Mein Start ins Studium

Das Leben als Student ist geprägt von vielen neuen Eindrücken, neuen Bekanntschaften, coolen Partys und der großen Herausforderung, sich auf dem Campus der Hochschule zurechtzufinden. Wen es für das Studium in eine neue Stadt zieht und der Auszug aus dem Elternhaus ansteht, der hat viel zu tun beim Start in einen neuen Lebensabschnitt. Es sind gemischte Gefühle voller Vorfreude, Freiheit aber auch etwas Angst, das Elternhaus zu verlassen und auch den richtigen Studiengang gewählt zu haben. Man stellt sich ständig die gleiche Frage: Was wird mich alles erwarten? Wenn man zu den gewöhnlichen Problemen als Student zusätzlich eine Behinderung mitbringt, gibt es noch eine Reihe weiterer Herausforderungen, die zu meistern sind.

Es stehen diverse Fragen im Raum, wie z. B. gibt es für Menschen mit Behinderung auch im Studium einen Nachteilsausgleich? Wer begleitet mich zu den Lehrveranstaltungen, unterstützt mich beim Gang in die Bibliothek oder schreibt für mich mit? Wie komme ich überhaupt zur Uni/ Hochschule?

Das sind alles Fragen, mit denen man sich beschäftigen muss, die aber mit einigen Tipps von professionellen Ansprechpartnern und anderen Studierenden, die bereits in ähnlicher Situation  waren, gelöst werden können.

Manche Studiengänge sind zulassungsbeschränkt, d. h. man benötigt einen bestimmten Notendurchschnitt um für das Studium zugelassen zu werden. Bei einer Zulassungsbeschränkung  verwenden die meisten Hochschulen bzw. Universitäten ein Punktesystem, bei dem eine bestimmte Punktezahl zur Zulassung erreicht werden muss. In dieses fließen dann die Abschlussnote der Hochschulreife und noch weitere Faktoren wie z. B. ein soziales Engagement, ein Freiwilligendienst oder eine bereits abgeschlossene Berufsausbildung, die dann eine Gesamtpunktzahl ergeben. Mit einer Behinderung gibt es hier aber Sonderregelungen, man bekommt oft zusätzliche Punkte oder es gibt eine festgeschriebene Quote, wie viele Menschen mit Behinderung unabhängig ihrer Note automatisch zugelassen werden müssen. Dies handhaben aber alle Hochschulen individuell. Es ist deshalb ratsam unbedingt einen Termin in der Studienberatung oder beim Gleichstellungsbeauftragten der jeweiligen Hochschule zu vereinbaren, um sich zu informieren welche individuellen Regelungen es gibt.

Mit einer Muskelerkrankung wird im Studienalltag in der Regel eine Begleitung durch eine persönliche Assistenzkraft benötigt. Dafür muss beim entsprechenden Kostenträger, meistens dem örtlichen Sozialamt, ein Antrag auf Eingliederungshilfe gestellt werden. Achtung: Es kommt sehr oft vor, dass das Sozialamt nur die das Studium betreffenden Leistungen, wie z. B. das Anfertigen von Mitschrieben, Erreichen der einzelnen Räume, Hilfen in der Bibliothek, usw. bewilligt.

Viele Sozialämter trennen nämlich strikt zwischen der Studienassistenz (bisher eine Leistung der Eingliederungshilfe) und den Leistungen der Pflegeversicherung. Bei anfallenden pflegerischen Tätigkeiten wird gerne auf die Pflegekasse verwiesen, um Kosten aufzuteilen. Die Pflegekasse übernimmt diese Leistungen normalerweise auch, allerdings häufig auf Kosten des Pflegegelds.

Im Laufe des Studiums können Nachteilsausgleiche sehr wichtig werden. Die Hochschulen sind dazu verpflichtet Chancengleichheit und barrierefreie sowie gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen, wozu auch die Gewährung entsprechender Nachteilsausgleiche zählen. Um einen reibungslosen Ablauf zu schaffen, ist es am besten, frühzeitig  Nachteilsausgleiche für Prüfungsleistungen und Hausarbeiten zu beantragen, was bei mir beim Prüfungsamt geschah. Je nach Bedarf kann dieser individuell ausgestaltet werden, z.B. in Form einer Zeitverlängerung um 50% oder spätere Abgabetermine. Zahlreiche weitere mögliche Beispiele sind separat aufgelistet.

Wenn man bei schriftlichen Klausuren nicht selbst in der Lage ist zu schreiben, besteht außerdem die Möglichkeit einer Schreibassistenz. Diese Aufgabe durfte in meinem Fall nicht von meinem persönlichen Assistenten ausgeführt werden, sondern musste von einer Mitarbeiterin der Hochschule übernommen werden.

Wenn man spezielle Anforderungen an die Ausstattung der Hochschule hat, sollte man unbedingt vorab die Räumlichkeiten besichtigen und sich mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut machen. Denn eventuell müssen technische Arbeitshilfen angeschafft  oder einige Anpassungen vorgenommen werden, um den Studienalltag gut bewältigen zu können. Denkbar wären hier z. B. eine Augensteuerung, Spracherkennungssoftware oder die Installation einer Rampe.

Bei der Organisation des Studienalltags gibt es jede Menge Dinge zu beachten. Sofern kein Stundenplan vorgegeben ist, muss man sich in die einzelnen Lehrveranstaltungen selbstständig einwählen. Im Modulhandbuch sind alle relevanten Vorlesungen und Seminare, die man im jeweiligen Semester besuchen muss, aufgeführt. Bei der Wahl, welche Veranstaltungen man an welchem Tag oder zu welcher Zeit besuchen möchte, ist es sinnvoll darauf zu achten, genügend Freiräume einzuplanen, sodass ausreichend Zeit zum Wechseln der Räumlichkeiten zur Verfügung steht. Denn immer wieder muss mit dem Rollstuhl ein längerer Weg zurückgelegt werden, da manchmal kein Aufzug für den direkten Weg vorzufinden ist.

