09.07.2018 | Berichte

Was können wir von Menschen mit Behinderung lernen?“ - sächsische SPD lud zum 4. Inklusionskongress in Görlitz ein 

„(...) Auch die selektierende Sonderpädagogik und die humangenetische Beratung des 20. Jahrhunderts stehen seit einiger Zeit als Wohltätermafia unter Verdacht.“ (Zimpel, André Frank 2016, S. 13) 

Zum 4. Inklusionskongress luden die sächsische Landtagsfraktion der SPD und insbesondere die Sprecherin für Inklusion und Kultur, Hanka Kliese, am 02. Juni 2018 nach Görlitz ein.
In diesem Jahr standen alle Beiträge unter dem Motto „Mutmacher-Kongress“. Ziel der sächsischen SPD im Landtag ist es, jetzt, nachdem über viele Jahre theoretisch über gesetzliche Reformanstrengungen gesprochen wurde, zu schauen, was eigentlich bei den Menschen am Ende dabei übrig bleibt, nämlich unmittelbare Teilhabe und eben Inklusion. Begrüßt wurden die Gäste außerdem von der sächsischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dr. Eva-Maria Stange. Ihr sei Inklusion schon deshalb wichtig, weil es im Bereich Bildung und Kultur darauf ankomme, dass alle Schulen, Berufs- und Hochschulen sowie kulturellen Einrichtungen zugänglich und erfahrbar für alle Menschen sind. 

Daher nahmen neben 90 Gästen insbesondere ganz verschiedene Rednerinnen und Redner teil. Darunter der renommierte Behindertenpädagoge und Psychologe Prof. Dr. André Frank Zimpel (Universität Hamburg). Sein Vortrag drehte sich um kritische Sichtweisen auf den Intelligenzbegriff. Zimpel machte eindrucksvoll deutlich, dass herkömmliche Intelligenztests (IQ-Tests) nicht das erfassen können, was gemeinhin unter Intelligenz verstanden wird. IQ-Tests bilden lediglich das ab, was andere, nämlich die Tester hören wollen. Was wir vor allem bei Menschen mit sogenannten „Lernbehinderungen“ brauchen ist vor allem Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Dabei zog er immer wieder Parallelen zur Erziehung und Förderung von Kindern - ein Gebiet, über das er ebenso intensiv geforscht und publiziert hat. „Zeigen Sie Kindern auf, wofür sie etwas lernen; zeigen Sie die großen Zusammenhänge. Es sind nicht die kleinen Schritte, die Kinder weiterbringen“. Er schloss seinen Vortrag mit dem Imperativ: „Gehen Sie große Schritte“. 

Anschließend stellte der sächsische Behindertenbeauftragte, Stephan Pöhler, seine Vorstellungen und Erwartungen an ein zu beschließendes Inklusionsgesetz vor. Sein Credo: Schaffung einer Stelle als Behindertenbeauftragter nicht auf Ebene des Sozialministeriums, sondern auf der Ebene des Ministerpräsidenten, der Staatskanzlei. Dies würde dem Bedarf entsprechen, der sich aus der immanenten Forderung des Inklusions-Begriffs ableitet. Geplant ist, dass das Inklusionsgesetz noch 2018 verabschiedet wird, nachdem zuvor eine breite Beteiligung der Öffentlichkeit stattgefunden hat. 

Im Nachgang erhielt ich die Möglichkeit, nach einer flächendeckenden neurologischen Versorgung von Menschen mit seltenen (neuromuskulären) Erkrankungen fragen zu können. Der Beauftragte signalisierte Interesse und versprach, dieses wichtige gesundheitspolitische Ziel mit in seine Arbeit zu nehmen. Unterdessen stellte er die Entwicklung der sog. MZEB (medizinische Zentren für erwachsene Behinderte) dar. Sein Ziel: sachsenweite Etablierung dieser Zentren. 

Am Nachmittag nach einer ausgedehnten Mittagspause diskutierten neben Hanka Kliese, in der Rolle als Moderatorin, Prof. Dr. Thomas Kahlisch (Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde, DZB), Regina Kraushaar (Staatssekretärin des Sozialministeriums), Andreas Werner (Verbandsdirektor des Kommunalen Sozialverband Sachsen, KSV) und Matthias Frahnow (Referent Behindertenhilfe und Psychiatrie beim Caritasverband der Diözese Görlitz e.V.) über die ersten Auswirkungen des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) sowie dessen Implementierungschronologie auf Ebene des Freistaates Sachsen. Es zeigte sich in der Diskussion deutlich, dass zum einen klare Bestrebungen für konkrete Verbesserung der vielen Menschen im Freistaat bestehen. So zum Beispiel im Bereich der Arbeit - hier will der Freistaat dingend die Angebote sog. „anderer Leistungsanbieter“ ausbauen, womit mehr Alternativen zu den Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) geschaffen werden sollen. Zum anderen aber verwies Andreas Werner in seiner Rolle als Direktor des überörtlichen Trägers der Sozialhilfe (KSV Sachsen) auf die Sorgen der Städte und Landkreise. Diese 

haben schon heute deutliche Mehrausgaben. Man müsse einen Mittelweg in der Ausgabenpolitik gehen, so Werner. 

Wir können diese Erkenntnisse auch auf Muskelerkrankungen übertragen. So selbstverständlich für uns Mitglieder heute ist, dass auch unter den Bedingungen einer solchen Erkrankung eine volle und wirksame Teilhabe möglich ist, ist es fundamental wichtig, dass der mit der Geburt verpasste Stempel „behindert“ schlichtweg fatal ist. Solche Zuschreibungen durchziehen die gesamte Biographie und beeinflussen alle am Werdegang eines Menschen Beteiligten. Teilhabe, Erfolg und Glück ist nicht von Förderung abhängig, nicht von Ausschluss und Selektion, sondern von Chancengerechtigkeit, von echter Teilhabe und Vertrauen. Das gilt für Betroffene mit einer Muskeldystrophie Duchenne wie für alle anderen Formen. 

André Neutag
Jugendbeauftragter im Landesvorstand Sachsen