Nachruf für Frau Anne Kreiling

Ihr Interesse für Patienten mit Muskelkrankheiten begann – wenn ich es richtig sehe – während ihrer Tätigkeit am „Kaiserin Augusta Viktoria-Haus“ der Universitätsklinik in Berlin. Dort weckte eine Gruppe von Eltern mit muskelkranken Kindern ihre Aufmerksamkeit. Sie begleitete diese zu ihren Treffen und wuchs auf diese Weise immer mehr in die ehrenamtliche Tätigkeit der entsprechenden Selbsthilfeorganisation hinein. So wurde sie am 23. Mai1982 Mitglied der „Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Muskelkrankheiten“ (DGBM), wie die heutige DGM damals hieß. Kurz darauf wurde sie schon in den Vorstand gewählt, dem sie in ihrer gleichsam ersten Amtsperiode von 1983 – 1984 angehörte. Diese Tatsache, dass sie schon kurz nach ihrer Aufnahme in die DGBM in den Vorstand gewählt wurde, spricht dafür, dass sie von Anfang ihrer Mitgliedschaft an ein außergewöhnlich intensives Engagement für die Selbsthilfearbeit aufwies.

1987 baute sie dann als hauptamtliche Mitarbeiterin der DGBM eine Beratungsstelle an ihrem Wohnsitz in Baunatal auf, die sie bis zur vorzeitigen Berentung wegen einer schweren Erkrankung bis Ende 1991 leitete. 1992 wurde sie dann – jetzt wieder als Ehrenamtliche – erneut in den Vorstand der inzwischen umbenannten DGM gewählt und fungierte bis 1998 zusammen mit Prof. Dr. Pongratz, dem damaligen Leiter des Friedrich Baur-Instituts in München, als stellvertretende Vorsitzende. Ab dann war sie bis 2008 erste Vorsitzende.

Die Bedeutung ihres Wirkens in der DGM kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Durch ihren ehrenamtlichen Einsatz, der aber einer ganztägigen Tätigkeit gleichzusetzen war, hat sie das heutige Bild der DGM ganz wesentlich mitgestaltet und geprägt. Während die Hauptzielrichtung der vormaligen DGBM die Förderung der Forschung war, änderten sich die Erwartungen der Mitglieder des Vereins in den 70 er Jahren im Sinne einer sozialen Beratung, um die Schwierigkeiten des Alltags mit der Behinderung bewältigen zu können. Durch ihre Berufserfahrung als Sozialarbeiterin hat sie v. a. entscheidende Impulse gegeben für den Aufbau des Netzes der Sozialberatung auf ehrenamtlicher Basis durch Kontaktpersonen, wie auf hauptamtlicher Basis durch die Sozialberatung in der Bundesgeschäftsstelle in Freiburg. In besonderer Weise galt ihr Engagement auch der Bildung eines Arbeitskreises für Physiotherapie. Dieser trifft sich regelmäßig, um Standards zu entwickeln, nach denen Patienten mit verschiedenen Krankheitsbildern des Neuromuskulären Systems behandelt werden sollen.

Darüber hinaus war sie auch seit vielen Jahren in Dachverbänden der Selbsthilfe tätig. So gehörte sie dem Leitungsgremium der „Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte“ (BAGH, seit April 2006 umbenannt in BAG-Selbsthilfe) an. Sie war mitbeteiligt, das Selbstverständnis der Selbsthilfeverbände zu ändern. Während früher das Hauptanliegen der BAGH und der Mitgliederverbände war, den Behinderten die Eingliederung in Beruf und Gesellschaft zu ermöglichen, spricht die Präambel der 2005 veränderten Verfassung von den Grundsätzen der Selbstbestimmung, der Selbstvertretung und dem Kampf um die rechtliche und tatsächliche Gleichstellung behinderter Menschen. Es geht also nicht mehr um die Anpassung der Behinderten an die Gesellschaft, sondern an die Vertretung und Durchsetzung der Interessen von Behinderten. Auf Initiative von Frau Kreiling hin bildete sich 1999 ein eigener Arbeitskreis der Selbsthilfeverbände seltener chronischer Erkrankungen, der sich inzwischen „Allianz chronischer seltener Erkrankungen“ (ACHSE) nennt. Frau Kreiling war auch die erste Vorsitzende dieser Organisation. Auch bei der Gründung der interdisziplinären Gesellschaft für außerklinische Beatmung (DIGAB) war sie beteiligt und im Vorstand tätig. Ihr unermüdlicher Einsatz für die Selbsthilfe in Deutschland wurde vom Bundespräsidenten persönlich mit der Überreichung des Bundesverdienstkreuzes am 07. Dezember 2007, zum Tag des Ehrenamtes, in Berlin geehrt.

Verleihung des Bundsverdienstkreuzes im Mai 2007 durch Bundespräsident Köhler

Frau Kreiling hat mich nicht nur immer beeindruckt durch ihre hohe fachliche Kompetenz im Bereich der Sozial- und in den letzten Jahren Sozialpolitischen Arbeit, sondern v. a. auch durch ihre Angehens- und Bewältigungsweise von Problemen und es gab – weiß Gott – in ihrer Amtszeit wahrhaft große Probleme – ich brauche nur an die Querelen um die Umstellung auf das Delegiertensystem und die Zulassung von Diagnosegruppen erinnern. Diese hat sie zusammen mit unserem Ehrenvorsitzenden, Herrn Dr. Schaal, zum Nutzen unseres Vereins bestens lösen können.

So war es der DGM in den letzten Jahren ihres Vorsitzes möglich, sich in einem ruhigeren Fahrwasser weiter zu entwickeln. Bei allen Schwierigkeiten blieb sie immer sachlich, immer das Wohl des Vereins im Auge behaltend. Sie hat dafür gesorgt, dass der Vorstand nicht, wie in vielen Vereinigungen, zu einem Klüngel degenerierte, sondern immer zielorientiert gearbeitet hat. Ich könnte noch viele weitere Verdienste, die sich Frau Kreiling um die DGM erworben hat, anführen, aber ich weiß, dass ihr Lobeshymnen zuwider waren. Fakten waren es, die sie überzeugten. Ein Fakt ist, dass wir – die DGM – ihr unendlich viel zu verdanken haben. Und dies brachte die DGM mit zwei Ehrungen, die niemand so sehr wie sie verdient hat, zum Ausdruck: Nämlich mit der Überreichung der Goldenen Ehrennadel und mit der Ernennung zur Ehrenvorsitzenden.

Frau Kreiling hat sich in außergewöhnlicher Weise um die DGM verdient gemacht. Wir werden ihr immer dankbar gedenken. Requiescat in Pace!

Prof. Dr. Bernhard Neundörfer
Mitglied des Bundesvorstands