Wenn das Kind flügge wird -

Schluss mit Hotel Mama !?

Ein Mäuschen öffnet zwei Wochen nach der Geburt die Augen, wird drei Wochen lang gesäugt, sagt bald schon mal „Piep“, handelt innerhalb weiterer zwei Wochen Kindheit und Pubertät ab, bevor es im Alter von etwa sechs Wochen geschlechtsreif ist und das Elternnest verlässt. Mama und Papa Maus sind mittlerweile mit der nächsten Kindergeneration beschäftigt und haben nicht die mindeste Zeit, dem entschwindenden Sprössling nachzutrauern! Die familiäre Bindung ist damit beendet.

Das einzige, das beim Menschen schneller geht: Er öffnet sofort nach der Geburt die Augen! Alles andere dauert schon ein wenig länger – 12 bis 18 Monate bis zum freien Gehen und die Persönlichkeitsentwicklung lässt sich in den folgenden 15 – 25 Jahren von einem anfänglich gebrabbelten „Dadada“ bis hin zum „Smombie“ (Smartphone-Zombie), der „merkelt“ (Nichtstun, keine Entscheidungen treffen) und „rumoxidiert“ (chillen, entspannen, abhängen) verfolgen – Hitliste der Jugendwörter 2015, Platz 1 – 3! Es soll jedoch auch zielstrebige Jugendliche geben, die schon mit 15 – 18 Jahren das Elternhaus verlassen. Ein gutes „Hotel Mama“ kann jedoch dazu verführen, den kostenfreien Mietvertrag um weitere 10 bis 15 Jahre zu verlängern und erst um das 30. Lebensjahr oder gar später zu kündigen. Kein Problem für die Eltern, denn sie wollen ja nur das Beste für ihren Nachwuchs – das wissen die Kids und sie haben deswegen bei der „Vertragsverlängerung“ sehr gute Karten in der Hand. Das wissen aber auch die Eltern und viele sind froh, wenn ihre „Kleinen“ noch ein paar weitere Jährchen ihre fürsorgerischen Leistungen entgegen nehmen. Als „Win-Win-Situation“ kann man diese Situation beschreiben, aber auch ein anderer Blick auf diese „Vertragsverlängerung“ ist denkbar: Eltern und Heranwachsende blockieren sich in ihrer Entwicklung gegenseitig. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Nach dieser „allgemeinen Theorie“ zum Thema Ablösung, wenden wir uns nun den Familien mit behinderten Jugendlichen zu und stellen die Frage, ob Ablösung denn überhaupt möglich ist. Ja, sie ist möglich! Jugendliche mit notwendiger 24-Stunden-Assistenz sind von zu Hause ausgezogen und leben selbständig – und es sind nicht wenige muskelkranke Jugendliche und junge Erwachsene aus den Reihen der DGM-Mitglieder.

Wenn Jugendliche sich bewusst entscheiden, nicht von zu Hause auszuziehen, geht es den Einen mit dieser Entscheidung sehr gut, andere hadern mit diesem Schritt. Es gibt immer Gründe, nicht von zu Hause auszuziehen: finanzielle, Bequemlichkeit, der Aufbau eines Assistenznetzwerks klappt nicht, eine passende Wohnung kann nicht gefunden werden, aber auch „sich nicht vorstellen können, wie ein Leben ohne sorgenden Kokon der Eltern funktionieren könnte.“ Auch Eltern entscheiden sich bewusst, ihre Kinder im Hause behalten zu wollen oder ihnen einen Auszug nahezulegen. Die genießen die neu gewonnenen Freiheiten, andere hadern mit ihrer Entscheidung. Es gibt immer Gründe, den eigenen Kindern den Auszug aus dem Elternhaus nicht nahezulegen: finanzielle, Bequemlichkeit sowie die anderen genannten Gründe, aber auch „sich nicht vorstellen zu können, was aus dem eigenen Leben ohne die Sorge um die Tochter oder den Sohn werden könnte.“ Ablösung funktioniert immer dann gut, wenn beide Seiten dies wollen und sie wird mühevoll, wenn nur eine Seite sich ablösen will: Ablösung ist immer eine Herausforderung für beide Seiten! Diese Aussage trifft auf alle Familien zu, sowohl mit als auch ohne behindertes Familienmitglied.

Fragen der Eltern behinderter Jugendlicher im Ablöseprozess

Wir haben unsere Tochter / unseren Sohn all die Jahre liebevoll gepflegt und dabei enorme Erfahrungen gesammelt. Diese Erfahrung hat niemand, der neu die Pflege übernimmt. Wird es meinem Kind dadurch nicht viel schlechter gehen? Ich habe meinen Beruf aufgegeben, als mein Kind immer mehr Pflege brauchte. Was wird nun aus mir, wenn ich zu Hause keine Aufgabe mehr haben werde? Das ist ja fast wie in Rente gehen müssen, obwohl ich das gar nicht will! Ich habe meinem Kind diese Krankheit vererbt – dafür fühle ich mich verantwortlich, wenn nicht gar schuldig. Muss / sollte ich als „Wiedergutmachung“ für die Pflege meines Kindes immer zur Verfügung stehen!

Wie kann die Versorgung unseres Kindes geregelt werden, wenn wir einmal nicht mehr sein werden? Kann ich meinem Kind unser Vermögen, unsere Wohnung vererben, ohne dass gleich das Sozialamt auf alles zugreifen kann? (Behindertentestament!)

