Atemphysiotherapie

Corinna Wirner-Piotrowski, Physiotherapeutin, Studienkoordinatorin, M. Sc. Public Health, München

Solange die Atmung ohne Einschränkungen funktioniert, nehmen wir sie meist als selbstverständlich hin – dabei ist sie eine der grundlegendsten Funktionen unseres Lebens. Bei einer Erkrankung wie der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) können im Verlauf nicht nur Muskeln für Bewegung und Sprache, sondern auch die Atemmuskulatur betroffen sein. Daher ist es wichtig, sich über die Auswirkungen von Atemmuskelschwäche zu informieren und wie die Atemphysiotherapie zu einer guten Versorgung beitragen kann. 

Das Zwerchfell (Diaphragma) ist der wichtigste Einatemmuskel und befindet sich (in Ausatemstellung) kuppelförmig unterhalb des Rippenbogens zwischen Brust- und Bauchraum. Für die Einatmung spannt sich der Muskel an und flacht sich durch Zusammenziehen ab, damit sich die Lungen mit Luft füllen können. Bei der ALS kann es zu einer Schwäche des Zwerchfells sowie der Atem(hilfs-)muskulatur zwischen den Rippen und im Rumpfbereich kommen. Die Lunge selbst ist meistens gesund. Die schwache Atemmuskulatur kann die Luft nicht ausreichend in die Lunge und wieder heraus transportieren. Das führt zu einem verringerten Atemausmaß, was wiederum zu verschiedenen Folgen beiträgt: Atemnot, schlechteres Abhusten von Sekret (Schleim in den Atemwegen), Anfälligkeit für Infektionen sowie einem geringeren Sauerstoffaustausch im Körper. Eine Schwäche der Atemmuskulatur ist eine der häufigsten Ursachen für körperliche Einschränkungen und ein begrenzender Faktor der Lebensdauer. Eine starke Einatemmuskelkraft kann sich bei einer vorliegenden ALS nachweislich positiv auf die Lebensdauer auswirken.

Atemphysiotherapie beinhaltet sowohl aktive (von Patientinnen und Patienten eigenständig durchgeführte) als auch passive (von Therapeutinnen und Therapeuten unterstützte) Maßnahmen. Das Ziel ist die bestmögliche Wiederherstellung, Erhaltung und Verbesserung der Atmung und körperlichen Leistungsfähigkeit sowie gegebenenfalls das Lösen und Abhusten von Sekret. Atemphysiotherapie kann als spezielles Heilmittel vom Arzt verordnet werden und es gibt einige Fortbildungsangebote für Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten in diesem Bereich. 

Wo finde ich Atemphysiotherapeutinnen und -therapeuten?

Wir empfehlen Ihnen Therapeutinnen und Therapeuten aufzusuchen, die auf dem Gebiet der Neuromuskulären Erkrankungen erfahren und qualifiziert sind. Die DGM bietet regelmäßig Fortbildungen an, Fortbildungstermine und Adressen geschulter Therapeutinnen und Therapeuten können Sie in der Bundesgeschäftsstelle der DGM anfordern. Darüber hinaus können Sie sich regional bei den ehrenamtlichen Kontaktpersonen nach persönlichen Empfehlungen erkundigen.

Auf der Internetseite der Deutschen Atemwegsliga e.V. werden Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten aufgeführt, welche eine Spezialisierung im Bereich Atemphysiotherapie nachweisen können: www.atemwegsliga.de/physiotherapeuten.html

Der aktuelle Forschungsstand zu Atemphysiotherapie bei ALS ermöglicht keine allgemeingültigen Vorgaben, die für alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen zutreffen. Da die Erkrankung selten ist und unter Umständen schnell voranschreiten kann, gibt es oftmals nur wenige Patientinnen oder Patienten, die in Studien untersucht werden. Außerdem unterscheiden sich die in den Studien angewandten Therapien und weitere Einflussfaktoren häufig und erschweren es zusätzlich, zuverlässige Empfehlungen für das Atemtraining bei ALS zu treffen. Allerdings lassen sich dennoch einige Tendenzen für die Praxis ableiten, welche im folgenden Absatz beschrieben werden.

Es konnte gezeigt werden, dass sich ein moderates (Ein-)Atemmuskeltraining (zwei- bis dreimal täglich zehn Minuten) positiv auf die Atemmuskelkraft auswirken kann. Vor allem in den frühen Phasen der ALS konnte dies in einigen Studien festgestellt werden. Es wird dabei empfohlen, ca. 30% der maximalen Einatemmuskelkraft (MIP) als Referenz für das Training zu verwenden. Um die Atemmuskelkraft bestimmen zu können, wird ein Messgerät verwendet (Respiratory Pressure Meter), in welches gegen Widerstand ein- bzw. ausgeatmet wird und welches den entsprechenden Druck anzeigt, welchen man eigenständig durch die Atmung ausüben kann (MIP/MEP). Auch wenn es in den Studien unterschiedliche Aussagen zur Auswirkung auf die Lebensqualität gibt und die Verbesserungen des Atemmuskeltrainings teilweise nur gering waren, wurden die Atemübungen von den meisten Patientinnen und Patienten gut vertragen und es gab keine schwerwiegenden Nebenwirkungen oder andere negative Auswirkungen. Wie ein Atemmuskeltraining aussehen kann, wird im Folgenden beschrieben.


