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Mein Rollstuhl und ich auf dem Jakobsweg!

Mein Rollstuhl und ich auf dem Jakobsweg!

Nach einer Vorbereitung von einem halben Jahr fühlte ich mich bereit, mich auf den Weg zu machen. Ich las Bücher, interviewte Pilger, kaufte Karten, Pilgerwegführer, -muschel und -ausweis, der Rollstuhl wurde zum Kundendienst gebracht, wo er neue Batterien und eine Hängevorrichtung für drei Radtaschen bekam. Zugleich informierte ich verschiedene Zeitungen über mein Vorhaben zur Pilgerreise, da ich ja zu Spenden für die Forschung meiner Krankheit ( Muskeldystrophie, Typ FSHD ) aufrief. Auch Flyer ließ ich dazu  anfertigen, um sie in deutschsprachigen Kirchen und an Pilger verteilen zu können. Außerdem nahm ich Kontakt zu der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke auf, um ein Spendenkonto zu eröffnen.

Am 6. Mai 2013 war es dann so weit: Schwer bepackt fuhr ich von Schöffau, meiner eigenen Haustür aus los, mit den Gedanken: „Werde ich es schaffen, wird mein Rollstuhl die Fahrt heil überstehen und werde ich gesund bleiben?“ Eine Strecke von mindestens 2700 km sowie viele Überraschungen und Abenteuer lagen zwischen meinem Ziel „Santiago de Compostela“ und meinem Startpunkt. Passend dazu der Namen meines Rollstuhls „Adventure“. Durchschnittlich legte ich pro Tag 25-30 km zurück und war ca. 7-8 Std. täglich mit meinem E. Rollstuhl unterwegs. Zuerst fuhr ich sechs Tage durch unser schönes Allgäu (auf dem sogenannten Münchner Jakobsweg): Rottenbuch, Wies, Kempten, Scheidegg usw. bis nach Lindau. Dort hatte ich dann die erste Heulphase und Zweifel an meinem Vorhaben. Es regnete den ganzen Tag, die Herberge fand ich erst nach endlos langem Suchen und zugleich plagte mich das Heimweh. Doch am nächsten Tag sah die Welt wieder anders aus und ich ließ mich mit dem Schiff nach Rorschach, erster Ort in der Schweiz, bringen. Fuhr ab dort auf dem „Schweizer Jakobsradweg“, wo ich relativ gut vorwärts kam nach Rapperswil, Einsiedeln, Flüeli. Über Friburg erreichte ich schließlich nach 18 Tagen die französische Grenze bei Genf. In Deutschland war das Wetter noch  durchwachsen, aber in der Schweiz regnete es fast die ganze Zeit und war auch sehr kalt. Mein Poncho schützte zwar meine Kleidung, aber die Schuhe wurden immer wieder bis auf die Socken nass. So kam mir die Idee, mir einen Müllsack zu besorgen und meine Füße bis zu den Knien herauf hinein zu stecken. Ich sah zwar schrecklich aus, wurde aber nicht mehr nass.

Schade, dass das Wetter in der Schweiz so schlecht war, denn die Berg- und Seenlandschaft wären wunderschön gewesen! In der Schweiz musste ich oft über Pässe, so auch über den Brünnigpass. Der ist mir noch lebhaft in Erinnerung, da ich zum Herunterfahren nicht den Pilgerweg nehmen konnte, musste ich bei sehr starkem Verkehr die normale Straße benutzen, was sehr gefährlich war. Aber irgendwie fühlte ich mich auf dem ganzen Weg begleitet. Z. B. kam mir, bei einer steilen Bergetappe, ein Engel in Form eines Bauern zu Hilfe. Ich kam beim besten Willen nicht mehr alleine weiter, es war zu steil und die Steine zu groß. Deshalb wollte ich umkehren, aber der Bauer kam von seinem abgelegenen Hof zu mir herunter und schob mich ca.15 m den Schotterweg hoch und schon ging es wieder weiter. Noch öfter durfte ich solche Erfahrungen auf dem Weg erleben. Einmal wollte ich gerade aus dem Rollstuhl aufstehen, um eine Zaunabsperrung zu öffnen. Dabei machte ich mir Gedanken, „hoffentlich ist die Drahtspannung nicht zu straff!“. Aber genau in diesem Moment kam ein Mopedfahrer und öffnete den Zaun. Leider regnete es auch am Anfang bei der Durchquerung durch Frankreich sehr häufig, deshalb waren die Wege oft aufgeweicht und unpassierbar. Ein hilfsbereiter Mitpilger half mir durch eine  schlammige Strecke, aber nach einiger Zeit bestand der Weg nur noch aus Morast und so begleitete er mich wieder zurück. Kurz nachdem wir uns getrennt hatten und ich meinte, dass ich alleine zurechtkomme, blieb ein Reifen in einer Furche stecken. Ich legte Äste unter, aber nichts half. Nach eineinhalb Stunden Ausharrens, kam Gott sei Dank ein Jogger vorbei und befreite „uns“ aus der misslichen Lage. Ich musste den „Jakobsweg“ verlassen, mich neu orientieren und auf einer kleinen Nebenstraße weiter fahren. Besonders in Frankreich war ich gezwungen alternative Wege zu suchen.