Ein Vollzeitstudium kann schnell zu einer hohen Belastung werden, weshalb es je nach Gesundheitszustand Sinn macht, sein Studium über die Regelstudienzeit hinaus zu verlängern. Die meisten Hochschulen bieten die Möglichkeit, auch in Teilzeit zu studieren, d. h. man verlängert die Regelstudienzeit und teilt die Lehrveranstaltungen oder Seminare über mehrere Semester auf, so dass man neben dem Studium noch genügend Freiräume zur Erholung oder der Bewältigung von behinderungsbedingten Aufgaben wie z. B. Therapien, hat.

Wenn dann alle Hürden bei der Vorbereitung geschafft sind, kann das Studium endlich losgehen.

Es kann sehr hilfreich sein, sich zu Beginn des Studiums den Dozenten vorzustellen, um auf seine Behinderung aufmerksam zu machen und individuelle Absprachen zu treffen. Auch der Hinweis auf die Assistenz ist nicht verkehrt, denn viele hören davon das erste Mal. So können die Dozenten besser auf einen eingehen und es kommt nicht zu Missverständnissen, die vermeidbar wären.

In den ersten Tagen ist vieles noch sehr ungewohnt und man muss sich erst an die neue Umgebung gewöhnen und die ganzen neuen Kommilitonen kennenlernen.

Am Anfang hat es bei mir ein wenig gedauert, bis die ersten Gespräche entstanden sind, weil die Berührungsängste doch sehr stark vorhanden waren. Nach einiger Zeit haben sich die Berührungsängste und die „unsichtbare Schranke“ aufgelöst, Verständnis ist gewachsen und Freundschaften entstanden. Der Alltag bringt einiges mit sich. Es gibt so manche kuriose Situationen. Mein Assistent wurde z.B. öfters für einen weiteren Kommilitonen gehalten. Einmal beschwerte sich eine Dozentin über ihn, weil er – anstelle eine Aufgabe zu erledigen – einen Comic las. Häufig fällt meine Sitzplatzwahl im Hörsaal auf den Randplatz, da ich mit dem E-Rolli nicht durch die Reihen komme. Irgendwann bemerkte ich, dass, da mein Assistent neben mir saß, die Kontaktaufnahme erschwert war, da sich ja kein Kommilitone neben mich setzen konnte. Nun haben wir das so geregelt, dass der Platz neben mir für andere frei bleibt.  Schön war es zu sehen, wie meine Kommilitonen mit der Zeit aufgeschlossener wurden und mir ihre Hilfe anboten.

Da es an meiner Hochschule keine Aufzeichnungen von Vorlesungen gibt, ist es manchmal nicht leicht im Nachhinein die Inhalte der Lehrveranstaltung aufzuarbeiten. Denn die Kommunikation während der Vorlesung zwischen mir und meiner Assistenz ist teilweise nur eingeschränkt möglich, was bezüglich dem Anfertigen von Mitschriften häufig zu Problemen führt.

Um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, beziehe ich Ausbildungsförderung, auch bekannt als BAföG. Diese Förderung hat den Vorteil gegenüber sonstigen Darlehen, dass nach Beendigung des Studiums nur die Hälfte der Förderungssumme zurückgezahlt werden muss. Es wird unterschieden zwischen elternabhängigem und elternunabhängigem BAföG. Elternunabhängige Förderung bekommen diejenigen, die bereits eine Ausbildung abgeschlossen und dazu schon mindestens drei Jahre im Beruf sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben. Bei der elternabhängigen Förderung wird das Einkommen der Eltern mit angerechnet, d.h. das Einkommen der Eltern fließt in die Berechnung der Fördersumme mit ein. Dazu muss die Einkommenssteuerbescheinigung beider Elternteile mit dem Antrag eingereicht werden. Die Höhe des BAföG kann vorab schon mal beim Studierendenwerk oder online auf www.bafög.de ermittelt werden, um herauszufinden, ob sich eine Antragsstellung lohnt.

Das Thema Lebensunterhalt ist generell eher von schwieriger Natur, denn als Student muss BAföG immer zuerst ausgeschöpft werden, sonstige Leistungen bleiben in der Regel verwehrt. Wohngeld ist leider nur Studierenden ohne Anspruch auf BAföG vorbehalten.

Ein Studium ist auf jeden Fall eine Bereicherung für das Leben. Neben dem hauptsächlichen Nutzen, einen Hochschulabschluss zu erreichen und sich damit möglicherweise für den Traumjob zu qualifizieren, gibt es noch viele weitere positive Aspekte. Man lernt eventuell eine neue Stadt oder sogar ein neues Land, viele neue Menschen kennen und es ergeben sich schöne Freundschaften.   
 

Information und Beratung findet man bei folgenden Portalen:

www.studentenwerke.de/behinderung

Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks:

  • Broschüre „Studium und Behinderung“
  • Booklet „beeinträchtigt studieren ... so geht's“
  • Für eine persönliche Beratung vor Ort stehen die Berater/innen für die Belange der Studierenden mit Behinderung an den jeweiligen Hochschulen und Studentenwerken zur Verfügung.

www.rehadat-bildung.de
www.fernstudieren.de
www.barrierefrei-studieren.de