Jonas Anders steuert nur mit seinen Augen ein Flugzeug
Autor: Stefan Mertlik
Jonas Anders kann trotz seiner Duchenne-Erkrankung ein Flugzeug fliegen. Ein Flugsimulator und eine Kamera, die die Augenbewegungen des 41-Jährigen in Steuerbefehle übersetzt, ermöglichen das.
„Wenn ich mich ins Flugzeug setze, kann ich für eine gewisse Zeit die Alltagsprobleme beiseitelassen“, sagt Jonas. Dann spüre er ein wenig Freiheit. Durch den Grand Canyon und über den Kilimandscharo sei er schon geflogen. Angetan habe es ihm aber der rund 35 Kilometer von seinem Wohnhaus entfernte Dresdner Flughafen. „Wenn die Flugzeuge aus südwestlicher Richtung nach Dresden fliegen, ist über unserem Ort ein Einstiegspunkt zum Landeanflug“, sagt Jonas.
Der Flugsimulator von Microsoft greift auf echte Satellitenbilder zurück, wodurch die virtuelle Welt auf dem Computerbildschirm täuschend echt wirkt. Jonas Vater Frank staunt immer wieder, wie realistisch diese Welt aus Pixeln aussieht. „Wenn wir über unseren Ort fliegen, sieht man jeden Feldweg“, sagt er. Beim Elternhaus seiner Ehefrau stimme sogar die Farbe des Bretterbeschlags.
Jonas fliegt am liebsten mit der Cessna Bonanza, einem leistungsstarken Leichtflugzeug. „Diese Maschine ist nicht so windempfindlich wie die Cessna Skyhawk“, erzählt er. Beim Flugsimulator handelt es sich keineswegs um ein Videospiel wie Tetris, Super Mario oder Call of Duty. Der Name verrät es schon: Das Programm ist ein Simulator, der das echte Fliegen eins-zu-eins in die virtuelle Welt übersetzen möchte.
Wer sich das erste Mal ins Cockpit setzt, wird schnell merken, wie anspruchsvoll es ist. Anfänger werden abstürzen. Wenn sie es überhaupt in die Lüfte schaffen. „Die ersten Male bin ich von der Startbahn abgekommen und in die Bäume geraten“, bestätigt auch Jonas. Rund 100 Stunden habe er üben müssen, um sicher mit der Cessna fliegen zu können. Derzeit versucht er sich an einem Passagierflugzeug. Unterstützt wird er dabei durch den YouTube-Kanal eines ehemaligen Airbus-Piloten. Vater Frank ist begeistert: „Jonas hört echten Piloten zu und überträgt das Gehörte in die virtuelle Welt.“
Aufgrund seiner Duchenne-Erkrankung muss Jonas liegen, kann sich kaum noch bewegen. Damit er trotzdem sein Flugzeug steuern kann, filmt eine Kamera seine Augenbewegungen und überträgt die so ausgelösten Befehle in den Computer. Einfach gesagt: Was andere mit einer Maus oder einem Joystick erledigen, schafft Jonas mit seinen Augen. Dabei ersetzt ein Blinzeln den Mausklick. 0,3 Sekunden müssen die Augen für einen einfachen Klick geschlossen bleiben, 0,6 Sekunden für einen Doppelklick. „Es hat eine gewisse Zeit gedauert, bis ich das raushatte“, sagt Jonas.
„Jonas‘ Blick ist durch die Bildschirmsteuerung präziser geworden“, hat Vater Frank festgestellt. Denn die Schaltflächen, die Jonas anklicken muss, sind zum Teil sehr klein. Damit er diese trifft, muss er seinen Blick genau fokussieren. Trainingseffekt nennt Frank das. Mittlerweile sei er mit den Augen schneller als so mancher Mausnutzer mit der Hand.
Videospiele können „Erlebnisse erfahrbar machen, die vielleicht behinderungsbedingt nicht möglich sind, wie etwa Autofahren, Sport und Abenteuer“, schreiben Linda Scholz und Daniel Heinz vom pädagogischen Spieleratgeber NRW, der vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert wird, in einem Dossier. Das digitale Umfeld im Allgemeinen und das digitale Spielen im Speziellen würden den Sozialraum und die gesellschaftliche Teilhabe erweitern. Mittlerweile haben Hard- und Software-Hersteller die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung erkannt. Entsprechend stellen sie Hilfsmittel her oder geben die Möglichkeit, das Spielerlebnis durch individuelle Einstellungen an das eigene Verhalten anzupassen.
Doch der Weg in die digitale Welt war für Jonas aufgrund seiner Erkrankung ein besonders schwerer. Zehn Jahre habe er herumprobiert, Soft- und Hardware immer wieder ausgetauscht, Einstellungen optimiert. Viel Zeit verbrachte er dafür im Internet, tauschte sich in Foren mit anderen Videospielern aus. Und immer, wenn Jonas ein Kabel umstecken oder eine neue Grafikkarte einbauen wollte, musste der Papa ran. „Ich bin dann nur noch der verlängerte Arm für ihn“, sagt Frank und lacht. Der 70-Jährige arbeitete früher als Elektrotechniker und vermutet, dass er diese Lust am Thema an seinen Sohn vererbt hat. Doch Jonas‘ Freude am Tüfteln kam keinesfalls erst mit dem Flugsimulator. Schon als Jugendlicher hat er an ferngesteuerten Autos herumgebastelt, wie sich Frank erinnert. Jonas habe sich alle Kenntnisse selbst angeeignet. „Ich bin sehr stolz auf ihn.“
Woher kommt dieser Biss? Als Jonas‘ Klassenkameraden in der Grundschule die Treppe hinunter in die Sporthalle stürmten, lief er hinterher. Wofür seine Mitschüler eine Minute brauchten, dauerte bei ihm aufgrund seiner Erkrankung zehn. „Vielleicht hat das dazu beigetragen, eine gewisse Ausdauer zu erlangen“, sagt Jonas. Und auch heute denkt er nicht ans Aufhören. Das Optimieren seiner Computertechnik soll trotz oder gerade aufgrund aller Widrigkeiten weitergehen. „Ich kann meine Finger eigentlich nicht mehr bewegen, aber eine ganz kleine Restkraft ist noch dahinter“, berichtet Jonas. Für einen Tastendruck reiche das nicht mehr, aber Sensoren am Unterarm könnten Nervenimpulse aufnehmen. Vielleicht ließe sich so eine weitere Steuerungsmöglichkeit erzeugen.
Hilfsmittelberatung der DGM
Ein Team in der Bundesgeschäftsstelle berät bei der Auswahl von Hilfsmitteln aller Art: von der kleinen Alltagshilfe über Kraftfahrzeug-Umrüstungen oder Kommunikationshilfen bis hin zur Rollstuhlversorgung und Wohnraumanpassung. Aber auch bei der Suche nach Anbietern und Herstellern helfen die Beraterinnen gerne: T 07665 944750 oder beratung@dgm.org.
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