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Post-Polio-Syndrom

Die akute paralytische Poliomyelitis ist eine Virusinfektion, die akut zu einem Untergang von Vorderhornzellen des Rückenmarks führt. Im Rahmen eines fieberhaften Infekts treten innerhalb weniger Tage Lähmungen auf, die im leichtesten Fall nur einige wenige Muskelgruppen betreffen, im schwersten Fall jedoch tödlich durch Versagen der Atemmuskulatur verlaufen können. Während bis zur Einführung des Polioimpfstoffes regelmäßig Epidemien eine Vielzahl von Opfern forderten, gehört inzwischen die akute Poliomyelitis in der westlichen Welt zu den seltenen Erkrankungen. Auch weltweit ist die Zahl akuter Erkrankungen stark rückläufig. In einer globalen Kampagne wird inzwischen die Ausrottung der Polio angestrebt. Für 1998 wurden der Weltgesundheitsorganisation 2294 Erkrankungsfälle gemeldet, 2001 noch 483, 2010 dagegen wieder 1349 (mit Fällen in Europa!). Dabei darf nicht übersehen werden, dass auch in Deutschland noch zehntausende Überlebende der Polioepidemien leben.

Wird die akute Krankheitsphase überlebt, können sich die Lähmungen durch Aussprossen von Nervenfasern und Größenzunahme der Muskelfasern innerhalb von mehreren Jahren teilweise zurückbilden (s. Abbildung). In den letzten Jahren musste allerdings bei einer großen Anzahl von Überlebenden der großen Polioepidemien festgestellt werden, dass nach einer stabilen Phase von mindestens 15 Jahren, meist 20-30 Jahren, erneut Symptome auftreten können. Dabei kann es sich sowohl um alte, während der akuten Krankheitsphase vorhandene, als auch um neue Symptome handeln. Als Überbegriff für diese bei Poliopatienten neu aufgetretenen Störungen wurde der Begriff „Postpoliosyndrom" geprägt.

Schematische Darstellung der Abläufe, die zur Entwicklung eines Postpoliosyndroms führen

A Normale Situation beim Gesunden. Die motorischen Nervenzellen des Rückenmarks (Vorderhornzellen) versorgen einige Muskelfasern mit Informationen.

B Akute Polio: Die Polioviren schädigen die motorischen Nervenzellen. Ein Teil der Muskulatur wird nicht mehr mit Nervenimpulsen versorgt (denerviert). Lähmungen treten auf.

C Erholungsphase: Die überlebenden Nervenzellen bilden zusätzliche Axonsprossen zu weiteren Muskelfasern. Werden (fast) alle Muskelfasern wieder innerviert, ist eine vollständige Erholung auch bei reduzierter Anzahl motorischer Nervenzellen möglich (linke Spalte).

D Die Versorgung und Aufrechterhaltung der neu gebildeten Axonsprossen stellt eine erhöhte Belastung der Neurone dar, der sie nach Jahren nicht mehr gewachsen sind. Muskelfasern werden denerviert. Neue Lähmungen entwickeln sich.

Symptome des Postpoliosyndroms

Patienten mit Postpoliosyndrom können über eines oder mehrere der folgenden Symptome klagen:

  • neu aufgetretene Muskelschwäche und -verschmächtigung (wobei diese sowohl initial betroffene Muskulatur als auch häufig während der akuten Erkrankung gering oder scheinbar nicht betroffene Muskelgruppen erfasst);
  • allgemeine Müdigkeit und Erschöpfbarkeit;
  • Schmerzen (in der Muskulatur und generalisiert);
  • Muskelkrämpfe;
  • Temperaturregulationsstörung (etwa Neuauftreten kalter Füße oder Hände);
  • Störungen der Atmung;
  • Schluckbeschwerden.

In mehr oder minder ausgeprägtem Maß entwickelt ein erheblicher Anteil (vermutlich über 50 %) der Patienten mit Zustand nach Poliomyelitis derartige Symptome. Besonders gefährdet scheinen Patienten zu sein

  • die während der akuten Erkrankung an Armen und Beinen gelähmt waren,
  • die älter als 10 Jahre waren oder
  • die sich besonders rasch und gut erholten.

Von dem Postpoliosyndrom im engeren Sinne sollten Folgeerscheinungen z. B. durch vorzeitigen Gelenkverschleiß unterschieden werden, da sich hier die Behandlung unter Umständen deutlich unterscheidet.

Weiterführende Information finden Sie in unserem Faltblatt "Wissenswertes über das Postpoliosyndrom", das auf dieser Seite zum Download bereit steht

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