26.01.2021 | In eigener Sache

Kontaktstelle Kibis: Selbsthilfe ist in der Krise

In der Norddeutschen Rundschau erschien am Montag dem 26.1.21 ein sehr einfühlsamer Artikel über die Krise der Selbsthilfe in Zeiten der Corona-Pandemie.

Die Leiterin der Kontaktstelle Kibis in Itzehoe, Frau Hanne Nulje-Bodenteich, und unser langjähriges Mitglied und Gesprächskreisleiter Herbert Heinlein sprachen mit der Norddeutschen Rundschau und erklärten anschaulich die aktuellen Schwierigkeiten.

Originaltext aus der "Norddeutschen Rundschau" (vom 26.1.21)

ITZEHOE Menschen in Krisensituationen unterstützen – darum geht es in der Selbsthilfe. Doch Corona und die Kontaktbeschränkungen bringen die rund 45 Selbsthilfegruppen der Kontaktstelle Kibis selbst in die Krise. „Gruppentreffen finden derzeit ja gar nicht statt“, bedauert Leiterin Hanne Nuijen-Bodenstein: „Durch die Schließung unserer Kontaktstelle wurde den Gruppenmitgliedern die Möglichkeit genommen, sich bei uns zu treffen.“ Lediglich eine virtuelle Eins-zu-eins-Beratung oder Spaziergänge zu zweit können angeboten werden. Das bedeute, dass Gruppenleiter mit den Mitgliedern digital oder am Telefon kommunizieren. Aber Gruppentreffen funktionieren auch, berichtet Herbert Heinlein, der den Gesprächskreis für ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) leitet: „Gerade erst hatten wir eine Videokonferenz, an der auch Freunde oder Angehörige teilnehmen dürfen.“ Die Menschen, die an der rasch fortschreitenden Erkrankung des motorischen Nervensystems leiden, bei der nach und nach die gesamte Muskulatur geschwächt wird, lebten derzeit ohnehin sehr zurückgezogen, sagt er. Allen fehlten die regelmäßigen Treffen, um sich auszutauschen. Viele der Erkrankten beschäftige derzeit die Corona-Impfung: „Da die Atemwege dieser Menschen ohnehin sehr geschwächt sind, müssten sie eigentlich sofort eine Impfung erhalten“, so Heinlein. „Dem aber ist leider nicht so, und das finde ich ganz schrecklich.“ Aus Angst vor einer Ansteckung verlassen sie ihre vier Wände gar nicht mehr und vereinsamen. „Trotz ihrer Schwersterkrankung verlieren sie niemals den Lebensmut“, betont der Gruppenleiter, der in den virtuellen Treffen nicht nur Mut zuspricht, sondern auch Tipps und Ratschläge gibt, wo welche Hilfsmittel beantragt werden können, welcher Rollstuhl der richtige ist oder wo es weitere Beratungsstellen gibt. „Viele Patienten fahren bis Hannover und Berlin, um Hilfe zu finden – hier in Itzehoe gibt es glücklicherweise Neurologen mit Herz, die nicht nur die Krankheit sehen, sondern den ganzen Menschen.“ Corona beeinträchtige die Mitglieder der Gruppen ebenso wie die Leiter, sagt Nuijen-Bodenstein. Schließlich solle Selbsthilfe den Menschen mit verschiedensten Beeinträchtigungen die Möglichkeit geben, sich auszutauschen und gegenseitig zu ermutigen. „Nun ist das gerade in einer so schwierigen Zeit durch ein persönliches Treffen gar nicht mehr möglich. Denn gerade die Gruppe der Menschen mit Beeinträchtigungen muss sich besonders schützen.“ Der vertraute und regelmäßige Austausch innerhalb einer Gruppe fehle den Menschen enorm, sagt die Kibis-Leiterin. Gerade in dieser Zeit brauchten die Menschen eine Möglichkeit, sich Sorgen und Nöte von der Seele reden zu können und gemeinsam Probleme zu lösen. „Besonders betroffen sind Menschen mit psychischen Erkrankungen“, sagt Nuijen-Bodenstein und ergänzt: „In einem Gespräch mit einem Betroffenen erfuhr ich, dass er zwischen den Feiertagen eine ganze Woche das Bett nicht verlassen hatte – das berührt schon sehr.“ Gespräche über Telefon oder Video seien nicht das, was die Menschen wirklich brauchten, wenn sie aufgrund ihrer Erkrankung ohnehin zurückgezogen lebten – gerade die Videokonferenzen hätten gezeigt, wie wichtig der „normale“ Austausch sei. „Uns treibt daher die Frage um, wie es unseren Gruppenmitgliedern in dieser Zeit geht oder wie sie zu anderen Gruppenmitgliedern Kontakt halten“, sagt Nuijen-Bodenstein. Jederzeit könnten sie schreiben und anrufen, sagt sie und wünscht: „Viel Kraft und haltet Kontakt miteinander – das ist zumindest möglich.“ km