Maria Stock: "Die Lage ist erst dann beschissen, wenn wir uns nicht mehr zu helfen wissen"
Autoren: André Neutag und Florian Papenfuß
Dem Vergleich mit dem berühmten Duracell-Häschen aus der TV-Werbung würde Marie Stock mit ihren 23 Jahren ohne Probleme Stand halten. Sie ist ein echtes Powerpaket. 700 Kilometer mit dem Liegerad von München nach Berlin – und das in einer Woche? Kein Problem für die angehende Epidemiologin – selbst mit einer angeborenen kongenitalen Muskeldystrophie. Ende Februar war die sportbegeisterte Bayerin zu Gast beim Leipziger Muskelstammtisch und berichtete voller Begeisterung über ihre Leidenschaft – dem Radeln durchs Land.
Zum Glück war die 23-Jährige mit dem Auto nach Leipzig angereist, denn im öffentlichen Nahverkehr ging an diesem Tag gar nichts mehr. Die Leipziger Verkehrsbetriebe wurden bestreikt. Somit hatten die Mitglieder des Leipziger DGM-Muskelstammtischs, viele davon mit Gehbeeinträchtigungen und/oder Rollstuhl unterwegs, ihre liebe Mühe, überhaupt zum ersten Treffen im Jahr 2026 zu kommen. Einige von ihnen mussten dem Organisator André Neutag leider absagen, 15 Interessierte schafften es aber dennoch in den Kids-Campus vom SEB Leipzig im Leipziger Osten.
Mit etwas Verspätung legte die weit angereiste Rednerin los. In 90 Minuten begeisterte Marie mit einer Präsentation, die so vieles transportierte: eine wahnsinnig positive Lebenseinstellung und den puren Spaß am Leben. Vor allem aber gab sie allen Teilnehmenden die Botschaft, dass man alles schaffen kann, wenn man nur ganz fest daran glaubt und dafür kämpft. So lautete der Titel ihres Vortrags auch: Ein Beitrag zum Mut machen und Grenzen überwinden. Wenn es nach Marie geht, sind Grenzen wohl nur dazu da, um sie zu überqueren. Wenn sie eines ist, dann eine Kämpferin mit einem schier unbändigen Willen, es allen zu zeigen.
Doch der Reihe nach. Da Marie niemanden aus der Runde kannte, schlug sie zum Einstieg die bekannte Vorstellungsrunde vor, die sie selbst allerdings etwas abwandelte, um den oftmals typischen Beschreibungen zu entgehen. Neben dem Vornamen wollte sie nämlich von jedem Einzelnen drei Wörter zum Thema „Draußen aktiv sein bedeutet für mich“ wissen, verbunden mit einem kurzen Feedback, welche Erwartungen die Teilnehmenden an den Workshop mit ihr haben. Wo wir auch schon direkt beim Thema wären. Marie wollte nicht bloß einen monotonen Vortrag halten, sondern versuchte an vielen Stellen, die Gruppenmitglieder mitzunehmen und aktiv zu beteiligen. So gab es direkt zu Beginn eine Abfrage, worauf die meisten Lust hätten, wenn der Frühling kommt und was sie daran hindern würde.
Die Präsentation selbst startete mit ihrer ganz eigenen Lebensgeschichte. Auf einem Dorf in Oberbayern aufwachsend, begannen bei Marie im Kleinkindalter die ersten Probleme und es machten sich die ersten Zeichen ihrer Muskelerkrankung (Rigid Spine Syndrom) bemerkbar. Dadurch, dass ihr das Laufen schon als kleines Kind immer schwerer fiel, fand sie schnell Freude am fahrbaren Untersatz. Auf einem Foto sah man sie begeistert auf einem Laufrad düsen. Viele Momente ihrer Kindheit verbrachte sie in Korsetts oder Krankenhäusern, bis sie ihre immer schlimmer werdende Skoliose operativ behandeln ließ. Seitdem hat sie ein Rückgrat aus Titan – neben ihrem Herz aus Gold, welches vor allem für die Stiftung Ambulantes Kinderhospiz München sowie die Kinderherzen Stiftung München schlägt. Als sie vor Jahren einmal im weit entfernten Brandenburg eine Reha absolvierte, machte sie den dortigen Mitarbeitenden eine klare Ansage: „Wenn ich wieder Fahrrad fahren kann, dann besuche ich euch damit in der Rehaklinik!“
Eines wurde an dem Samstag im Leipziger Kids-Campus schnell klar. Wenn sich Marie Ziele in den Kopf setzt, dann arbeitet sie so lange daran, bis sie sie erreicht. Seit nun mehr fünf Jahren radelt Marie mit ihrem Liegerad quer durchs Land und legt dabei Strecken von knapp 100 Kilometern zurück – pro Tag, wobei sie die Streckenlänge von Jahr zu Jahr steigerte. Marie wollte durch das Radeln Spenden für die oben genannten Stiftungen akquirieren. So entstand die Initiative 5wheels4hope, für die Marie und ihre Mitstreiterinnen Kilometerpaten suchten. Für jeden zurückgelegten Kilometer rief sie Menschen auf zu spenden. Die erste Strecke im Jahr 2021 verlief dann von Passau bis nach Wien, immer dem Donauradweg entlang. Am Ende standen 362 Kilometer in sechs Tagen, wobei an ihrer Seite immer mal wieder andere Freunde und Bekannte waren, die sie auf einzelnen Etappen begleiten und für gute Laune und tolle Gespräche auf der Fahrt sorgten.