Wichtige Ziele und Maßnahmen in der Atemphysiotherapie

Beweglichkeit von Oberkörper und Gewebe verbessern

Dies ist wichtig, damit sich die Lunge während der Atembewegungen gut ausdehnen und im Verlauf der Ausatmung auch wieder in ihre Ruheposition kommen kann. Hier können ALS-Betroffene in Form von z.B. Dehnungen, Dreh-/Dehnlagerungen oder Übungen aus dem Yoga eigenständig üben. Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten können mit manuellen Griffen wie z.B. Hänge-/Packegriffen oder Hautrollungen die Beweglichkeit zusätzlich unterstützen. Techniken zur Mobilisation von Rippen- und Wirbelsäulengelenken finden ebenfalls Anwendung in der Atemphysiotherapie. 

Übungsbeispiel

In Rückenlage den rechten Arm seitlich gestreckt über den Kopf legen und beide Beine etwas nach links legen, sodass sich der Körper sichelförmig in einer leichten seitlichen Streckung befindet (Halbmondform). In dieser Position ca. 3 Minuten entspannt verweilen und tiefe Atemzüge nehmen. Anschließend Seitenwechsel.

Belüftung verschiedener Lungenbereiche ermöglichen

Eine vertiefte Ein- und Ausatmung in verschiedenen Ausgangspositionen ist von großer Bedeutung, damit die Luft in alle Bereiche der Lunge gelangen kann. Daher sollten Atemübungen nach Möglichkeit nicht nur im Sitzen oder Liegend auf dem Rücken, sondern auch in Seitenlage oder falls möglich ab und zu in Bauchlage durchgeführt werden. Eine gezielte Vertiefung der Atmung trägt dazu bei, dass man seine eigene Atemmuskulatur besser ansteuern kann und diese dadurch effektiver arbeitet. Beispielhafte Übungen hierfür sind das „Schnuppernde Einatmen“, „Lippenbremse“, Ausatmen auf bestimmte Buchstaben etc.

Übungsbeispiel

In mehreren Schritten vollständig Einatmen (als würde man an einer Blume schnuppern) und anschließend wieder durch die leicht geöffneten Lippen vollständig und langsam ausatmen. 3 – 5mal wiederholen. 

Atemmuskeltraining

Atemmuskeltraining wird wie bereits oben beschrieben in einigen Studien bei ALS empfohlen. Es kann sowohl mit speziellen Geräten (Widerstandstrainer etc.) durchgeführt werden, aber es ist auch Vieles ohne Übungsgeräte möglich. Der Vorteil von Trainingsgeräten ist, dass bei diesen der entsprechende Widerstand, gegen den ein- bzw. ausgeatmet werden soll, individuell eingestellt werden kann. Dies sollte nur nach ärztlicher und/oder physiotherapeutischer Begleitung erfolgen. Ohne Trainingsgerät können auch Atemtechniken wie z.B. Air Stacking/Intervallatmen oder Atmen gegen manuellen Widerstand (welcher ggf. vom Therapeuten durch die Hände dosiert wird) zur Anwendung kommen. Ein erhöhter Widerstand kann auch durch das Atmen durch einen Strohhalm (je länger der Strohhalm, umso anstrengender ist das Training) oder durch das Zuhalten eines Nasenlochs erreicht werden. 

Übungsbeispiel

Einen Finger leicht auf ein Nasenloch legen und ruhig sowie vollständig durch die Nase ein- und wieder ausatmen. Je nachdem, wie fest das Nasenloch zugehalten wird, kann die Intensität der Übung verändert werden. 5 Atemzüge, danach kurze Pause, anschließend Seite wechseln. 

Entspannen/Entlasten angestrengter Muskulatur

Eine schwache Atemmuskulatur sowie die Hilfsmuskeln, welche die geschwächten Muskeln vermehrt unterstützen, sind oftmals intensiv gefordert. Daher ist es wichtig, auch gelegentlich für eine entsprechende Entspannung zu sorgen. Dies kann beispielsweise durch Wärme, sanfte Massagegriffe oder auch leichte Dehnungen erfolgen. Gemeinsam mit dem Physiotherapeuten können auch atemerleichternde Positionen erarbeitet werden. Beispiele dafür sind z.B. der Kutschersitz, der Torwartsitz oder der Paschasitz, bei denen sich mit den Armen auf den Beinen oder einer Wand abgestützt wird oder die Arme im Liegen durch mehrere Kissen höher gelagert werden. 

