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Kongenitale Myopathien

Kongenitale Myopathien sind Muskelerkrankungen, deren Symptome schon bei Geburt vorhanden sind oder innerhalb der ersten Lebensmonate auftreten. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Krankheitsursache, der Art der Symptome und des Krankheitsverlaufs. Es werden drei Untergruppen unterschieden:

  • Die kongenitalen Muskeldystrophien (CMD/MDC),
  • Die kongenitalen Muskelreifungsstörungen und
  • Die kongenitalen Strukturmyopathien.

Häufigkeit

Zu keiner der kongenitalen Myopathien liegen verlässliche Angaben zur Häufigkeit vor. Es wird geschätzt, dass ungefähr 1 von 20.000 Neugeborenen eine kongenitale Myopathie hat. Für einige kongenitale Muskeldystrophien (CMD) sind deutliche regionale Unterschiede bekannt, so tritt die Fukuyama-CMD überwiegend in Japan auf, die Muscle-eye-brain (MEB) Erkrankung gehäuft in Finnland.

Ursache

Den kongenitalen Muskelerkrankungen liegen Mutationen (zu einer Krankheit führende Veränderungen) in Genen zugrunde, die für die Entwicklung und Erhaltung der Muskulatur wichtig sind. Die Mutationen verursachen in der Regel eine fehlende oder mangelhafte Produktion von Proteinen (Eiweißverbindungen). Bei den kongenitalen Muskeldystrophien (CMD) sind vor allem Proteine betroffen, die in der Muskelzellwand/Basalmembran angesiedelt sind. Bei einer wichtigen Untergruppe der CMD führen die Mutationen zu einer Glykosilierungsstörung (Störung der Verknüpfung von Zuckermolekülen mit Proteinen der Basalmembran). Bei diesen Erkrankungen sind häufig das zentrale Nervensystem (ZNS) und die Augen beteiligt. Bei den anderen beiden Gruppen kongenitaler Myopathien sind Proteine betroffen, die in den Muskelzellen an der Kontraktion beteiligt oder für die Entwicklung reifer Muskulatur von Bedeutung sind. Bei einigen Formen kommt es zu einer abnormen Ablagerung von Protein, z.B. von Aktin in der Muskelzelle. In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass Mutationen in einem Gen auch verschiedene Muskelerkrankungen hervorrufen können. Bisher ist es nicht möglich, bei allen Patienten die Ursache der Muskelerkrankung zu klären.

Symptome und Differentialdiagnostik

Im Vordergrund stehen die generalisierte Muskelhypotonie und -schwäche. Häufig sind keine Bewegungen gegen die Schwerkraft möglich. Als Zeichen der allgemeinen Muskelschwäche können eine Ptosis („Hängen") der Augenlider, Störungen der Augenbeweglichkeit und Schluckstörungen bestehen. Ist die Atemmuskulatur beteiligt, ist vorübergehend oder längerfristig eine Beatmung erforderlich. Vorgeburtlich können geringe Kindsbewegungen und zu viel Fruchtwasser auffallen. Bei einem Teil der Patienten liegen Gelenkkontrakturen (dauerhafte Bewegungseinschränkungen der Gelenke durch Verkürzung von Sehnen oder Muskeln) oder schon früh eine Skoliose (Verkrümmung der Wirbelsäule) vor. Bei den CMD mit Glykosilierungsstörung kommen Fehlbildungen der Augen und des Gehirns vor, nachweisbar durch entsprechende Bildgebung (Kernspinresonanz). Diese Patienten haben dann häufig auch eine geistige Entwicklungsstörung und/oder eine Epilepsie. Eine Beteiligung des Herzmuskels (Kardiomyopathie) kann sich entwickeln, ist aber meist kein Problem des Kleinkindesalters. Bei der Mehrzahl der Patienten ist zur Diagnosestellung eine Muskelbiopsie erforderlich. Der Kreatinkinase (CK)-Wert im Serum ist bei einigen Formen der CMD deutlich erhöht, bei den anderen Myopathien normal bis leicht erhöht. Bei den CMD wird die definitive Diagnose häufig durch die molekulargenetische Untersuchung gestellt. Die wichtigsten Differentialdiagnosen sind andere neuromuskuläre Erkrankungen mit frühem Beginn wie die spinalen Muskelatrophien, die kongenitale Myotone Dystrophie Typ1 (DM1), kongenitale myasthene Syndrome, eine mitochondriale Myopathie oder eine Glykogenspeichererkrankung.

Formen des Krankheitsverlaufs und Prognose

Grundsätzlich können schnell fortschreitende (meist Muskeldystrophien) und kaum fortschreitende (meist Strukturmyopathien/Reifungsstörungen) Verlaufsformen unterschieden werden. Bei den CMD werden die schwersten Krankheitsverläufe bei den Formen beobachtet, die mit einer Beteiligung des ZNS (Zentralen Nervensystems) und der Augen einhergehen (z.B. Walker-Warburg-Syndrom, MEB Erkrankung, aber auch Merosin-defiziente Muskeldystrophie). Aufgrund des bindegewebigen Umbaus der Muskulatur besteht eine ausgeprägte Muskelschwäche, bei Beteiligung von Gehirnstrukturen eine schwere geistige Behinderung, häufig mit einer Epilepsie und/oder eine hochgradige Sehstörung. Die Lebenserwartung ist dann erheblich eingeschränkt. Es sind aber auch wesentlich mildere Verläufe beschrieben worden. Bei einigen Typen der CMD wie dem Ullrich Syndrom (Kollagen VI Mangel) kann die frühzeitige Fehlstellung der Wirbelsäule im Vordergrund stehen.Auch bei den kongenitalen Strukturmyopathien (z.B. verschiedene Formen der Nemalinen Myopathie) und den Reifungsstörungen (z.B. Multiminicore Myopathie, zentronukleäre Myopathie) sind die Krankheitsverläufe sehr variabel. Bei den schweren Verlaufsformen besteht bei Geburt eine ausgeprägte Muskelhypotonie und -schwäche mit Ateminsuffizienz, die eine Beatmung erforderlich macht; zusätzlich kann eine Sondenernährung notwendig sein. Eine kritische Phase sind die ersten 6-12 Monate. Die statomotorische (den Gleichgewichtssinn und die Bewegung betreffende) Entwicklung verläuft stark verzögert, das Laufen wird manchmal noch spät erlernt. Eine Skoliose und Gelenkfehlstellungen sind häufig vorhanden. Die schlechteste Prognose der kongenitalen Muskelreifunsstörungen hat die geschlechtsgebundene Myotubuläre Myopathie (Jungen sind schwer betroffen, Mädchen in der Regel symptomlose Überträgerinnen). Es kann eine permanente Beatmungspflichtigkeit nach der Geburt bestehen bleiben ohne relevante Fortschritte der motorischen Entwicklung. Die Lebenserwartung ist stark eingeschränkt.Aber auch milde Verläufe in beiden Gruppen sind möglich, die mit leichter Muskelhypotonie und -schwäche und sekundären orthopädischen Problemen einhergehen.

In Anbetracht der extrem variablen Symptomatik können für die einzelne Krankheit keine genauen prognostischen Angaben gemacht werden. Ganz allgemein gilt die Regel: Je früher die Symptome auftreten, desto schwerer ist der Verlauf.

Weiterführende Information finden Sie in unserem Faltblatt "Wissenswertes über Kongenitale Myopathien", das auf dieser Seite zum Download bereit steht.