Neuseeland mal anders

Einwandern mit Muskelerkrankung, Teil 1

Das letzte Mal schrieb ich im Muskelreport über eine lange Liste von Wünschen, einen Drachenflug der alles ins Rollen brachte, und meinem Plan in Neuseeland zu leben. Das hier ist kein Bericht von oder über eine Reise. Es ist ein Bericht über ein Abenteuer – das größte meines bisherigen Lebens.

Ich habe eine Spinale Muskelatrophie Typ III und ich bin noch ganz gut selbstständig. Einen Kasten Wasser könnte ich jetzt nicht ins Haus wuchten. Und um meine wöchentlichen Einkäufe vom Auto in die Wohnung zu bekommen vergeht auch schonmal eine Stunde. Aber es geht alles immer irgendwie. Ich kann noch etwa 200m mit Gehstütze gehen und auch die meisten Treppen noch steigen. In Kombination mit meinem Auto, dem Behindertenparkausweis und meiner Bereitschaft zu Kompromissen funktioniert das Alltagsleben schon. Allerdings hatte ich mir zu diesem Zeitpunkt eingestehen müssen, dass meine Situation einen Punkt erreicht hatte, bei dem es nun doch Zeit wurde einen Elektrorollstuhl in mein Leben zu bringen. Ich hatte diese Entscheidung so lange ich es verantworten konnte hinausgezögert. Leider sah meine damalige Gesundheitskasse die Situation nicht mit dem selben Blickwinkel wie ich. Es stellte sich schnell heraus, dass ich hier wohl Geduld mitbringen musste.

Und dann kam das Jobangebot.

Vor einigen Jahren hatte ich an dem Animationsfilm “Urmel voll in Fahrt” mitgearbeitet. Einer meiner Kollegen und bald bester Freund war ein Norweger, den es nach diesem Projekt nach Neuseeland verschlug. Dort würde er nach  unserem Kinofilm an animierten Fernsehserien weiter arbeiten. Von ihm kam zwei Jahre später eine E-Mail: er sitzt jetzt seit ein paar Wochen in einem neu eröffneten Studio in Auckland, die Projekte und Arbeitsumgebung sind klasse, vom Land ganz zu schweigen, und ich solle meinen Allerwertesten dort auch hin schwingen. Sie hatten gerade begonnen, “Die Pinguine von Madagascar” zu produzieren, und suchten nun weltweit nach guten Animatoren. Unnötig zu erwähnen, dass diese E-Mail nur auf sehr kurze Bedenkzeit meinerseits stieß.

Aufgrund meiner Gehbehinderung wollte ich die einfache Zugänglichkeit der Räumlichkeiten im Vorfeld abgeklärt haben – ich wollte nicht um die halbe Welt fliegen um feststellen zu müssen, dass mein Schreibtisch im fünften Stock liegt und der Lift nicht funktioniert. Nein, alles gar kein Problem, so mein Kollege, der sich daraufhin im Studio detektivisch auf die Suche nach möglichen Problemen gemacht hatte. Alles ebenerdig, der Lift in die Kaffeeküche zuverlässig wie ein schweizer Uhrwerk und in Notfällen würde er den Kaffee dann auch an meinen Arbeitsplatz liefern. So schrieb ich an einem Sonntag Nachmittag eine Bewerbung per E-Mail. Als ich am Montagmorgen mein Postfach öffnete, fand ich darin schon die Zusage mitsamt Arbeitsvertrag – datiert auf gerade mal drei Wochen später, und für die Dauer eines Jahres.

Es wurde also ernst. Aber drei Wochen, das war aller Begeisterung zum Trotz nicht machbar. Erstmal erklärte ich dem Studio, dass mein Visumsantrag – man hörte zu der Zeit allerhand Horrorgeschichten über die Pingeligkeit der Neuseeländer bei gesundheitlichen
Problemen – wohl etwas dauern könnte. Ausserdem war ich noch an einem Filmprojekt für das ZDF gebunden, und auch eine Reha stand an. Das war für das Filmstudio gar kein Problem, und wir einigten wir uns auf einen Starttermin im November 2010. Das gab mir knappe vier Monate Zeit.

Als erstes musste ich mich dem Visumsantrag widmen. Ein riesiger Fragenkatalog mit unzähligen Nachweisen, bei dessen Umfang so mancher Versandhauskatalog neidisch geworden wäre. Außerdem brauchte es noch ein umfangreiches medizinisches Gutachten inklusive Röntgenbildern von einem von der neuseeländischen Botschaft autorisierten Facharzt. Der war höchst freundlich und hilfsbereit, prognostizierte mir aber Probleme sobald der Bericht bei der Botschaft einginge. „Wenn die da eine  Muskelerkrankung sehen, werden die Alarmglocken los gehen!“ Und das, obwohl mein Beruf als Character Animator bei der neuseeländischen Einwanderungsbehörde als dringender Fachkräftemangel gelistet wurde. Während der fertige Antrag dann also bei der Botschaft auf Einsicht wartete, begab ich mich erstmal zur verdienten Reha in meine Stammkurstätte. Es kam wie vom Arzt angekündigt: kurze Zeit später hatte ich schon die Bitte der Botschaft, detaillierte Informationen zu meinem Krankheitsverlauf zu schicken. Hier war mein großes Glück, dass ich genau zu dem Zeitpunkt in Reha war. Die Einrichtung betreute mich schon seit zehn Jahren und hatte mehr Unterlagen über mich als jeder andere meiner Ärzte. Mein Stationsarzt kam mir damals unendlich entgegen, indem er mir eigens für die Botschaft einen detaillierten Befundbericht schrieb.

