14.07.2017 | In eigener Sache

Mitgliederversammlung und Fachtagung des Landesverbandes Sachsen-Anhalt

"Wo kann man denn die Ringe kaufen?"

Unsere Gäste zur Mitgliederversammlung 2017
Herr Wiedenmann, Orthopädietechnikermeister aus Dresden

... So oder so ähnlich wird gefragt, wenn Anti-Hyperextensionsorthesen Finger schmücken, die jedoch eigentlich kein Schmuck, sondern wahrhaftige Hilfsmittel sind. Es sind keine Ringe, es handelt sich um Schutzvorrichtungen, die die Fingermittel- oder -endgelenke vor übermäßiger Überstreckung bewahren sollen.
Die Frage aus der Überschrift macht deutlich, wie undurchschaubar das weite Feld der Orthopädietechnik eigentlich ist. Obwohl viele der Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e.V. die verschiedensten Hilfsmittel nutzen, sind orthopädietechnische Materialien längst nicht so verbreitet, wie dies anzunehmen wäre. Auch die Fachwelt, darunter insbesondere Physiotherapeuten, hat nicht selten wenige Erfahrungen mit dieser Form der Versorgung. Wer kennt schon die TR-Ringorthese? Nein, es ist keine Orthese für Verheiratete, sondern für den Fuß, um ihn aus einer Fehlstellung in eine Mittelstellung zu bringen.

Die Möglichkeiten orthopädietechnischer Versorgungen sind so groß, dass es für den Landesvorstand Sachsen-Anhalt rasch klar war, dass hier ein Profi kommen muss, der weiß, was es alles gibt und wie es gebaut wird, denn: (Fast) jedes Hilfsmittel ist ein individuell und handwerklich gefertigtes Stück.
Wir freuten uns, dass Herr Wiedenmann aus den Orthopädischen Werkstätten Dresden Sanitätshaus Rosenkranz GmbH als Referent zu uns nach Dessau-Roßlau gekommen ist. Über zwei Stunden führte er uns in die Grundlagen der großen Bandbreite von Versorgungsmöglichkeiten ein. Von den allgemeinen Grundsätzen der Orthopädietechnik über die wichtigen gelenkspezifischen Varianten bis hin zur orthetischen Versorgung bei Narben - gebündeltes und trotzdem überschaubares Wissen für alle anwesenden Mitglieder und Gäste.

Einen Schwerpunkt bildeten sicherlich die Einsatzmöglichkeiten am Fuß. Einlagen, Ringorthesen und Quengelvorrichtungen sind nur einige Beispiele.
Es folgten die Körperregionen Knie- und Hüftgelenk, Hand-, Ellenbogen- und das Schultergelenk. Auch hier, so zeigten Fragen aus dem Publikum, hatten sich doch einige Interessen aufgetan. So ist beispielsweise für die Betroffenen mit FSHD womöglich eine GPS-Softorthese eine Möglichkeit zur Korrektur von Haltungsfehlern.
Schließlich gibt es auch unterschiedliche Versorgungsmöglichkeiten für den Rumpf, da gerade bei Muskelerkrankungen häufig mit Skoliosen einhergehen, die ab einem bestimmten Krümmungsgrad mit Korsetts korrigiert werden können.

Häufig fungieren Orthesen als Begleitangebot zur üblichen Therapie. Nicht nur die Physiotherapeuten allein, auch die Orthese erfüllt einen wichtigen kurativen oder palliativen Auftrag. Doch in jedem Fall ist gerade die Kombinationsbegleitung des Patienten wichtig: Ein Zusammenarbeiten zwischen Therapeuten und Orthopädietechnikern in Kooperation mit den behandelnden Ärzten ist ideal und überfällig zugleich. Für die Therapeuten ist das Wissen um die orthetische Versorgung deshalb so wichtig, weil das therapeutische Handeln und dessen Erfolg mithilfe von Orthesen beibehalten, verlängert und sogar verstärkt werden kann. Für die Techniker ist wiederrum das Know-how der Therapie so wichtig, weil die ganz eigenen Bewegungsabläufe des Patienten mit dem Wissen für die Art der Orthesen-Herstellung in Verbindung gebracht werden können. Nur eine gut angewendete Orthese, dient dem Patienten auf Dauer. Wichtige Entscheidungen sind hierbei zum einen die Auswahl der Art der Orthese, also fest/hart oder dynamisch und zum anderen des Materials, zum Beispiel Carbon oder Leder. Eine gute Orthese ist teuer und stets maßgenau - umso genauer und qualitativer sollte die Er- und Verarbeitungsgenauigkeit sein, wozu nicht nur Materialkenntnis, sondern auch Patientenkenntnis gehören.

Nach der gemeinsamen Mittagspause im Café des Campus der Hochschule Anhalt gab Herr Wiedenmann einen kurzen Überblick über Arten der Rehatechnik. Wer hätte gewusst, dass ein Rollator nicht vier, sondern nur zwei Räder sowie zwei Füße hat? …

Der Tag war sehr gelungen, viele Teilnehmer hatten den aufgrund des einige Tage zuvor gewüteten Gewitters beschwerlichen Weg auf sich genommen, um bei leckerer Chili con carne sowie Kaffee und Kuchen  miteinander ins Gespräch zu kommen.

Ein großer Dank an den Referenten für die Freigabe der Präsentation. Das Skript können Sie unten einfach auf Ihrem PC abspeichern.
Wenn Sie an einem Informationsblatt zu den verschiedenen Orthesen-Arten interessiert sind, dann melden Sie sich bitte bei andre.neutag [at] dgm.org oder unter (0176) 80006116. Gerne stellen wir Ihnen die Materialien zur Verfügung.

Der Landesvorstand möchte sich herzlich bei Herrn Wiedenmann für seinen sehr interessanten Vortrag sowie der Hochschule Anhalt für das Bereitstellen von Räumen und Getränken bedanken.

In der anschließenden Mitgliederversammlung, in der der Landesvorstand einstimmig entlastet worden war, wurde von der Landesvorstandsvorsitzenden Beate Cwiertnia ein Überblick über die Ereignisse 2016 und das erste Halbjahr 2017 gegeben und von der Schatzmeisterin Dr. Petra Muschke die Finanzentwicklung dargestellt. Den Rechenschaftsbericht finden Sie auf unserer Homepage.
Der Landesvorstand freut sich sehr, dass es zahlreiche Treffen der einzelnen Kontakt- bzw. Selbsthilfegruppen und Gesprächskreise im Landesverband gibt, nun auch wieder mit der Kontaktgruppe Anhalt-Bitterfeld.

Insbesondere durfte sich der Landesverband freuen, mit Katharina Kohnen ein neues Mitglied des zur Delegiertenversammlung in Hohenroda gewählten Bundesvorstandes begrüßen zu dürfen.

Abgerundet wurde die Informationsveranstaltung und Mitgliederversammlung mit einer nahezu kurfürstlichen Führung durch das „Georgium“, welches Teil des weit über die Stadtgrenzen Dessaus bekannten UNESCO-Welterbes „Wörlitzer Park“ ist. Den Namen Georgium trägt der Landschaftsgarten in Erinnerung an dessen Erschaffer Prinz Johann Georg, dem jüngeren Bruder Leopolds III. Friedrich Franz, Fürst und Herzog von Anhalt-Dessau, oder kurz: Fürst Franz.

Im Juli 2017,
Ihr Landesvorstand Sachsen-Anhalt