Auch wenn Stufen kamen, der Weg zu schmal, zu steil oder die Steine zu groß wurden und ich alleine war, war ich gezwungen, umzukehren. So stand ich plötzlich in Spanien, vor einer nicht überwindbaren Brücke. Große, stufige, schmale Steinplatten waren zu einer Brücke errichtet worden, für mich und meinen Rollstuhl kein Drandenken, da rüber zu kommen. Aber es kamen mehrere Pilger des Weges, (in Spanien, war man selten lange allein), sie wuchteten gemeinsam den Rollstuhl hinüber und führten mich danach links und rechts stützend über die Brücke.

Eine ganz besondere Hilfe erfuhr ich kurz vor Burgos, wieder einmal galt es eine Bergstrecke zu überwinden. Ich war vielleicht auf der halben Strecke, als der Bergweg nur noch für Fußgänger begehbar wurde, (Stufen, Platten, zu schmal, viel zu große Steine usw.). Ich dachte; „es gibt nur noch eins, ich muss zurück!“ Aber nein, Pilger aus verschiedenen Ländern (Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland) waren sich einig, den Rolli auseinander zu nehmen und ihn gemeinsam die letzten 50 Meter den Berg hinauf zu tragen. Und zu guter Letzt holte mich ein junger Deutscher ab und trug mich per „Huckepack“ zum Gipfel hoch. Das war ein besonders ergreifendes Erlebnis – ein echtes Gipfelkreuz, die beeindruckende Landschaft rundum und dann die vielen netten, hilfsbereiten Mitpilger! Nicht  nur ich war glücklich, auch die Anderen, da sie mir helfen konnten und es eine besondere Begegnung war. So richtig Angst hatte ich auf dem Weg nie, nur Bedenken, dass an meinem Rollstuhl etwas kaputt gehen könnte.

Nach 43 Tagen Aufenthalt in Frankreich, verließ ich das Land am Sonntag, den 14. Juli. Dies war sehr ideal vom Verkehr her, da es zugleich ein Feiertag war. Ich musste die Pyrenäen auf der Landstraße überqueren. Aber fünf Kilometer vor dem Ziel, in Roncesvalles, wurden die Akkus leer und es war kein Haus weit und breit um aufzuladen. Doch auch da erfuhr ich Hilfe: Ein dänisches Ehepaar nahm mich mit Sack und Pack in ihrem VW Bus mit, vier Männer halfen den Rolli rein zu heben. Bei der nächsten Herberge setzten sie mich wieder ab, wo ich die Akkus aufladen konnte.

Alles war eigentlich wieder ok, trotzdem bekam ich hier meine zweite Heulphase. Denn die Herberge war riesengroß und übervoll, so etwas war ich von meiner bisherigen Reise nicht gewohnt. In Frankreich gab es kleine, meist in den Familien untergebrachte Herbergen, die sogenannten „Gite“. Auch gab es dort noch nicht so viele Pilger. Aber hier, in der Nähe von den Pyrenäen, beginnt der spanische Jakobsweg, den viele dort begehen und beginnen.

Doch dann die berechtigte Angst – in Logrono gingen die Akkus und das Aufladegerät kaputt. Fünf Tage Zwangspause musste ich dort einlegen, um die Lieferung der neuen Akkus von der Herstellerfirma aus Deutschland abzuwarten. Eigentlich klappte auch dies sehr gut und schnell. Wegen des Pausierens traf ich in Burgos unverhofft einen alten Pilgerfreund wieder, der vier Tage in ein Krankenhaus musste. Wir sind uns am Anfang in der Schweiz begegnet und nun nach so langer Zeit ..., das erfreute natürlich mein Pilgerherz!

Immer wieder trifft man auf dem Weg bekannte Gesichter, aber selten nach so einem langen Zeitraum, das war schon eine sehr große Überraschung.

Dann endlich war das Ziel in Sicht.

Am 18. August traf ich in Santiago de Compostela ein. Als ich die Kathedrale sah, erfüllte mich ein Gefühl von Freude und Dankbarkeit. Ich hatte es geschafft, wurde auf dem ganzen Weg nie krank …! Mit anderen Pilgern nahm ich an der Messe teil und konnte so auch das große Weihrauchfass bewundern, das sechs Männer zum Schwingen brachten. Als ein spanischer Pilger meine Leistung würdigte und sagte: „Wenn jemand eine echte Pilgerin ist, dann bist es du“, weinte ich zum dritten Mal, diesmal aber vor Glück.

