Neuseeland mal anders

Einwandern mit Muskelerkrankung, Teil 2

In der letzen Ausgabe des Newsletters berichtete ich über das Jobangebot aus Neuseeland, für den TV Sender Nickelodeon dort an der Fernsehserie „Die Pinguine von Madagascar” zu arbeiten. Ich erzählte von meiner Planung und Vorbereitung, dem langen Warten auf die Arbeitsgenehmigung, die verspätete Einreise und einen Sonnenbrand epischen Ausmaßes.

Ich erschien an meinem ersten Arbeitstag also sonnenverbrannt bei Oktobor Animation, meinem neuen Arbeitgeber am anderen Ende der Welt. Dort begrüssten mich gleich ein paar bekannte Gesichter aus früheren Arbeitsstellen und dem Studium. Bei einigen war das eine Überraschung, ich hatte keine Ahnung gehabt, dass sie auch hier arbeiten – die Filmwelt ist eben klein. Nach einer kurzen Einführung ins Studio und den Produktionsrichtlinien ging es am zweiten Tag voll los. Ich war aufgrund von Verzögerungen mit meinem Visum zwei Wochen zu spät angereist.
An sich kein Problem, denn jeder hier wusste, dass ich in Deutschland noch auf die notwendigen Papiere wartete. Jetzt da ich hier war, gab es aber keine weitere Zeit zu verlieren. Mein Team hatte bereits mit der Produktion der ersten Folge von „Die Pinguine von Madagascar” an der ich auch arbeiten sollte, begonnen. Als ich mich am nächsten Arbeitstag an meinen Computer setzte, sah ich schon eine lange Liste mit Szenen die mir zugeteilt waren und die ich im vorgegebenen Zeitrahmen abarbeiten sollte.

Jede Folge der Pinguine ist etwa elf Minuten lang, und jedes Team hatte acht Wochen Zeit bis zur Abgabe der fertigen Animation an Nickelodeon. Bei sechs bis acht Animatoren pro Team hies das, dass jeder eine Quote von etwa 12 Sekunden Film pro Woche zu erstellen hatte. Jede Sekunde Film setzt sich aus 24 einzelnen Filmbildern – sogenannten „frames” – zusammen. Wie im klassischen Zeichentrick werden die individuell erstellt, und erzeugen dann beim flüssigen Abspielen die Illusion von Bewegung. Bei der Computeranimation benutzen wir dafür nicht Papier und Bleistift, sondern digitale Puppen („Character Rigs” genannt) die in das Computerprogramm geladen und dann ähnlich einer Marionette oder Knet-Figur bewegt werden können. Zeichnen tut bei 3D Filmen fast keiner mehr – nur die Konzeptzeichner und Drehbuchautoren greifen noch zum Stift um ihre Ideen zu skizzieren und dem Rest vom Team zu zeigen, wie ihre Idee am Ende aussehen soll.

Bei der Animation geht es darum, Figuren zum Leben zu erwecken: egal ob Pinguine, Lemuren, Menschen, sprechende Autos oder lebendig gewordene Möbelstücke. Deshalb sind Animatoren in erster Linie Schauspieler. Allerdings mit zwei Unterschieden: während Schauspieler mehr oder weniger immer in ähnliche Rollen schlüpfen die ihrem Alter, Geschlecht, Aussehen, usw. entsprechen, müssen sich Animatoren in jede beliebige Rolle hinein denken können: vom kleinen Kind zum alten Mann („Oben”), von computeranimierten Tigern („Life of Pi”) zu sprechenden Eseln („Shrek”).
Und während für den Schauspieler eine halbminütige Unterhaltung mit einem Gegenüber auch genau eine halbe Minute dauert – oder ein paar Minuten, für mehrere Versuche – würde die gleiche Szene in einem Animationsfilm einen Animator wie mich etwa zwei Wochen beschäftigt halten. Ich würde dabei abwechselnd in die Rollen der beiden Figuren schlüpfen und mich in die Charakterzüge des einen wie auch des anderen hineindenken und für ihn agieren.

