04.03.2026

MIYEL: Beats, Bässe und eine Welt ohne Barrieren

Michael Großmann vor seinem Computer
Hat Spaß beim Musikmachen: Michael Großmann.

Autor: Stefan Mertlik

Draußen herrscht dörfliche Ruhe, drinnen toben die Bässe. Michael Großmann produziert unter dem Künstlernamen MIYEL in seiner Wohnung  elektronische Tanzmusik. Für den 33-Jährigen mit Muskeldystrophie Duchenne ist Musik ein Weg, um Barrieren einzureißen.

Das Mosaik auf dem Computerbildschirm wirkt auf den ersten Blick chaotisch. Doch wenn Michael Großmann auf die hunderten kleinen, bunten Balken blickt, sieht er ein Raster seiner Kreativität. Jeder Balken steht für einen Klang, eine Kick- oder Snaredrum, die er in der Software FL Studio nach Belieben verschiebt und bearbeitet. „Ich will Musik machen, die die Leute zum Tanzen bringt“, sagt er. Unter dem Künstlernamen MIYEL, was aus dem Hebräischen stammt und Michael heißt, veröffentlicht er elektronische Tanzmusik (EDM). Sein Ziel ist Eskapismus im besten Sinne: Klänge schaffen, bei denen man den Alltag vergisst.

Sein Sound ist euphorisch, getragen von eingängigen Melodien. Die Inspiration dafür liefern die ganz Großen: Scooter, Robin Schulz, Kygo und Martin Garrix sind seine Vorbilder. Aber besonders die lebensbejahenden Harmonien des verstorbenen schwedischen Star-DJs Avicii haben es ihm angetan – was er mit einem Tattoo verewigt hat. Auf seinem Unterarm prangt in schwarzer Tinte das Avicii-Logo mit dem Schriftzug „Your Music Lives Forever“ – deine Musik lebt für immer.

Aus dem Hobby- wird ein Profi-Musiker

Michael Großmann bewegt sich in einer boomenden Szene. Stars der elektronischen Tanzmusik verdienen Millionen, EMD-Festivals zählen zu den größten Musik-Events der Welt. Es ist ein gigantischer Markt, dessen Kurve weiter steil nach oben zeigt: Laut Business Research Insights soll das Volumen von 11,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf 23,7 Milliarden US-Dollar in 2033 anwachsen.

In diesem riesigen Ozean aus Beats und Bässen versucht Großmann, seine eigene Welle zu reiten. „Früher war es nur ein Hobby“, erzählt er. Doch 2020, als die Welt im Corona-Stillstand verharrte, wagte er die Professionalisierung. Er absolvierte Online-Kurse, um die Tiefen der Produktionstechnik zu verstehen, und brachte Struktur in den Veröffentlichungsrhythmus seiner Lieder, die auf den gängigen Streaming-Plattformen zu hören sind.

Michael Großmann
Michael Großmann ist MIYEL.

Der Blick durch sein Studio unterstreicht diesen Anspruch: Hochwertige Monitorboxen auf Schaumstoffunterlagen, eine Tastaturmatte mit Frequenztabellen und Shortcuts. Michael sitzt in seinem Rollstuhl davor, auf dem Kopf ein schwarzes Cap mit seinem Künstlernamen. Für Großmann ist EDM mehr als eine Musikrichtung – sie dient ihm als barrierefreier Spielplatz der Verwirklichung. „Der Vorteil ist: Man braucht nicht zwingend eine Band“, erklärt er. Da er körperlich keine Instrumente spielen kann, wird der Computer zu seinem Orchester. Seine Arbeitsweise ist pragmatisch: Samples, also zum Beispiel Klangschnipsel von Melodien, kauft er im Netz. Neuerdings experimentiert er mit Künstlicher Intelligenz, um Gesangsstimmen zu erzeugen. Nur der eigene Perfektionismus steht ihm manchmal im Weg. „Es fällt mir schwer, beim Produzieren das Ende zu finden.“

Die Entscheidung für die Musik versteht Großmann auch als Antwort auf einen Arbeitsmarkt, der sich ihm kaum inklusiv zeigte. Nach Realschulabschluss, Fachabitur und einer Ausbildung zum Mediengestalter war Schluss für den Niedersachsen. Acht Jahre lang suchte er nach einer Anstellung – ohne Erfolg. „Ich habe gemerkt, dass Inklusion im Berufsleben eine andere Hausnummer ist als noch in der Schule“, resümiert er nüchtern. Als ihm der Arzt schließlich Arbeitsunfähigkeit bescheinigte, rückte die Musik in den Mittelpunkt.

Michael Großmann arbeitet an seinem Computer.
Konzentriert bei der Arbeit: Michael Großmann.

MIYEL richtet den Blick nach vorn

„Ein Traum wäre es, dass die Leute meine Musik hören und feiern“, sagt er. Zwar hat er auf Festivals wie dem „Airbeat One“ erlebt, wie offen die EDM-Gemeinschaft sein kann, doch auf der Bühne sieht er sich selbst noch nicht. Vorerst gelte es, weitere Lieder zu veröffentlichen und eine Hörerschaft aufzubauen.

Großmanns Blick richtet sich also nach vorn: Sein Wunsch wäre eine Ausbildung zum Audioingenieur, um seine Fähigkeiten auf ein neues Level zu heben – ein Traum, der bisher an der Finanzierung scheiterte. Doch in seiner Wohnung, zwischen Scooter-Postern und Frequenz-Kurven, arbeitet MIYEL weiter. Takt für Takt. Dort, wo es keine Barrieren gibt, nur Musik.

Mehr von MIYEL

Wer in die Songs von Michael Großmann reinhören möchte, findet alle Links zu den Streaming-Plattformen (Spotify, Apple Music & Co.) auf seiner Website. Auf YouTube ist MIYEL ebenfalls vertreten - dort unter @mg.musikproduktion.offiziell. Seine neue Single „I Don't Say It Enough“ erscheint am 6. März.

MIYELs Website