01.11.2016 | In eigener Sache

Mitgliederversammlung 2016

"Neuer Vorstand - Neues Domizil"

Nach etwas mehr als einem Jahr ließ der Landesverband Sachsen-Anhalt seine Mitgliederversammlung an einem ganz neuen Ort stattfinden: Dessau-Roßlau. Nach vielen Jahren, in denen die Treffen im Frühling in Bad Dürrenberg und im Herbst in Calbe (Saale) stattfanden, war ein Grundgedanke des neuen Landesvorstandes, einen zentraleren Ort als Raum der Begegnung anbieten zu können.

... Neues aus der Forschung!

Der erste Teil der Versammlung stand im Licht des Neuromuskulären Zentrums Halle (Saale). Frau Theresa Mehl, Master of Science der Psychologie und Mitarbeiterin des Universitätsklinikums Halle (Saale), erklärte uns in ihrem Beitrag „Motorische und kognitive Fatigue bei Myasthenia gravis“ wichtige Grundlagen und Zusammenhänge des sogenannten Fatigue- oder „Erschöpfungs-Syndroms“. Danach sind motorische und kognitive Fatigue zu unterscheiden, wobei motorische Fatigue rasch eintretende Erschöpfung nach geringer körperlicher Belastung meinen, die als pathologisch zu bewerten sind. Kognitive Fatigue hingegen beschreibt die Reduktion der geistigen Leistungsfähigkeit bei der Bearbeitung mentaler Aufgaben. Weiter betonte Frau Mehl, dass die Erforschung der Ätiologie, also der Ursache der Fatigue, noch nicht gänzlich vollendet ist. Experten vermuten, dass das Fatigue-Syndrom das „Ergebnis der gestörten neuromuskulären Signalübertragung an [der] motorische[n] Endplatte“ (vgl. Präsentation der Referentin) ist. Bisher werden diverse Testreihen zur Diagnosestellung bei Patienten mit Myasthenia gravis angewendet, jedoch bei schon vorliegender Diagnose über die Muskelerkrankung. Insofern hinterfragte ein Mitglied, welchen Nutzen dann solche Testungen haben, wenn allein schon die Diagnose „Muskelerkrankung“ eine Erschöpfung der Muskulatur impliziert. Vielmehr ergänzt die Psychologie das neurologische Arbeitsfeld um das Wissen um charakteristische psychische Begleit-Symptome. Dies ließ auch die sich anschließende Diskussion erkennen: Ist ein Autofahren überhaupt noch möglich? Was muss ich beachten, wenn meine Motorik und meine geistige Leistungsfähigkeit schnell erschöpfen? Ergänzt wurde der Vortrag von Frau Mehl um die Anmerkung, dass jene psychologische Test-Diagnostik eine Möglichkeit der Ausgangsdiagnostik wäre. Viele der vorwiegend erwachsenen Menschen erwerben die Muskelerkrankung im Lebensverlauf. Oftmals wird die wahrgenommene Symptomatik auf „Unlust“, „Unwille“ oder gar „Faulheit“ degradiert. Genau hier könnte die Psychologie ansetzen und einen Hinweis liefern, den dann die Neurologie nutzen kann, um die Diagnosestellung zu vollenden. Womöglich wären dann auch für den Patienten unangenehme technisch-operative Diagnostik-Methoden überflüssig.
Besonders zu erwähnen sind die Studien-Aktivitäten durch das Universiätsklinikum: Eine Studie („Assessment of physical fatigability and fatigue perception in Myasthenia gravis“), die untersucht hat, dass Menschen mit Myasthenia gravis einen negativen linearen Trend aufweisen im Zusammenhang mit motorischer Anforderung und Erschöpfungsausmaß. Weitere Informationen unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27543741

