14.08.2025

Duchenne-Muskeldystrophie: Messen, was wirklich zählt

Mikroskop

In der Fachzeitschrift „Developmental Medicine and Child Neurology“ ist im Frühjahr ein Kommentar veröffentlicht worden mit dem Titel „Measuring what really matters: Why developing patient-reported outcome measures in Duchenne muscular dystrophy should involve patients and caregivers”. Darin beschreiben die Autoren, dass Patienten und Angehörige bei Muskelerkrankungen in die Messung von Ergebnissen einbezogen werden sollen. Aber wer entscheidet, was in einem solchen PROM abgefragt wird? Wie werden solche PROMs entwickelt? Lesen Sie hier eine gekürzte Übersetzung des Kommentars.

Für Patientinnen mit Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) und ihre Angehörigen waren die vergangenen Jahre geprägt von unterschiedlichen, zum Teil sehr vielversprechenden neuen Therapieoptionen. Dennoch hat bislang keine dieser Therapien zu einem so wesentlichen Fortschritt geführt wie beispielsweise die Entwicklungen bei der spinalen Muskelatrophie. Unabhängig davon bleibt eine zentrale Frage bestehen, sobald neue Studien und Behandlungsansätze diskutiert werden: Was ist aus Sicht der Patienten und ihrer Angehörigen ein relevantes Ergebnis – und wie kann dieses in Studien angemessen abgebildet werden?

Eine besondere Herausforderung bei DMD besteht darin, dass die Symptome bereits im frühen Kindesalter beginnen und die motorischen Fähigkeiten über Jahre hinweg langsam abnehmen, häufig mit Verlust der Gehfähigkeit im Jugendalter. Aussagen der Betroffenen selbst zu erfassen, ist daher besonders bei jüngeren Kindern schwierig. Lowes und Kolleginnen berichteten über das Patient-Reported Outcomes Measurement Information System (PROMIS), bei dem Eltern stellvertretend für ihre Kinder Auskunft geben (1). Die Ergebnisse zeigten, dass dieses Modell Unterschiede zwischen Patienten mit verschiedenen Mobilitätsniveaus abbilden kann. Doch ist dies tatsächlich der richtige Weg, um klassische Funktionsmessungen wie die des North Star Ambulatory Assessment zu ersetzen? Und sind diese Messungen für Patienten wirklich bedeutsam?

Es gibt mehrere Gründe, warum die Entwicklung von patientenberichteten Ergebnisinstrumenten (PROMs) bei neuromuskulären Erkrankungen in den vergangenen Jahren in den Vordergrund gerückt ist. Am wichtigsten ist, dass nur Personen mit eigener Erfahrung berichten können, wie sich Unterschiede in der Motorik auf ihren Alltag auswirken. Gleichzeitig gewinnen PROMs auch für diejenigen an Bedeutung, die die Gesundheitsversorgung finanzieren, da sie wissen möchten, ob eine Therapie tatsächlich im Alltag wirkt. Die Antwort wird jedoch immer von den individuellen Umständen abhängen: Schon die Verbesserung einer einzigen Fingerbewegung kann bedeuten, einen elektrischen Rollstuhl eigenständig bedienen oder Assistenzsysteme für die Kommunikation nutzen zu können.

Die Entwicklung von PROMs ist nicht nur bei DMD, sondern auch bei anderen Erkrankungen zunehmend relevant. So haben Carlton und Kolleginnen kürzlich ein Studienprotokoll zur Entwicklung von PROMs zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität bei amyotropher Lateralsklerose publiziert, wobei sowohl ein klinisches als auch ein Patientenbeirat das Forschungsteam ergänzen (2). Derselbe Erstautor hat zudem einen Vorschlag für ein Rahmenkonzept veröffentlicht, das die umfassende Öffentlichkeitsbeteiligung bei PROM-Entwicklung vorsieht (3). In beiden Publikationen steht die Einbindung von Patienten in alle Phasen als Priorität im Vordergrund.

Lowes et al. haben zudem qualitative Studien zur elterlichen und patientenzentrierten Perspektive auf DMD veröffentlicht (4). Dies stellt einen wichtigen Schritt dar, diesen Stimmen mehr Gewicht zu verleihen. Dennoch fehlt häufig eine detaillierte Darstellung, wie genau Patienten und Angehörige in die Forschung selbst – etwa in die Entwicklung der Forschungsfrage, die Gestaltung der Interviews oder die Auswertung der Befunde – einbezogen werden.

Patienten und Angehörige schon bei der Formulierung relevanter Fragestellungen einzubinden, ist unserer Ansicht nach ein entscheidender Schritt für sinnvolle, praxisrelevante Forschungsergebnisse. Letztlich sollten Forschungsprozesse immer dem Ziel dienen, Behandlung und Versorgung für Betroffene zu verbessern – und wie könnte das gelingen, ohne sie einzubeziehen? Es gibt bereits erfolgreiche Beispiele, wie Patienten, Angehörige und deren Vertretungen in groß angelegten Prozessen zur Entwicklung von Forschungsprioritäten einbezogen werden (5). Aus unserer Sicht sollte somit auch die Entwicklung von PROMs ein offener, kooperativer Prozess zwischen Wissenschaftlern, Patienten, Angehörigen und Patientenvertretungen sein.

Patienten und Angehörige verfügen über eine einzigartige Perspektive, die in Wissenschaft, Industrie und Regulierungsbehörden meist fehlt. Es sollte daher unser Ziel sein, diese Erfahrungen systematisch einzubeziehen und Patienten wie Angehörige auf allen Stufen des Forschungsprozesses mit einzubinden. Dies erfordert einen Kulturwandel, der vielerorts bereits begonnen hat – wenn auch unterschiedlich schnell. Forschende und Fachzeitschriften können diesen Wandel maßgeblich voranbringen, indem sie eine konsequente und transparente Beteiligung von Patienten und/oder deren Vertretungen zum Standard machen. So tragen wir dazu bei, letztlich das zu messen, was wirklich zählt.

Sebastian Friedrich (Universitätsklinikum Freiburg)
Thorsten Langer (Universitätsklinikum Freiburg)
Gudrun Reeskau (DGM)
Joachim Sproß (DGM)

Quellen:
(1) Lowes LP, Le Reun CM, Alfano LN, Reash NF, Iammarino MA, Patel S, u. a. Psychometric evaluation of the PROMIS parent proxy mobility item bank for use in Duchenne muscular dystrophy. Dev Med Child Neurol. Juli 2025;67(7):918–29. 
(2) Carlton J, Powell P, Rowen D, Williams C, Griffiths AW, Hobson E, u. a. Development of a novel patient reported outcome measure for health-related quality of life in amyotrophic lateral sclerosis (PROQuALS): study protocol. Health Qual Life Outcomes. 30. August 2024;22:69. 
(3) Carlton J, Peasgood T, Khan S, Barber R, Bostock J, Keetharuth AD. An emerging framework for fully incorporating public involvement (PI) into patient-reported outcome measures (PROMs). J Patient Rep Outcomes. 13. Januar 2020;4:4. 
(4) Brown V, Merikle E, Johnston K, Gooch K, Audhya I, Lowes L. A qualitative study to understand the Duchenne muscular dystrophy experience from the parent/patient perspective. J Patient Rep Outcomes. 12. Dezember 2023;7:129. 
(5) Cadwgan J, Goodwin J, Babcock B, Brick M, Chin R, Easton A, u. a. UK research priority setting for childhood neurological conditions. Dev Med Child Neurol. Dezember 2024;66(12):1590–9.