Tritt eine Figur in mehreren Szenen auf muss sichergestellt werden, dass die verschiedenen Animatoren die Charakterzüge der Figur beibehalten. Damit sich diese Figur in jeder Szene auf die selbe Art bewegt, hat der Regisseur ein Auge auf jede fertige Szene der Folge. Wenn zum Beispiel der gutmütige Private in einer bestimmten Szene zu böse in die Kamera schaut oder der smarte Kowalski sich zu tollpatschig anstellt geht die Szene mit Korrekturvorschlägen zurück zu dem Computer des Animators. Erst wenn der Regisseur sein OK zu jeder der Szenen gegeben hat ist die Animation abgeschlossen. Die Produzenten leiten unsere Arbeiten dann an die nächste Stufe in der Produktionskette weiter. Dort wird die Folge mit Licht, Schatten und Spezialeffekten wie Explosionen oder Rauch versehen. Das Animationsteam ist während dessen schon wieder dabei, die nächste Episode zu animieren.
Bis zu acht Animationsteams arbeiten so nebeneinander an verschiedenen Folgen. Ist nach zwei Monaten Arbeit am Freitag Abend die Episode abgabefertig, geht es am folgenden Montag gleich mit der nächsten wieder los. Produktionszeit ist teuer, und bei 200 Angestellten und festen Abgabefristen müssen Produktionsabläufe ohne Pausen und Wartezeiten funktionieren.

Neben der Arbeit wusste das Studio auch wie es uns anderweitig bei Laune halten konnte: ein Badminton Platz mitten im Studio, Billard Tisch, Playstation 3 und Tischkicker in der Küche, Zeichenunterricht mit Modell und Kunstlehrer. Kreative Wettkämpfe wie die besten Kostüme zu Halloween, Plätzchen-Wettbacken, Mal- und Photo-Wettbewerbe und Preiskämpfe um das beste selbstgebraute Bier bei den „Oktoberfest”-Feierlichkeiten – bei dem ich als der einzige Deutsche im Studio trotz kompletter Bier-Inkompetenz einen Ehrenplatz in der Jury bekam.

Über die ersten Wochen konnte ich mich auch mehr und mehr in Neuseeland einleben. Ich verließ mein Backpacker Hotel und zog in eine ebenerdige und möblierte Wohnung nur 500 m von dem Filmstudio entfernt. Am ersten Abend in den eigenen vier Wänden gab es gleich ein Erschrecken: meine Wohnung hatte überhaupt keine Heizung! Während ich erst noch der Meinung war hier jemandem auf dem Leim gegangen zu sein stellte sich aber schnell heraus, dass das in Neuseeland völlig normal ist. Wird es im Winter zu kalt, kauft man sich im Supermarkt einen Heizlüfter und der läuft dann durch die kalten Monate hindurch. Ich fand auch ein Auto mit dem ich gut fahren konnte – nach den ersten Rundfahrten mit dem Mietwagen durch die neuseeländische Landschaft war klar, dass etwas vierradgetriebenes für zukünftige Touren angemessener schien.

Die bald anstehenden Weihnachtsfeiertage verbrachte ich mit ein paar Freunden und meinem neuen fahrbaren Untersatz. Jeden Tag erkundeten wir andere Gegenden bei hochsommerlichen Temperaturen, denn auf der Südhalbkugel sind die Jahreszeiten  umgekehrt. Einer unserer Roadtrips führte uns nach Hobbingen, dem Film Set der Herr der Ringe Trilogie und der Hobbit Filme. Dort wurde ein komplettes Hobbit-Dorf samt Gärten, Wegen und Wirtshaus für den Dreh der Filme angelegt und in Stand gehalten. Wenn dort nicht gerade Filmaufnahmen statt fanden, stand das Dorf Touristen und Filmbegeisterten zum Besuch frei – unter den wachsamen Augen der Reiseführer, da hier weder Gegenstände verändert, noch unerlaubte Fotoaufnahmen gemacht werden durften. Ich konnte mit meiner Krücke und dem unebenen Gelände unmöglich an der eigentlichen Führung teilnehmen, und bekam zu meiner Überraschung eine private Führung vom Sicherheitspersonal. Während der Rest der Truppe unter den wachsamen Augen der Reiseführerin entlang festgesetzten Pfaden durch das Set geführt wurde, stand es mir und meiner Eskorte frei, beliebig an Absperrungen vorbei der Nase nach durch’s Dorf zu marschieren. Anschliessend lies es sich der Sicherheitsdienst auch nicht nehmen, mich im Auto zurück zum Ausgangspunkt am örtlichen Café zu fahren, da man es mir nicht zumuten wollte wieder in den hohen Reisebus mit dem wir gekommen waren einsteigen zu müssen. Für das ganze musste ich auch nur den halben Eintrittspreis zahlen, da ich ja – so die Meinung des Managements – der eigentlichen Führung leider nicht folgen konnte.