Nach drei Tagen rollte ich weiter bis zu der wunderbar gelegenen Wallfahrtskirche in Muxia. Diese liegt direkt am Meer und ist von Felsen umgeben. Vier Tage brauchte ich dorthin und danach fuhr ich noch nach Finisterre, um das sogenannte „Ende der Welt“ zu sehen.
Dort hielt ich mich noch vier Tage auf und genoss das Meer und die schöne Umgebung. Danach rollte ich nach Santiago zurück, (ich vermute, dass ich im Ganzen 3 300 km mit meinem Rollstuhl zurückgelegt habe). Von Santiago holte mich dann meine Tochter mit ihrem Mann ab. Zusammen machten wir uns mit dem Auto auf den Heimweg. Wir ließen uns dabei Zeit, um einige Sehenswürdigkeiten auf der Strecke anzuschauen.

So kam ich erst endgültig am 14. September wieder nach Hause. Dort erwartete mich eine „Riesenüberraschung“, ich wurde mit Glockengeläut und Blasmusik empfangen. Es war gut und schön, wieder daheim zu sein!

Fazit meiner Pilgerreise:

Manchmal war es schon grenzwertig sich jeden Tag eine neue Unterkunft suchen zu müssen, das Schnarchen und das Quietschen der Betten auszuhalten und zudem waren meist die Herbergen nicht behindertengerecht! Ein Beispiel: Ich kam in einer französischen Herberge ebenerdig durch die Türe, aber dann waren die Betten, Toiletten usw. im 1. Stock. Und es führte nur eine ganz steile Stufe, ohne Geländer nach oben. (Ich war froh, dass ich alleine dort war und mich niemand sah, wie ich mich die Stufen hochwuchtete und morgens sie wieder runterrutschte).
Aber zum Ende hin von Frankreich, sowie in spanischen Städten und natürlich je näher man nach Santiago kam, umso behindertenfreundlicher wurde alles. Trotzdem hätte ich diese Reise nicht „alleine“ durchführen können, wenn ich nicht noch mit meinen zwei Stöcken gehen könnte!

Nach dem Nichtmehrweiterkommen auf dem Jakobsweg, fiel mir nicht immer die Orientierung leicht. Da ich oft umkehren musste, wusste ich des Öfteren nicht mehr, wo ich mich befand. Auch konnte ich mich dadurch nicht mehr an den Wegmarkierungen orientieren und verfuhr mich umso mehr, besonders in großen Städten (die hasste ich deshalb sehr)! Und natürlich war das nasse, kalte Wetter im ersten Drittel nicht gerade aufbauend, dafür machte mir aber dann die Hitze gar nichts aus, da der Fahrtwind durch den Rollstuhl Kühlung brachte.
Das Aufladen meiner Akkus klappte im Großen und Ganzen gut, nur in der Schweiz brauchte ich einen extra Stecker. Abends lud ich immer in den Unterkünften und tagsüber meist in den offenen Kirchen. Man wird dabei immer erfindungsreicher und frecher! In  Spanien waren aber leider die Kirchen meist geschlossen und so lud ich Strom ohne Probleme in den Bars.

Trotz aller Unwägbarkeiten möchte ich diese Reise nicht missen: Die wunderbaren, einzigartigen Landschaften, die gewaltigen Berge, die vielen schönen Seen, die goldenen Weizenfelder, die blühenden Ginsterbüsche, die duftenden Lavendelfelder,
die vielen Wälder, die Weitläufigkeit des Aubac, die karge Hochebene der Meseta und vieles mehr versetze mich immer wieder ins große Erstaunen. Dann die vielen Begegnungen von lieben, netten Menschen, egal welchen Alters, erfreute mich. Ihre unendliche Hilfsbereitschaft, die echte Bewunderung und Anteilnahme von Fußgängern, Rad-, Motorrad- oder Autofahrern, die sie mir entgegen gebracht hatten, sowohl auf der gesamten Wegstrecke, als auch am Ziel erstaunte mich.

Dies alles gab mir ungeheure Kraft, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. So wurde mir klar: „Man kann noch vieles schaffen, wenn man es ganz fest will!“ Außerdem wurde dadurch mein Glauben gestärkt, ich fühlte mich auf dem ganzen Jakobsweg begleitet und behütet, immer wieder erhielt ich Hilfe, wo ich sie brauchte und es ging immer irgendwie weiter. Diese, meine Pilgerreise werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen und werde davon zehren können.

Vor allem aber freut es mich sehr, dass ich durch diese Aktion viel Geld für die Forschung an der Muskelkrankheit FSHD sammeln konnte. Es sind bereits über 14.400,00 Euro eingegangen. Dafür möchte ich mich bei allen Spendern ganz herzlich bedanken, sowie bei der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e. V., die das Spendenkonto zur Verfügung stellte und immer noch stellt. Denn der Spendenaufruf ist noch nicht beendet, da ich weiter sammeln will, durch Vorträge, natürlich über „meinen Jakobsweg“!

Schließen will ich nun meinen Bericht mit dem Spruch von Paul Gauguin, der auch auf meinen Flyer abgedruckt ist: „Die große Herausforderung des Lebens liegt darin, die Grenzen in dir selbst zu überwinden und so weit zu gehen, wie du dir niemals hättest träumen lassen.“


Spenden kann man weiterhin an:

Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke e. V, Freiburg (DGM)
Kontonummer: 7772200, BLZ: 66020500,
Verwendungszweck: Luise auf dem Jakobsweg