Übungsbeispiel

In aufrechter Sitzposition den Kopf zu einer Seite neigen (Ohr Richtung Schulter bringen, die Schultern bleiben dabei entspannt) und den Arm auf der gegenüberliegenden Seite locker nach unten hängen lassen, sodass eine leichte Dehnung der seitlichen Halsmuskeln wahrgenommen wird. Wenn die Dehnung verstärkt werden soll, kann der Arm noch etwas weiter gezielt nach unten geschoben und/oder der Kopf leicht gedreht werden. Dabei weiter atmen und die Position etwa 30 Sekunden halten, danach Seite wechseln.

Husten/Sekretmanagement

Wenn die Atemmuskulatur geschwächt ist, fällt es oft schwer, die Lunge von Sekret durch effektives Abhusten zu unterstützen. Vibrationen können helfen, die Konsistenz vom Schleim in den Atemwegen für ein erleichtertes Abhusten zu verbessern. Beispiele dafür sind summendes und brummendes Ausatmen, Handvibrationen durch den Therapeuten, Inhalationen oder mechanische Unterstützung durch z.B. Vibrationsgeräte oder Vibrationswesten. Das Husten erfordert eine gute Zusammenarbeit der Ein- und Ausatmung. Ein vertieftes Einatmen ist wichtig, um ausreichend Luft zum Abhusten zur Verfügung zu haben. Die Ausatemmuskulatur wiederum sorgt für einen ausreichend schnellen Ausatemstoß, um Abhusten zu können. Ist die Atemmuskulatur geschwächt, können Maßnahmen wie z.B. Air Stacking, passive Kompression durch den Therapeuten sowie technische Unterstützung durch einen Hustenassistenten zum Tragen kommen. 

Übungsbeispiel

Vibrationen beim Ausatmen zur Sekretlösung: Tief durch die Nase einatmen und bei der Ausatmung auf den Buchstaben „m“ oder das Wort „Summ“ gleichmäßig die Luft ausströmen lassen. 3 – 5mal wiederholen. 

Gemeinsam das richtige Maß in der Therapie finden: Überlastung unbedingt vermeiden!

In der Atemphysiotherapie finden auch Atemtechniken in Kombination mit Lagewechseln oder durch die Therapeutin oder den Therapeuten eingeleitete und unterstützte Bewegungen des Oberkörpers statt, um die Trainingseffekte noch einmal zu verstärken. Ein enger Austausch mit der Physiotherapeutin oder dem Physiotherapeuten ist von großer Bedeutung, um die Behandlung individuell passend abstimmen zu können. Scheuen sich daher nicht, Ihrer Therapeutin oder Ihrem Therapeuten Rückmeldung zu geben, wie es Ihnen nach einer Übungseinheit (oder auch am Folgetag) geht. Denn die Ziele und die damit verbundenen Übungen können sich im Laufe der Zeit verändern. Es ist wichtig, dass das Atemtraining keine zusätzliche Belastung darstellt. Nur dann werden Übungen auch in den Alltag integriert und können eine wichtige Begleitung bei ALS darstellen.

Folgende Tipps können während des Atemtrainings hilfreich sein

  • Die Atemübungen sollten gemeinsam mit der Physiotherapeutin oder dem Physiotherapeuten individuell auf die Patientin oder den Patienten abgestimmt sein
  • Ein Atemtrainings-Tagebuch (Inhalte: Wann wurde geübt, wie lange, welche Übungen und wie anstrengend von 1 bis 10 war das Training, wie hat man sich nach dem Training gefühlt) kann helfen, das eigene Übungsprogramm gezielt und regelmäßig anzupassen
  • Überlastung vermeiden! Bei Schwindel/Unwohlsein während der Übung: Pause einlegen!
  • Möglichst früh im Erkrankungsverlauf mit Atemübungen beginnen
  • Lieber regelmäßig und milder als selten und intensiv üben
  • Während dem Training für frische Luft sorgen/Fenster öffnen
  • Mit Düften arbeiten, die man gerne mag
  • Keine einengende Kleidung während dem Üben tragen
  • Singen kann eine weitere tolle Möglichkeit für ein Atemtraining sein

Weitere Informationen

Buchempfehlung für Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten mit zahlreichen Maßnahmen zur Atemphysiotherapie: 
Aigner, B.; Klose, C. (Hrsg.) (2018): Physiotherapietechniken von A-Z. Stuttgart: Thieme)
sowie die unsere Broschüre im Download:

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