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Über das Sterben

Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen.

Gian Domenico Borasio
Verlag C.H. Beck, München 2011
ISBN-10:
978-3-406-61708-9
17,95 Euro

"Liebevolles Unterlassen fällt Ärzten schwer"

sagt Prof. Gian Domenico Borasio und zeigt in seinem neuen Buch "Über das Sterben", was wir über das Sterben wissen, was wir für Menschen am Ende ihres Lebens tun können und wie wir uns jetzt schon darauf einstellen und vorsorgen können.

Einigen von Ihnen ist Prof. Borasio vielleicht bekannt, denn er ist der DGM und die DGM ihm seit vielen Jahren sehr verbunden. Als Neurologe baute er die ALS-Ambulanz in München auf, als führender Palliativmediziner und Lehrstuhlinhaber war er ebenfalls lange Jahre in München tätig und brachte als einer von ganz wenigen die Bedürfnisse neurologisch erkrankter Menschen, besonders die der Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen und ALS in dieses Fachgebiet ein, seit Mitte letzten Jahres wirkt er von Lausanne aus. U. a. ist er der Verfasser unserer ALS-Informationen für Patienten und Angehörige, wirkte in einem Arbeitskreis mit an der Erstellung der weithin bekannten "bayrischen Patientenverfügung", wurde im Gesetzgebungsverfahren zur Patientenverfügung vom Bundestag als Experte gehört und hat bewirkt, dass Palliativmedizin als Pflichtfach in die ärztliche Ausbildung aufgenommen wurde.

Er engagiert sich gleichermaßen fachlich wie politisch mit klaren Standpunkten für die Anliegen schwerkranker und sterbender Menschen – in Deutschland und auch international. Er ist einer, dem das Wohl seiner Patienten auf umfassende Weise am Herzen liegt und der sich ihnen ganz menschlich zuwendet. Zugleich verfügt er über die seltene Fähigkeit, komplexe Sachverhalte einfach und verständlich auszudrücken, wie Sie in dem hier vorgestellten Buch selbst erfahren können, das trotz des wenig eingängigen Themas sofort nach seinem Erscheinen die Bestsellerlisten stürmte und das auch ich Ihnen sehr ans Herz legen möchte. Obwohl das Buch sich an uns alle richtet, die wir eines Tages sterben werden, sind einige der angeführten Praxisbeispiele Borasios Erfahrung in der palliativmedizinischen Behandlung von Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen entnommen und damit für Sie besonders geeignet.

Klappentext: "Am Anfang des Buches steht ein ungewohnter Gedanke: Geburt und Tod haben viel gemeinsam, beides sind Ereignisse, für die die Natur bestimmte Programme vorgesehen hat. Sie laufen dann am besten ab, wenn sie möglichst wenig gestört werden. Palliativbetreuung und Sterbebegleitung, wie Borasio sie versteht, sind deshalb viel mehr als medizinische Symptomkontrolle. Vor allem leben sie von der Kommunikation, dem Gespräch zwischen allen Beteiligten, das die medizinische, psychosoziale und spirituelle Betreuung erst möglich macht. Sachlich informierend und argumentierend, setzt sich Borasio aber auch mit dem schwierigen Thema 'Sterbehilfe' und mit Mythos und Realität der Palliativ- und Hospizarbeit auseinander. Ungeschminkt benennt er zudem die schlimmsten Fehler am Lebensende und sagt, wie man sich am besten davor schützt – einschließlich konkreter Hinweise zu Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. Aus der Sicht des Arztes, der sich auch für die Seelennöte der Menschen zuständig weiß, leistet dieses Buch dringend notwendige Aufklärung über ein Lebensthema, das wir zu unserem eigenen Schaden mit zahlreichen Tabus belegen.

"Das Buch ist als eine Hilfsschrift gedacht und behandelt Fragen, mit denen sich jeder irgendwann auseinandersetzen muss. Besonders eine Hoffnung verbindet Borasio mit diesem Buch: nämlich die bei uns in Deutschland weitverbreitete Angst vor dem Lebensende ein paar Millimeter herunterzubringen. vor allem die Angst davor, ausgeliefert zu sein, und vor qualvollen Symptomen in der Sterbephase. Das Buch versucht, diese Ängste durch Informationen und praktische Tipps zu reduzieren.

Ein einfaches Beispiel ist, dass Sterbenden reflexhaft Flüssigkeit und Sauerstoff gegeben werden, um zu verhindern, dass sie "verdursten und ersticken", wie es heißt. Falsch! Dabei wird genau das Gegenteil erreicht. Durstgefühl lässt sich aber zum Beispiel mit konsequenter Mundpflege oder auch kleinen Eiswürfeln gut beheben. Die künstlich zugeführte Flüssigkeit hingegen kann in der Sterbephase nicht ausgeschieden werden, weil die Nieren ihre Funktion einschränken. Dann lagert sich die Flüssigkeit in der Lunge ein und verursacht Atemnot.

Atemnot ist dasjenige Symptom, das schwerste existenzielle Ängste auslöst, und diese Angst verstärkt noch die Atemnot, wodurch sich wiederum die Angst vergrößert – ein Teufelskreis. Das wirksamste Medikament dagegen ist das Morphin. Davor haben aber Ärzte Angst, wegen der atemdämpfenden Wirkung von Morphin, obwohl wir seit 1993 wissen, dass Morphin das beste und sicherste Medikament bei Atemnot ist. Angesichts der vorhandenen Daten stellt die Nichtbehandlung einer terminalen Atemnot mit Morphin eindeutig einen Kunstfehler dar, so Borasio.

Maßnahmen, die für den Patienten in seiner aktuellen Situation wirkungslos oder sogar schädlich wären, wie die oben erwähnten, dürfen vom Arzt nicht angeordnet werden. Das ist keine passive Sterbehilfe, sondern nur gute Medizin. Der Bundesgerichtshof hat 2010 im Übrigen eindeutig festgestellt, dass das Unterlassen oder Beenden einer begonnenen Behandlung gerechtfertigt ist, wenn dies dem Patientenwillen entspricht.

Der psychosozialen Betreuung (für Patienten und Angehörige) ebenso wie der spirituellen Begleitung wird in diesem Buch großer Raum und damit große Bedeutung eingeräumt. Spiritualität wird hier losgelöst von einer ausschließlich religiösen Angelegenheit betrachtet. Sie ist gekoppelt mit Wertvorstellungen und Lebenssinn und kann in schwersten Situationen eine Ressource für den Einzelnen sein. Meditation wird als ein bewährtes Mittel für viele Patienten vorgestellt.

Kurzum: Lesen Sie dieses Buch – und verschenken Sie es an Menschen, die Ihnen am Herzen liegen!

Antje Faatz