grundimmunisierung und mit 9-16 Jahren eine Auffrischimpfung erhalten haben. Ebenso gelten als vollimmunisiert Erwachsene, die zu einem späteren Zeitpunkt grundimmunisiert wurden und 10 Jahre nach Abschluss der Grundimmunisierung eine Auffrischimpfung erhalten haben. Die STIKO empfiehlt bei Personen mit fehlender oder unvollständiger Immunisierung gegen Poliomyelitis, die jeweils fehlenden Impfstoffdosen zu verabreichen.
Auch für Reisende in Regionen mit Infektionsrisiko durch Wild-Poliomyelitis-Virusstämme (WPV) oder durch einen mutierten Impfvirusstamm (circulating vaccine-derived poliomyelitisvirus [cVDPV]), Aussiedelnde, Geflüchtete und Asylsuchende, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, wird bei der Einreise aus Gebieten mit Infektionsrisiko die Impfung von der STIKO als indiziert beschrieben (Robert-Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin 04/2025).
Das Postpolio-Syndrom (PPS)
Nach der akuten Kinderlähmung können sich die Lähmungen durch Aussprossen von erhaltenen motorischen Nervenfasern und Größenzunahme von Muskelfasern bessern oder im günstigsten Fall zurückbilden. Nach einer dann zunächst stabilen Phase, die mit mindestens 15 Jahren angenommen wird, kann nach meist 20, 30 oder mehr Jahren wieder eine Verschlechterung der Muskelkraft auftreten. Dabei kann es sich sowohl um alte, während der akuten Krankheitsphase vorhandene, als auch um neue Symptome handeln. Eine solche nach der Kinderlähmung auftretende Erkrankung wird als „Postpoliosyndrom“ oder kurz PPS bezeichnet. Von dem PPS im engeren Sinne sind Folgeerscheinungen z.B. durch vorzeitigen Gelenkverschleiß (Arthrose) unterschieden werden, da sich hier die Behandlung unter Umständen deutlich unterscheidet.
Dabei ist das Risiko des Auftretens des PPS besonders hoch, wenn Personen besonders schwer betroffen gewesen sind, sich aber besonders gut erholt haben. Frauen haben offenbar ein höheres Risiko als Männer. Auch scheint das Risiko erhöht zu sein für Personen, die die akute Erkrankung im späteren Jugendalter oder im Erwachsenenalter durchgemacht haben.
Die Häufigkeit des Auftretens eines PPS bei den weltweit schätzungsweise 12 bis 20 Millionen Polio-Überlebenden wird in der Literatur je nach Art der Studie sehr unterschiedlich auf 25 bis 50 %, teils bis zu 80% geschätzt. Wahrscheinlich kommt die Annahme von ca. 50% oder mehr der Realität am nächsten.
Wichtig ist, dass das PPS nicht ansteckend ist.
Symptome des Postpolio-Syndroms
Von Patienten mit PPS werden eines oder mehrere der folgenden Symptome geschildert:
- neu aufgetretene Muskelschwächen und -verschmächtigungen, wobei diese sowohl initial betroffene Muskulatur als auch während der akuten Erkrankung gering oder scheinbar nicht betroffene Muskelgruppen betreffen kann
- vermehrtes Auftreten von Muskelkrämpfen und Muskelschmerzen
- Verminderung der Gehstrecke und der Gangsicherheit
- rasche Erschöpfbarkeit, länger und öfter erforderliche Erholungsphasen
- Nachlassen der Ausdauer und Belastbarkeit
- vermehrte Tagesmüdigkeit
- Kälteintoleranz, Temperaturregulationsstörungen, wie Neuauftreten kalter Füße oder Hände
- Störungen der Atmung, Kurzatmigkeit
- Schluckbeschwerden
Neben den zunehmenden muskulären Schwächen ist auch besonders die Fatigue sehr beeinträchtigend. Meist wird die Fatigue als besonders quälende bleierne Form der Müdigkeit, die über eine normale Mattigkeit weit hinausgeht, beschrieben. Dabei führen Erholungsphasen auch mit Schlaf und längerem Ausruhen oft zu keiner ausreichenden Verbesserung. Die Fatigue geht mit einem verminderten Leistungsvermögen, Energiemangel und weiterer Muskelschwäche einher. Sie kann alle Aktivitäten des normalen Alltags belasten und sich daher negativ auf das gesamte Leben auswirken.
Zu weiteren Komplikationen des PPS zählen auch nächtliche Atemfunktionsstörungen mit vermehrter Müdigkeit am Tag, Frakturen und eine Verschlechterung der Lebensqualität.
Weiterführende Infos
Im Download finden Sie Hinweise zur Erkrankungsursache, zur Diagnosestellung und Behandungsmöglichkeiten sowie Informationen zur Physiotherapie beim Postpolio-Syndrom
Infos und Selbsthilfeangebote
Unsere Diagnosegruppe vertritt die Interessen der Betroffenen und Angehörigen.
Poliomyelitis-Gruppe in der DGM