Unser längster Trip führte uns von Auckland nach Wellington – eine 12-stündige Fahrt über fast die komplette Nordinsel. Der Weg dorthin brachte uns durch Dschungel, über Berge, entlang Schluchten und durch eine kahle Wüstensteppe mit einem schneebedeckten Berg am leeren Horizont. Eigentlich war geplant, von Wellington aus mit der Fähre auf die Südinsel überzusetzen. Aber die Freunde die wir in Wellington trafen – ein ehemaliger Arbeitskollege mit dem wir zusammen an „Urmel voll in Fahrt” gearbeitet hatten und dessen Frau – schlossen uns so ins Herz, dass wir spontan entschieden bis zum Ende unseres Weihnachtsurlaubs zu bleiben. Wenn man eine gute Zeit hat, fliegen bekanntlich die Tage und Wochen nur so dahin. Und so ging mein geplantes Jahr in Neuseeland sehr schnell dem Ende zu. Anstatt meine Koffer zu packen, entschloss ich mich spontan auf eine angebotene Vertragsverlängerung einzugehen, und noch ein weiteres Jahr zu bleiben.

Von den Pinguinen von Madagascar musste ich mich trotzdem verabschieden – Nickelodeon stellte die Produktion der Serie ein und nach neun Folgen und fast eineinhalb Jahren Arbeit daran war „Das Murmelglas” die letzte Folge an der ich animieren durfte und auch die letzte, die weltweit produziert wurde.
Ersetzt wurden „Die Pinguine von Madagascar” bei uns durch „Kung Fu Panda – Legends of Awesomeness”, eine damals neue Serie im Programm von Nickelodeon. Anstatt der vier Unfug treibenden Pinguine galt es jetzt, einen Panda, einen Affen, eine Tigerin, eine Schlange und ein Gottesanbeter-Männchen Folge für Folge durch Kämpfe und andere Akrobatik zu animieren. Um uns Animatoren die Grundzüge des Kung Fu und korrekte Haltungen und Bewegungsabläufe zu demonstrieren holten die Produzenten für einen Tag eine örtliche Kampfschule ins Studio – damit später das ganze im Fernsehen auch möglichst glaubhaft aussieht wenn sich die „Furiosen Fünf” mit ihren Widersachern klopfen.
Deren Folgen hatten mit 22 Minuten eine doppelt so lange Laufzeit pro Episode wie die Pinguine. Oft waren dutzende von Figuren gleichzeitig in einer Szene zu sehen und es gab ausgedehnte Kampfsequenzen. Damit war „Kung Fu Panda – Legends of Awesomeness” eine echte Herausforderung für jeden im Studio. Die Produktionszeiten wurden verlängert, die Teamgrössen aufgestockt. In einem halben Jahr habe ich so nur an zwei kompletten Folgen arbeiten können („Po’s Verlobte” und „Riesig!”).

Aber auch das zweite Jahr ging irgendwann vorüber. Und jetzt wurde es wirklich Zeit mich nach neuen Ufern umzusehen. Nicht, weil es mir in Neuseeland nicht mehr gefiel – ganz im Gegenteil. Aber aus dem ehemaligen grossen Abenteuer war nach zwei Jahren dann doch Alltag geworden, und das andere Ende der Welt ist auf Dauer schon sehr weit weg von der Familie. Auf den Tag genau zwei Jahre habe ich in dem Studio gearbeitet, und bis zum Abflug nach Frankfurt blieben mir nur noch zwei weitere Wochen um meine Wohnung aufzulösen, das Auto zu verkaufen und meinen Besitz wieder soweit zu reduzieren, dass er in die zwei Koffer passte mit denen alles began.


Michael Herold ist gerade zurück in Deutschland nach einem erneuten Trip an das andere Ende der Welt. Wenn er nicht den Globus erkundet hält er Vorträge über Leben mit Behinderung und das Überwinden von Einschränkungen. Er schreibt unter www.michaelherold.de.