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Wie viel „anders sein“ verträgt mein Kind?

(ve) Muss bei der Frage nach der richtigen Schule für mein Kind, nicht vor allem auch das Kind in den Mittelpunkt der Entscheidung gestellt werden? Wie viel „anders sein“ verträgt mein Kind? Wie ist es für das Kind, wenn es das Einzige im Rollstuhl an seiner Schule ist, was vielerorts an Regelschulen noch der Fall ist? Was ist, wenn es sich ständig an den Aktivitäten und Erfolgen gesunder Kinder messen muss? Verfügt mein Kind über das erforderliche Selbstbewusstsein? Hat es bereits, durch Sie als Eltern und in seinem weiteren Umfeld, einen Umgang damit, eine Haltung gefunden, die es stark macht?

Ziele der inklusiven Erziehung sind insbesondere die Anerkennung und Wahrung der Vielfalt sowie die Bekämpfung diskriminierender Einstellungen und Werte. Viele Beispiele zeigen, dass Inklusion gelingt und ein positives Miteinander gefördert und auch gelebt werden kann. Doch es gibt auch andere Beispiele. Diese Beispiele zeigen, dass der schöne Gedanke gelebter Vielfalt noch nicht in allen Köpfen verankert ist und inkludierte SchülerInnen mit Ausgrenzung und Mobbing konfrontiert sein können. Erst kürzlich berichtete eine Familie der DGM-Sozialberatung von erschreckenden anonymen Briefen, die ihre Tochter (SMA, 14 Jahre) von einem ihrer Mitschüler erhalten hat.

Es geht an dieser Stelle nicht darum, ein „Pro“ für Förderschulen auszusprechen. Vielmehr soll eine Auseinandersetzung mit der Thematik Ausgrenzung und Mobbing angeregt werden. Welche Bedingungen begünstigen Inklusion und wirken einer entstehenden Ausgrenzung und Mobbing entgegen? Erfahrungsberichte und andere Beispiele zeigen, dass Offenheit und eine positive Haltung zur Inklusion eines Betroffenen ein so wesentlicher Erfolgsfaktor ist, dass beides als Fundament für eine gelingende inklusive Beschulung gesehen werden kann. Es ist förderlich wenn alle Beteiligten bereits im Vorfeld mit einbezogen werden, wenn Möglichkeiten, Unsicherheiten und Befürchtungen schon vor der Entscheidung ausgetauscht werden. Eine freiwillige Zustimmung aller Beteiligten, anstatt einer angeordneten Inklusion, vereinfacht dabei natürlich vieles.

Innerhalb einer Forschungsarbeit an der Universität Würzburg, werden weitere Bedingungen und Erfordernisse benannt, die einer Ausgrenzung entgegenwirken: Es werden Lehrer benötigt, die einer inklusiven Beschulung offen und positiv gegenüber stehen,  genügend Fach(!)kräfte (bestenfalls eine allgemeinbildende und eine sonderpädagogische Lehrkraft), die im Sinne des „sozialen Lernens“ den Umgang miteinander bewusst gestalten und begleiten und für ein gutes soziales Klima innerhalb der Klasse und Schule sorgen. Es ist davon auszugehen, dass sich die Haltung der Lehrer auf die Schüler überträgt. Angebote, wie Anti-Mobbing-Training, Klassenratstunden und eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Eltern, können eine präventive Wirkung haben. Mobbing abzuwenden, erfordert eine bewusste Haltung aller Lehrkräfte bei Hänseleien o. ä. hinzuschauen und die beteiligten Schüler direkt darauf anzusprechen.

Ein offener und als „unverkrampft“ bezeichneter Umgang mit der Erkrankung und den notwendigen Unterstützungsleistungen ist hilfreicher, als aus der Behinderung ein Geheimnis zu machen. Als ein weiterer Aspekt, wird ein transparenter Umgang mit Nachteilsausgleichen benannt, um Neid und Missgunst, die leicht bei Unklarheit entstehen können, vorzubeugen. Es ist leicht, die optimalen Bedingungen für eine „Schule für Alle“ zu beschreiben. Die Betrachtung dieser Bedingungen, die einer Ausgrenzung entgegenwirken, ist sicherlich auch hilfreich für die eigene Auseinandersetzung oder die Auseinandersetzung mit Lehrern etc. Nun fehlt nur noch die notwendige Portion Glück, auf offene und fortschrittliche Lehrer und Schulen zu treffen, sodass nicht weiterhin Behörden, die angespannte Haushaltslage oder das Fehlen von qualifiziertem Personal darüber entscheiden, wo ihr Kind mit Behinderung zur Schule gehen darf.