Erwartungen & Sorgen zu den Pflegestärkungsgesetzen II & III

Für den sich anschließenden Vortrag war der eingeladene Referent, Herr Dr. Ilia Seifert, leider erkrankt und konnte nicht teilnehmen. Eingeladen wurde Herr Dr. Seifert dafür, uns über das zu erwartende Bundesteilhabegesetz aufzuklären - Welche Risiken/Gefahren und welche Chancen bringt das Bundesteilhabegesetz? Herr Dr. Seifert ist zusammen mit vielen Akteuren der Peer-Bewegung maßgeblich am Protest gegen das Bundesteilhabegesetz beteiligt. Neben Raúl Krauthausen, Horst Frehe, Sigrid Arnade und vielen anderen ließ sich Seifert im Frühjahr diesen Jahres unweit des Bundestages als Zeichen des Protestes am Spree-Ufer für eine ganze Nacht anketten.
Stellvertretend sprang André Neutag ein, der einen Kurzbeitrag zum ab Januar 2017 in Kraft tretenden Pflegestärkungsgesetz (PSG) II bzw. PSG III leistete. Bereits zu den Mitgliedertagen im September berichtete Frau Meer aus der Sozialberatung der Bundesgeschäftsstelle über die Inhalte der Rechtsreform. Herr Neutag nutze die Folien von Frau Meer. An dieser Stelle vielen Dank an Frau Meer für die Bereitstellung der Präsentation.

Neu wird demnach ab 01.01.2017 sein, dass die bisherigen Pflegestufen durch fünf Pflegegrade abgelöst werden. Im Zentrum der Reform steht die Überarbeitung des Pflegebedürftigkeitsbegriffes.
Die neue Defintion lautet:
"Pflegebedürftig sind Personen, die gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten aufweisen und deshalb der Hilfe durch andere bedürfen."

Damit einhergehend wird auch das Wesen der Begutachtung durch den medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDV) umgebaut. So entfällt das Erfassen von Zeiteinheiten für die verschiedenen Pflege- und Unterstützungsverrichtungen. Stattdessen wird sich das Maß der Unterstützung an der Qualität der Selbständig messen lassen. Zusätzlich soll auch die Entlastung des Pflegeversicherten in der Form zur Verfügung stehen, als dass der Gutachter den (vermeintlichen) Bedarf an Unterstützung zum Erhalt der Ressourcen ermittelt und demzufolge auch eigenständig Pflegehilfsmittel oder Rehabilitation in Gang setzen kann. Umstritten ist dies deswegen, weil die Abweichung vom tatsächlichen Bedarf zu groß sein kann, so die Mitarbeiter des DGM-Landesverbandes Bayern während der Mitgliedertage. Neu wird auch sein, dass die Begutachtung sechs Module umfassen wird (vgl. Grafik „Die 6 Module“ am Bildschirmrand), wobei jedes Modul unterschiedlich gewichtet wird.

So wird der Bereich der Mobilität ab Januar 2017 mit nur 10 % gewichtet. Während der Begutachtung erfasst die Gutachter die Abstufungen der Selbständigkeit, wobei dabei die Spanne von keiner bis vollständiger „Beeinträchtigung der Selbständigkeit/Fähigkeit“ (vgl. MDS, 2016) reichen kann. Jede Abstufung wird mit einer Punktzahl chiffriert, die zum Schluss zu einer Gesamtpunktzahl unter Beachtung des jeweiligen prozentualen Anteils der Module zusammengefasst wird. Die endgültige Gesamtpunktzahl gibt Auskunft über die Einordnung in einen der neuen Pflegegrade (vgl. Grafik „die neuen Pflegegrade“ am Bildschirmrand).