Was selbst für gesunde Radler ein ordentliches Pensum darstellt, ist für Marie immer mehr zur Normalität geworden. 2023 waren es bereits 438 Kilometer in sieben Tagen inklusive Alpenüberquerung, bis sie 2024 dann ihr Versprechen wahrmachte: In München gestartet, ging es in nur einer Woche 760 Kilometer nach Berlin, natürlich mit Zwischenhalt in der brandenburgischen Reha-Klinik. Sie hält ihre Versprechen eben ein. Bis 2024 konnte sie durch ihre Radtouren Spenden in Höhe von knapp 20.000 Euro für beide Stiftungen beschaffen, die damit unter anderem vier Kinderwagen, drei Spieltische, einen Stillstuhl, eine Spielküche und vieles andere anschafften.
Das stetige und anstrengende Training hat sich bezahlt gemacht, auch wenn sie zugibt, dass sie hin und wieder auch mal über ihre Grenzen geht. Für Muskelkranke wie uns kann dies kontraproduktiv sein und das weiß sie auch. Dennoch sind ihre Motivation und der Wille, die Etappe zu schaffen, größer als die Sorge vor verschleißenden Muskeln. So hat sie für die Wintermonate Mono-Skifahren für sich entdeckt. Hierfür wurden spezielle Formen des Mono-Skis für Rollstuhlfahrer entwickelt, die auf diese Weise sitzend den Skisport ausüben können. Im Sommer genießt sie hingegen auch mal das kühle Nass oder nimmt sich Zeit für ihre zweite große Leidenschaft: den Pferden, für welche sie auch eine Patenschaft übernommen hat. Wenn die Zeit es zulässt, ist sie so oft es geht bei den Vierbeinern.
Nach dem offiziellen Teil kamen Marie und die Stammtisch-Teilnehmenden noch ins Gespräch, plauderten bei Knabbereien und Getränken über dies und das. Eines war am Ende überall spürbar. Marie hat die Gruppe mit ihrem Tatendrang und Enthusiasmus mitgezogen, alle waren entzückt von so viel Leichtigkeit trotz der vielen Hürden in ihrer Vergangenheit. So schloss sie ihren Vortrag denn auch mit fünf Punkten, die es im Leben braucht: ein Ziel, ein Support-Team, einen passenden Termin, das nötige Equipment und vor allem – den ersten Schritt, gepaart mit Mut, einer gewissen Frustrationstoleranz und jeder Menge Durchhaltevermögen und Spaß.
Danke, liebe Marie, für die begeisterte und begeisternde Präsentation und für diesen wirklich motivierenden Nachmittag. Du hast uns mitgerissen, sodass wir alle wieder mehr nach draußen wollen. Nun, wo das Wetter auch so herrlich mitspielt, steht der Bewegung im Freien nichts mehr im Wege, wenn wir uns an Deine Worte halten. Wer Marie über die sozialen Medien folgen möchte kann dies tun. Auf Instagram ist sie zu finden als @titanmachtsmoeglich
Übrigens...
Der nächste Muskelstammtisch ist für den 30. Mai 2026 termininert. Genaueres dazu folgt in Kürze wie immer vom Leiter des Muskelstammtischs André Neutag, zu erreichen unter der E-Mail-Adresse andre.neutag@dgm.org.