Wieder zu Hause angekommen ging für mich dann die eigentliche Planung los, denn mein erster Arbeitstag kam ziemlich schnell näher. Ich musste ein behindertengerechtes Backpacker Hotel finden, nach einem tauglichen Mietwagen recherchieren, eine Auslandskrankenversicherung finden (bei meinem Arbeitsvertrag wäre ich erst im zweiten Jahr abgesichert gewesen), und so viel mehr. Außerdem musste ich zu Hause meine Zelte abbrechen, Kündigungen und Abmeldungen schreiben. Aber hier war der Haken: ich konnte nichts tun außer alles vorzubereiten. Denn ich hatte noch immer keine Ahnung, ob mein Visumsantrag überhaupt akzeptiert würde. Das Filmstudio wusste um mein Dilemma und war geduldig am Warten. So kam mein erster Arbeitstag und verstrich, während ich noch immer im kalten Deutschland fest saß. Auch in der Folgewoche war kein Reisepass in Sicht.

Als dann ein paar Tage später eine grinsende Briefträgerin vor der Tür stand mit einem Einschreiben „aus ihrem Lieblingsland” das sich ziemlich nach Reisepass anfühlte war klar, dass es nun los ging. Also gleich den – buchstäblich! – nächsten Flug nach Auckland gebucht, alle bislang provisorischen Kündigungen unterschreiben und dem Briefkasten übergeben, und los ging’s ans Kofferpacken. Aber wie packt man für ein Jahr? Plötzlich musste mehr in den Koffer als Kleidung, Buch und Badehose. Viele meiner  Arbeitsmaterialien würde ich brauchen, und auch viel Computerzubehör musste mit, schließlich kann ich mir nicht alles noch mal neu kaufen. Am Ende hatte ich dann einen „dringenden“ Koffer gepackt den ich mitnahm, und einen zweiten Koffer den mir meine Familie nachschicken würde, wenn ich erstmal einen festen Wohnsitz gefunden hatte. Bei all dem Trubel gab es gar keine Zeit groß zu reflektieren was bald passieren wird. Im Ausland zu arbeiten war schon lange mein Traum, und manchmal muss man einfach ins kalte  Wasser springen um herauszufinden, was das Leben zu bieten hat. Kalte Füße hingegen hatte ich dann von ganz alleine, als das Flughafentaxi vor der Türe stand und es Zeit wurde der Familie fürs erste Lebewohl zu sagen. „Auf was habe ich mich da jetzt wieder eingelassen” war wohl der Satz der mir am meisten durch den Kopf ging, als das Taxi durch die verregnete Nacht in Richtung Frankfurt fuhr. Aber gut, wenn alle Stricke reißen, würde es einfach wieder im nächsten Flieger zurück nach Hause gehen. Versucht wird das jetzt. Außerdem standen mir eh erstmal 35 Stunden Reisezeit bevor: Frankfurt - Singapur - Sydney - Auckland.

Beim Landeanflug auf Auckland, fast eineinhalb Tage später und mit einer minimalsten Menge an Restsitzfleisch, wurde es dann langsam Zeit jetzt doch richtig nervös zu werden. Am Flughafen gab es auch gleich den ersten Grund dafür, denn der Herr an der Passkontrolle konnte mein Einreisevisum nicht im System finden. Man bat um Geduld.
So saß ich da neben meinem Koffer und sah mich schon wieder nach Hause fliegen. Könnte ich überhaupt behaupten in Neuseeland gewesen zu sein, wenn ich es nichtmal  durch den Flughafen geschafft hatte? Würde ich weitere eineinhalb Tage von Bordverpflegung leben können? Vielleicht könnte ich vor meiner Abschiebung noch darum bitten, mir im Flughafen einen Döner kaufen zu dürfen. Vorausgesetzt so etwas gibt es hier. Aber  dann wendete sich mein kulinarisches Schicksal doch zum Guten – das Passproblem war gelöst, ich könne jetzt einreisen. Man wünschte mir noch einen vergnüglichen Aufenthalt und ließ mich passieren. Vergnüglich – wenn die wüssten. Jetzt würde ich mich nämlich mit meinem Mietwagen treffen, und, erschöpft wie ich war, vom  Flughafen zum Hotel in die Metropole Auckland fahren müssen.

