02.07.2014 | Berichte

Ein Abend mit Martin Fromme

Kabarett-Veranstaltung der "Muskelfreunde Düren"

Als ich den einarmigen Kabarettisten Martin Fromme in einer Veranstaltung der Kreisverwaltung Düren zum Thema „Inklusion“ kennenlernte, war mir klar, dass ich ihn zu einem unserer Selbsthilfetreffen einladen musste. In der Pause stellte ich sofort einen persönlichen Kontakt her. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich mit der Durchsetzung meiner Ideen dann schon mal ein bisschen hartnäckig sein kann. Doch wie sollte ich Kabarett mit Selbsthilfe in Verbindung bringen?!

Selbsthilfegruppen dienen ja schließlich nicht zur Bespaßung sondern zur Selbsthilfe!!!

Gleichzeitig wurde mir aber auch sehr schnell klar, dass wir die Kosten dieser Aktion als kleine Selbsthilfegruppe nicht alleine stemmen konnten. In einem Treffen der Selbsthilfegruppenleiter beim paritätischen Wohlfahrtsverband hier in Düren erzählte ich Frau Viehöver-Braun ganz beiläufig von meiner Idee. Sie war so begeistert, dass sie sofort mit zwei Krankenkassen bezüglich einer Projektförderung Kontakt aufnahm.

Lachen ist gesund, das wissen wir alle. Beim Lachen werden Endorphine freigesetzt,  die in der Medizin schon als Schmerztherapie bei chronischen Schmerzen eingesetzt werden. In Krankenhäusern werden Clowns eingesetzt,  die die Kleinen zum Lachen bringen, damit sie schneller gesund werden. Vieler Orts werden Lachjogaclubs gegründet, damit die körpereigenen Endorphine in Wallung kommen und das körperliche Wohlbefinden dadurch gesteigert werden kann.

Durch Humor werden Berührungsängste abgebaut, Tabus werden gebrochen und gesellschaftliche Grenzen werden übertreten. Indem man über etwas  lacht, wo eigentlich ein Tabu drauf ist, wird sofort das Thema entmystifiziert, und das ist natürlich. Aus diesen Gedanken entstand dann das Motto einer etwas außergewöhnlichen Selbsthilfeaktion:

„Stark auch ohne Muskeln! Wir lachen gerne - auch über uns.“

Ich freue mich sehr, dass durch die AOK und die Betriebskrankenkasse Actimonda für die Durchführung dieser Aktion jeweils eine Projektförderung genehmigt wurde. Weiterhin haben wir Spenden von der Sparkasse Düren und einigen Mitgliedern bekommen. Ich bedanke mich - bei allen Beteiligten - für die finanzielle Unterstützung! Nach meiner kurzen Vorstellung der DGM (Struktur des Vereins, wichtigste Aufgaben und Ziele, die Mitgliederzahlen der DGM im gesamten Bundesgebiet und des Landesverbands NRW)  konnte Martin Fromme mit seinem Programm beginnen:

„Ein Einarmiger geht in die Stadt und sucht ’nen Second-Hand-Laden…“. „Ein Mohammedaner im Rollstuhl? Is lam…". „Der Unterschied zwischen einem Pfannkuchen und einem Epileptiker? Der Pfannkuchen liegt in Zucker und Zimt, der Epileptiker liegt im Zimmer und zuckt…“ Für solche Scherze würde jeder Nichtbehinderte nach zwei Minuten von der Bühne gezerrt und wegen Diskriminierung Behinderter angezeigt. Martin Fromme hat selbst einen Arm ab und darf das.

Unsere Gäste wussten am Abend des 02. Juli 2014 sichtlich nicht, wie ihnen geschah: Martin Fromme scherzte abgrundtief böse über Blinde, Gehörlose, Down- und „Tourette“-Syndrom und „Unvollständige“ (Arm ab) und hält damit aber gerade Nichtbehinderten genial den Spiegel vor. Man muss diesen äußerst speziellen Humor schon sehr mögen, sonst geht man in der Pause nach Hause. Die meisten aber wirkten gruselig fasziniert und fast verschämt über ihr eigenes Lachen – bereits bei der deftigen Aufforderung: „Wenn ihr Mendener hier seht, haut ihnen eine rein.“ Denn in Menden will man nicht lebendig begraben sein. „Haben die Obermüllers gesagt, hier in Reihe eins!“

Martin Frommes Behinderung (Arm ab) ist in Wirklichkeit eine Schnitzarbeit aus dem Erzgebirge; „vorn passt exakt eine Stumpenkerze drauf.“ Behinderte brauchen kein Mitleid: „Gebt lieber Geld! Es kommt direkt einem Behinderten zu Gute. Bei Brot für die Welt weißt du doch nie: Kauft der Schwarze sich wirklich Brot dafür...? Schwarzbrot...“ Äußerst spaßig waren seine Videoeinspielungen von seinem Zwilling Günther, auf Leinwand des Thomas Morus Hauses, oder seine bösen Scherze mit Passanten: „Als Behinderter erlaube ich Ihnen heute, auf diesem Behindertenparkplatz zu parken“, und die Naivlinge stellten sich tatsächlich wirklich drauf. Zwischendurch warf er rasch eine Pille ein: „Ist Contergan. Ich hab Angst, sonst wächst er nach. Mein Alleinstellungsmerkmal wäre weg.“ Besser eben Arm ab als arm dran.

Zwischendurch wird immer wieder während der Show Geld gespendet, für einen guten Zweck, für den Komiker, weil es ja so schade ist. Deswegen wird der Abend toll, weil Martin Fromme nach der Vorstellung mit einem Batzen Geld nach Hause gehen kann, mit dem er Hilfsmittel für sich kaufen kann…linke Unterarme mit Swarowski-Steinchen etc. Es wurden Fragen gestellt, die  nicht beantwortet wurden... Gibt es Ermäßigung für Stotterer bei der Sex-Hotline? Muss ein Behinderter ein Gutmensch sein? Stimmt das Sprichwort „Lügen haben kurze Beine?“ Das letzte Tabu unserer Gesellschaft wird gebrochen. Nicht-Behinderte wurden auf die vorhandenen Arme genommen, Behinderte aber auch. Ein Blick auf Anomalitäten aller Couleur, die man so noch nie gesehen hat… auch für Blinde.

In einem Interview hat Martin Fromme den Menschen einmal Folgendes mit auf den Weg gegeben: „Liebe behinderte Leser, falls Sie etwas spüren, was Sie in sich tragen: lassen Sie es raus. Man kann sehr viel erreichen, wenn man nur mutig genug ist. Es gibt sicherlich Grenzen, aber wenn man die Grenzen manchmal überschreitet, kann das verdammt viel Spaß bringen. Finden Sie sich nicht mit etwas ab, sondern erfinden Sie sich. Man lebt nur einmal. Und das Leben ist verdammt noch mal großartig.“

In diesem, etwas außergewöhnlichem Selbsthilfetreffen im Thomas Morus Haus konnten wir erfahren, dass unser Leben auch mit einer Muskelkrankheit, lustig und durchaus verdammt schön sein kann. Ich bedanke mich noch einmal bei allen Helfern, die zum Gelingen dieser Veranstaltung  ihres dazu beigetragen haben! Unser nächstes Treffen findet am 02.10.2014 um 19 Uhr statt. Anmeldungen sind erwünscht bei mir unter 02421/9794236. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen, einen lustigen und verdammt schönen Sommer!

Ihre Birgit Kalwitz
Gesprächskreisleiterin aus Düren