Mensch und Maschine

Wie Brain-Computer-Interfaces und andere Innovationen gelähmten Menschen kommunizieren helfen

Karl-Heinz Pantke (Hrsg.)
Mabuse-Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2010
ISBN-10:
978-3-940529-59-6
183 Seiten
19,90 EUR

Wie Computer gelähmten Menschen helfen

Vielerorts im medizinisch-therapeutischen bzw. sonderpädagogischen Bereich lässt sich beobachten, dass der Einsatz von Mikroelektronik und Computern eine neue Form der Förderung von Menschen mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen ermöglicht. Unter den technikintensiven Hilfsmitteln nehmen die so genannten „Brain-Computer-Interfaces“ (BCI) einen besonderen Platz ein: Sie ermöglichen eine Gerätesteuerung direkt über die willentliche Hirnaktivität. Damit empfiehlt sich diese Technologie für Menschen mit Locked-in-Syndrom (LIS), hoher Querschnittslähmung oder fortgeschrittener amyotropher Lateralsklerose (ALS): Diese Erkrankungen sind dadurch gekennzeichnet, dass die betroffene Person bei klarem Bewusstsein und vollen kognitiven Fähigkeiten keine Bewegungen mehr ausführen kann. Die innovativen Brain-Computer-Interfaces, die hier zum Aufbau der Kommunikation und zur Umweltsteuerung eingesetzt werden, stehen im Mittelpunkt des vorliegenden Buches, das nach dem Bekunden des Herausgebers beleuchten möchte, „wie Computer gelähmten Menschen helfen“ (Seite7).

Wie bereits festgestellt wurde, unterzieht der Fortschritt im Bereich Mikroelektronik auch den Bereich der Hilfsmittel einer rasanten Entwicklung. Das Feld der Brain-Computer-Interfaces (BCI) dürfte bislang allerdings nur Fachleuten ein Begriff sein. Ganz zu Unrecht, denn Berührungspunkte mit anderen Disziplinen –etwa dem Feld der Unterstützten Kommunikation - werden bereits jetzt deutlich. Mit seinen zehn Beiträgen unternimmt der vorliegende Band daher den dankenswerten Versuch, einen Überblick über das wichtige und wachsende Forschungs- und Anwendungsfeld der so genannten BCI-Technik – und angrenzender Gebiete - zu geben. Dabei gelingt es den Autorinnen und Autoren, das Thema in der Tiefe – von der Natur zerebraler Prozesse über die Erfassung neuronaler Signale bis zu ihrer Verarbeitung an Schnittstellen – und in der Breite anhand verschiedener Anwendungsbereiche darzustellen. Insgesamt merkt man dem Sammelband an, dass die Artikel nicht einfach nebeneinander gestellt wurden, sondern einem größeren Konzept folgen.Alle Beiträge bemühen sich um eine verständliche, aktuelle Darstellung; aufgrund des sehr speziellen Themas - vor allem im medizinisch-neurologischen Bereich - bleiben Fachwörter und mitunter eine Fülle (auf den ersten Blick) kryptischer Abkürzungen nicht aus (die allerdings sämtlich erklärt werden). Nicht unbedingt als leichte Bettlektüre geeignet, empfiehlt sich das Buch indes für alle Therapeuten, Ärzte, Pädagogen und Angehörigen, die mit Menschen leben und arbeiten, die unter schweren neurologischen Erkrankungen oder Lähmungen leiden.

In relativ knapper Darstellung und anhand von Artikeln zu speziellen Themen lässt sich schnell ein fundierter Überblick über grundlegende Prinzipien der BCI-Technik sowie deren Anwendungsbereiche erlangen. Insbesondere unter der Perspektive Unterstützte Kommunikation möchte ich das Buch empfehlen, da sich durch BCIs neue, interessante Entwicklungen ankündigen, die vermutlich bis in den Bereich der Unterstützten Kommunikation hinein wirken werden. Was ja auch vor allem im letzten Beitrag aufscheint, bei dem es ja nicht mehr um BCI-Technik im eigentlichen Sinne geht. Neben den informativen – und zugegebenermaßen teils sehr speziellen – Beiträgen habe ich daher das Kapitel über Open Source-Software mit sehr viel Interesse gelesen und empfinde es als gelungene Ergänzung der übrigen Beiträge.Erwähnenswert aus meiner Sicht ist auch, dass sich die inhaltliche Vielfalt des Buches in der Auswahl der Autor/innen widerspiegelt. Es kommen nicht nur "akademische" Fachleute zu Wort, sondern ebenso die eigentlichen Expertinnen und Experten für ihr Gebiet: die von Behinderung betroffenen Nutzerinnen und Nutzer der BCI-Technologie.

Fazit

Das Buch vermittelt einen ebenso fachlich anspruchsvollen wie allgemeinverständlichen Zugang zu den medizinischen Hintergründen, technischen Details und praktischen Einsatzmöglichkeiten so genannter „Brain-Computer-Interfaces“. Damit eröffnet es aktuelle Einblicke in einen Teil medizinisch-therapeutischen Arbeitens und Forschens, der in naher Zukunft gerade für die Unterstützung von Menschen mit schwersten Formen von Lähmungen wegweisend werden dürfte.

Herausgeber und Autor/innen

Der Herausgeber Karl-Heinz Pantke, Jahrgang 1955, ist Lehrbeauftragter für Unterstützte Kommunikation an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen, Berlin. Durch seine eigene Krankheitsgeschichte ist er mit dem Thema auf besondere Weise verbunden: Pantke erlitt 1995 einen schweren Schlaganfall und durchlebte ein mehrjähriges Locked-in-Syndrom.Im Jahr 2000 gründete Karl-Heinz Pantke den Verein LIS e.V., der Menschen mit Locked-in-Syndrom unterstützt. Karl-Heinz Pantke hat außerdem einen Erfahrungsbericht und ein Fachbuch über seine Erkrankung verfasst. Die anderen 20 Autorinnen und Autoren der Beiträge sind z.B. als Betroffene, Mediziner/innen, Neurowissenschaftler/innen und Hilfsmittelentwickler/innen Fachleute für das Thema des Buches.

Rezensent

Dr. Stefan Anderssohn, Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. (fa) Für Menschen mit Neuromuskulären Erkrankungen und ihre Angehörigen sind vielleicht die folgenden Kapitel des Buches besonders interessant und lesenswert:
„Gehirn-Computer-Schnittstellen bei Lähmungen“: Das Autorenteam um den Psychologen und Neurobiologen Niels Birbaumer bietet eine Übersicht zum Forschungsstand auf diesem Feld und bewertet den Einsatz bei verschiedenen Formen von Erkrankungen.
„Unterstützte Kommunikation bei erworbenen motorischen Einschränkungen“ ist das Thema des Beitrages von Karl-Heinz Pantke, Angela Jansen, Anama Fronhoff, Norbert Wernitz und Sonja Ufer. Die Autorinnen und Autoren sind aufgrund von ALS und anderen neurologischen Erkrankungen selbst Nutzerinnen unterstützender Kommunikationstechnik und schildern ihre individuellen Erfahrungen und Erfolge mit unterschiedlichen Systemen.
„Open Source und Freie Software als Hilfsmittel zur Unterstützten Kommunikation“: Julius Deutsch und Julia Gniffke vom Verein Kommhelp e.V. stellen Programme zur Ansteuerung und Kommunikation vor, die kostenlos im Internet verfügbar sind. Gemeinsam mit Kommhelp e.V. bietet die DGM auch in diesem Jahr wieder eine Schulung zum letztgenannten Thema an, die Ausschreibung finden Sie im aktuellen Muskelreport.