Wichtig ist für alle, die schon jetzt in eine Pflegestufe eingeordnet sind, dass es ab Januar einen Bestandsschutz geben wird. Die Pflegeversicherung wird jeden Versicherten darüber informieren, in welchen Pflegegrad der/die Versicherte überführt wird. Dabei gilt, dass es zu einem sogenannten „einfachen Sprung“ kommt, also beispielsweise von der Pflegestufe 3 in den Pflegegrad 4. Wer im Besitz der „eingeschränkten Alltagskompetenz“ ist, vollzieht einen „doppelten Stufensprung“. Die Höhe des Pflegegeldes entspricht in dem neuen Pflegegrad zum Teil der schon jetzt geltenden Höhe, beispielsweise wird es im Pflegegrad 4 ab 01.01.2017 728,00 € geben. Dies entspricht der gegenwärtigen Leistungshöhe in der Pflegestufe 3.
Einen Unterschied wird es in der Begutachtung bei Kindern geben. Hier wird ein Vergleich mit „altersentsprechend entwickelten Kindern“ vorgenommen. Dabei wird es eine Sonderregelung für Kinder von 0 bis 18 Monaten geben: Bei gleicher Einschränkung werden die Kinder um einen Pflegegrad höher eingestuft als ältere Kinder oder Erwachsene (Quelle: Skript der DGM-Bayern). Die zur Anerkennung der Pflege für pflegende Angehörige erforderliche Mindestpflegezeit wird von 14 auf 10 Stunden herabgesetzt. Zu beachten ist aber, dass es mit dem neuen Begutachtungsverfahrens zu keiner Zeiterfassung mehr kommt. Ebenso wird neu sein, dass, dass pflegende Angehörige arbeitslosenversichert sein werden, insofern keine Absicherung besteht (Quelle: Skript der DGM-Bayern).

Darüber hinaus steht noch die Verabschiedung des Pflegestärkungsgesetzes III (PSG III) aus. Dies soll nahezu parallel zum Bundesteilhabegesetz passieren. Hierbei soll die Schnittstelle zur Eingliederungshilfe (SGB XII) im Rahmen der „Hilfe zur Pflege“ neu geregelt werden. Welche genauen Konsequenzen dies vor allem für Nutzer von Persönlicher Assistenz („Arbeitgebermodell“) hat, bleibt abzuwarten.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es für Menschen mit einer Muskelerkrankung zu Verschlechterungen in der Pflegeversicherung kommen KANN. Insbesondere durch die geringere Gewichtung des Lebensbereiches der Mobilität und der gleichzeitig vom Gesetzgeber höheren Wertschätzung von Menschen mit psychischen und kognitiven Einschränkungen (v.a. Demenz-Erkrankungen), kann es bei Neu-Anträgen ab Januar zu einer niedrigeren Einstufung als im gegenwärtig noch geltenden System kommen.

Der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) stellt auf seiner Homepage Unterlagen zum neuen Begutachtungsverfahren als Download aber auch zum Kauf zur Verfügung. Alle Informationen unter: www.mds-ev.de Fragen können Sie jederzeit auch an die Sozialberatung der DGM richten: beratung [at] dgm.org (subject: Frage%20zum%20Pflegest%C3%A4rkungsgesetz) oder info [at] dgm.org (subject: Frage%20zum%20Pflegest%C3%A4rkungsgesetz)

... Und zur Mitgliederversammlung?

Im Anschluss an die Fachvorträge schloss sich die Mitgliederversammlung an. Dabei wurde deutlich, dass sich im letzten Jahr als auch im ersten Halbjahr 2016 vieles Neues ergeben hat. Neben der Neugründung des Muskel-Treffs-Altmark durch Birgit Timmer, der insbesondere das Gebiet des nördlichen Sachsen-Anhalts umfasst oder der Weiterentwicklung der Jugendgruppe Mitteldeutschland.

Beate Cwiertnia, Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes, verlas die Rechenschaftsberichte für 2015 und für die erste Jahreshälfte 2016. Dr. Petra Muschke stellte als Schatzmeisterin den Finanzbericht vor. Nachdem der Vorstand durch die Anwesenden einstimmig entlastet wurde, hatten die Mitglieder noch eine Nachwahl zweier Ersatzdelegierte durchzuführen: Einstimmig wurden Beate Cwiertnia und Hartmut Otto gewählt.

Über alledem schwebte die Frage im Raum, warum sowohl bei der Jubiläums-Feier im Juli als auch jetzt zur Mitgliederversammlung so wenige Mitglieder vertreten waren. Die Frage beschäftigt den Landesvorstand sehr und wir möchten weiterhin an einer Lösung dafür suchen.

Alles in allem war es ein spannender und informativer Tag mit einer gelungenen Mitgliederversammlung in Dessau-Roßlau. Ganz herzlich möchten wir uns beim Beruflichen Schulzentrum „Hugo Junkers“ Dessau für die Räumlichkeiten und die Versorgung bedanken.

Im Oktober 2016
Ihr Landesvorstand