Der Mietwagen war bei der ganzen Vorbereitung meine größte Sorge gewesen. Ich fahre zwar in Deutschland ein Serienmodell mit Automatik-Schaltung. Aber es ist sehr wichtig, dass die Pedalen gut für mich zu bedienen sind. Zu hoch, zu weit auseinander oder zu  schwergängig, und ich bin aufgeschmissen. Bei der Mietwagenbuchung hatte ich zwar Einfluss auf Modell und Automatik-Schaltung, aber meine Frage, ob ich vorher eine Probefahrt verschiedener Modelle machen könnte, stieß bei allen Anbietern auf taube Ohren. Trivial zu erwähnen, dass ich seit 50 Stunden nicht geschlafen hatte, der Mietwagen doppelt so groß wie mein eigenes Auto war, und ich jetzt auf der „falschen“ Straßenseite fahren musste. Nach ersten Rundfahrten auf dem Parkplatz zum Eingewöhnen – die Pedale waren zum Glück in Ordnung für mich – ging es auf die Straße. Schon auf der linken Straßenseite zu bleiben erforderte alles was von meiner Konzentration noch übrig war. Vom fließenden Verkehr gar nicht zu reden. Also bin ich die erste Stunde einfach mal anderen Autos hinterher gefahren. Keine Ahnung was die von mir dachten, aber es funktionierte. Langsam kam etwas Routine ins Spiel. Es wurde Zeit, mein Hotel in der Metropole zu finden. Autobahnen mit Kreuzungen und Ampeln, Kreisverkehr der „andersrum“ funktionierte, vierspurige Einbahnstrassen in der Innenstadt, ein Navi das alle paar Minuten den Geist aufgab – und das alles während ich mich darauf konzentrierte auf der vermeintlich „falschen“ Strassenseite zu bleiben. Dass die Vorfahrtsregeln auch noch eklatant anders als in Deutschland waren, sollte ich allerdings erst ein paar Wochen später zufällig von einem Freund erfahren. Ein paar erboste Hupen machten so rückblickend dann doch Sinn. Irgendwann kam ich dann unerwartet heil am Backpacker Hotel an. Ich traf mich noch kurz mit meinem norwegischen Ex- und baldigen Wieder-Kollegen. Sein erster Tipp zum Leben in Neuseeland eine praxisorientierte Lektion in Meteorologie: „Kauf dir einen Regenschirm, hier weiß man nie wann’s gerade das Regnen anfängt”. Mit diesem Ratschlag fiel ich dann in mein Bett, der Blick aus dem Fenster zeigte grüne Bäume im November und die hell beleuchtete Metropole Auckland ... ich hatte es geschafft.

Meine Planung für die ersten Tage war sogar so weit gegangen, dass ich noch von Deutschland aus einen Supermarkt mit der Lieferung von einem Korb Obst und Gemüse zu meinem Hotelzimmer beauftragt hatte. Das war auch gut so, denn das letzte was ich im Chaos der ersten beiden Tage brauchte, waren Essenseinkäufe. Am nächsten Morgen machte ich mich, meiner Fahrkünste schon etwas sicherer, zu ersten Erledigungen auf. Bankkonto anlegen, Steuernummer beantragen, Handy kaufen, Behindertenparkausweis  bestellen, all so was. Ich hatte nur einen Tag für alles, denn es war schon Freitag und am Montag würde ich im Filmstudio erwartet.

Nach einem Tag in Auckland gleich die ersten Erkenntnisse: Erstens: alles funktioniert hier ganz unproblematisch, man redet einfach  miteinander wenn etwas nicht passt. Zweitens: man redet so viel, dass sich der effizienzgewohnte Deutsche schnell fragt, wie hier überhaupt jemals etwas zu Stande gebracht wird. Drittens: Wenn man in ein Café geht, bestellt man am Tresen, zahlt, setzt sich dann und wird bedient. Alles andere resultiert darin, dass man da sehr lange hungrig sitzen bleibt ohne dass jemals jemand fragt was man denn bitte möchte.
Alles Wichtige erledigt und das Wochenende vor der Tür, ging es jetzt mal dran das Land zu erkunden. Ab ins Auto und entlang der Küste, über Berge, durch dichte Wälder, hin zu Stränden und Meer. Und was für eine atemberaubende Landschaft es ist. Dichter Dschungel aus immergrünen Bäumen, Palmen und Farnen lässt einen vermuten, dass gleich ein Dinosaurier durch die Idylle stampfen wird. Schwarzes Vulkangestein das meterhoch senkrecht in die Luft ragt. Kleine Hügel mit grellgrün  leuchtendem Gras bewachsen, die sich aneinanderreihen wie eine umgedrehte Eierschachtel. Blaues Wasser und weiße, verlassene Strände die nur über schlaglochdurchzogene Schleichwege zu erreichen sind. Das alles sorgte dank der dünnen Ozonschicht für einen ganz erheblichen Sonnenbrand pünktlich zum ersten Arbeitstag. Aber ich war angekommen und jetzt konnte es los gehen. Über mein Leben und Arbeiten in Neuseeland werde ich in der nächsten Ausgabe berichten.

Michael Herold reist gerade mit seinem neuen Elektrorollstuhl durch Thailand. Wenn er nicht die Welt erkundet, hält er Vorträge über Leben mit Behinderung und das Überwinden von Einschränkungen. Er schreibt unter www.michaelherold.de.