Fragen der behinderter Jugendlichen im Ablöseprozess

In der Pflege will ich mich nicht von Fremden anfassen lassen. Das ist mir unangenehm. Die Leute, die zu mir kommen werden, kenne ich ja gar nicht.

Wo werde ich wohnen? Gibt es in der neuen Wohnung vielleicht mehr Barrieren, als in der jetzigen?
Wie kann ich meinen Lebensunterhalt finanzieren? Wer kann mir Unterstützung im Alltag geben: Das Notwendige einkaufen, das Schöne shoppen, wer begleitet mich zu Freizeitveranstaltungen (Kino, Disko...)? Wer begleitet mich bei den notwendigen Therapie- und Arztbesuchen?
Wie kann ich eine feste Beziehung in meinem Leben finden, eine Partnerin oder einen Partner, wenn ich doch ständig auf eine Begleitperson angewiesen bin (Stichwort: Flirt mit Bufti am Hinterreifen des Rollis?!)?
Was wird werden, wenn meine Eltern mich nicht mehr versorgen können? Wer wird mich dann unterstützen?

Viele haben es vorgemacht, dass Ablösung auch mit einer schweren körperlichen Behinderung möglich ist – aber es braucht Mut und die Zuversicht, dass sich Unplanbares mit der Zeit schon irgendwie regeln lässt. Es braucht den Mut, sich auf Veränderungen einzulassen. „Merkeln“ und „rumoxidieren“ ist eine Möglichkeit, sein Leben zu gestalten und wer diese Möglichkeit bewusst wählt, hat seine Entscheidung getroffen.

Mama und Papa Maus überlassen das heranwachsende Mäuschen sich selbst, sie setzen ihre Kräfte anderweitig für die neue Generation ein. Dies wäre auch für uns Menschen eine mögliche Entscheidung, die aber in unserem Kulturkreis nicht so recht gesellschaftsfähig ist. Ablösung heißt ja nicht, familiäre Bindungen zu lösen. Ablösung bedeutet für Jugendliche, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und für die Eltern, seinen Kindern ein eigenständiges Leben zu ermöglichen und ihnen dies auch zuzumuten!

Mäuschen befasst sich nicht mit dem Phänomen Ablösung – aber wer will schon Mäuschen sein und bleiben?


PRO:

  • Die Organisation des Alltags wird leichter: weniger waschen, aufräumen, einkaufen
  • Mehr Freizeit: spontane Ausflüge, Reisen, alte und neue Hobbys werden möglich
  • Verwirklichung lang geplanter Projekte: Haus / Zimmer / Garten umgestalten, Fernreisen ...
  • Neue Phase für die Partnerschaft: Themen der Kindererziehung und Alltagsorganisation können von Ideen und Vorhaben abgelöst werden, für die bisher kein Raum war
  • Aktivitäten für sich oder als Paar entdecken: Sport, Vereine, ehrenamtliches Engagement ...
  • Freude beim Erwachsen werden der Kinder zuzusehen und einen gleichwertigen Partner zu haben

Checkliste: Eltern allein zu Hause

CONTRA:

  • Das Loslassen fällt schwer, weil das Kind meist Lebensinhalt war – Trennungsschmerz, entstehende Leere
  • Das Wissen, dass der Auszug für das Kind kein Schritt in die Selbstständigkeit sein kann, weil es sich nicht alleine versorgen kann
  • Die Sorge, ob es dem Kind gut geht. Als Eltern weiß man doch selbst am besten, was ihm gut tut

FAZIT:

Kinder kann man nicht ewig pflegen: altersbedingt oder wenn die Pflege körperlich zu anstrengend wird. Doch sie gehören auch nach dem Auszug zur Familie, eben nur nicht mehr zur Hausgemeinschaft. Eltern sind nicht mehr das „Versorgungsinstitut“ ihrer Kinder – aber Sie bleiben Ratgeber, Unterstützer, Begleiter, Partner, Vertraute – eben Eltern.


PRO:

  • Schritt in ein eigenes Leben: unabhängig von den Eltern, auch wenn dafür Hilfen notwendig sind
  • Wertvolle Erfahrungen: das Gefühl erwachsen zu sein, etwas Eigenes zu haben, Freiheiten, die Welt sehen, neue Menschen kennenlernen und vor allem eigene Erfahrungen machen
  • Weiterentwicklung der Persönlichkeit: man lernt Kompromisse einzugehen und sich in einer Gruppe einzuordnen, man steht nicht mehr an erster Stelle, wie es in der Familie häufiger ist
  • Distanz kann auch etwas Gutes sein: weniger Konflikte mit den Eltern über Alltägliches, Freude auf gemeinsame Treffen

Checkliste: Kinder in die Welt hinaus

CONTRA:

  • Man muss sich ab sofort um alles selbst kümmern: Einkauf, Therapie- und Arztbesuche, Assistenten, Organisatorisches etc.
  • Finanzierung des Lebensunterhalts
  • Heimweh
  • Freizeitgestaltung: Wird es schwierig neue Kontakte zu knüpfen?

FAZIT:

Ein selbstbestimmtes Leben hat viele Vorteile, z. B. den Tagesablauf gestalten: aufstehen, aufräumen, Dinge erledigen – wann und wie es einem passt. Auch, wenn anfangs nicht gleich alles rund läuft, mit der Zeit spielen sich Abläufe ein. Dann darf man auch stolz auf die gewonnene Selbstständigkeit sein – worauf auch Eltern stolz sein können.