22.08.2016 | In eigener Sache

Badespaß barrierefrei

Rollicamp am Strand des Seebades Lubmin

Der Sommer macht Pause. Kühler Wind treibt kleine schaumgekrönte Wellen an den Strand, hin und  wieder etwas Sonnenschein durch Wolkenlücken. Vorpommersche Ostseeküste Mitte August. Nur einige wenige Unerschrockene werden sich heute hier ins Wasser trauen.

„Perfektes Badewetter!“ - Die Dame, der dieser scherzhafte Spruch galt, lächelt. Sie ist „von hier“, kennt alle Facetten des norddeutschen Sommers. Genau wie wir hat sie die Jacke bis oben hin zu geknöpft und offenbar haben wir ein gemeinsames Ziel: das nagelneue, schneeweiße „Partyzelt“ dort unten am Strandabgang 4 mit den drei nagelneuen Exemplaren eines schmucken, sand- und seetauglichen Gefährts vor dem Eingang, das eher an einen spaßig-sportlichen Strandbuggy erinnert als an einen Rollstuhl, dreiräderig, mit breiten Ballonreifen und dicken orangefarbenen Schwimmern zu beiden Seiten. Eine kleine Gruppe Leute hat sich dort schon versammelt. Wo der befestigte Weg zum Strand endet werden wir vom Bürgermeister der Gemeinde Seebad Lubmin empfangen. Sein rot leuchtendes Rettungsschwimmertrikot lässt ahnen, dass dieser Mann nicht nur mit Leib und Seele Bürgermeister ist. Ab hier: Strand, feiner weißer Sand. Genau an dieser Stelle ist eigentlich Schluss für alle, die auf vier Rädern unterwegs sind. Eigentlich, denn hier sorgen sauber gefegte Kunststoffmatten für festen Halt. „ROLLICAMP“ leuchtet uns vom Zelteingang ein himmelblauer Schriftzug entgegen.

Und tatsächlich ist mein Begleiter nicht der einzige Rollstuhlfahrer hier unten am Strand, wie erwartet! Die Gemeinde hat heute zur Eröffnung einer an der Ostsee beinahe einzigartigen Einrichtung eingeladen. Hier sollen ab jetzt jeden Sommer Menschen mit Handicap die Möglichkeit haben, barrierefrei Strand und Meer genießen zu können. Das erwähnte „Partyzelt“ dient dabei als geschützter Rückzugs- Umkleide- und „Umsteige“-Raum, denn weiter in den weißen Sand und ins Wasser geht es mit Hilfe der erwähnten Strandrollstühle. Das Zelt ist Wind- und Sonnenschutz und Treffpunkt. Es bietet etliche Quadratmeter ebenen, sauberen, vor allem aber sandfreien Untergrundes, Schließfächer für Wertsachen und eine geräumige behindertengerechte Sanitärzelle. Denn „…es genügt nicht“, so die Organisatoren, „einen Strandrollstuhl unter den Rettungsturm zu stellen und zu sagen: Den könnt ihr nehmen, wenn ihr ihn braucht!“.

Hier im Inneren des weißen Zeltes, geschützt vor dem kühlen Wind, kann man es aushalten. Bei genauem Hinsehen macht das Material einen äußerst robusten Eindruck, muss es auch, soll das Zelt doch viele Jahre den Einflüssen von Sonne, Wind, Wasser, Salz und Sand standhalten! Der offizielle Teil ist schnell absolviert. Fleißige Helferinnen haben ein kleines Buffet mit Getränken hergerichtet, man kommt ins Gespräch, inspiziert die Räumlichkeit, fachsimpelt über barrierefreien Tourismus, über Hilfsmittel im Allgemeinen und konkrete Optimierungsmöglichkeiten dieser Anlage im Besonderen. Die Firma, die das Projekt sponsert und die Technik zur Verfügung stellt, freut sich über jeden Verbesserungsvorschlag von der Klappliege bis zum transportablen Lifter zum Umsetzen in die Strandrollstühle. Draußen hat einer davon bereits eine erste Crew gefunden: Das Geschwister-Trio, das eben noch mit kleinen Musikstückchen die Eröffnungszeremonie bereichert hatte, tollt damit ausgelassen über den Strand. Die Großen sind diesbezüglich noch etwas zurückhaltend, schauen, prüfen, reden. Ja, das Zugseil wird noch eine bessere Schulterpolsterung bekommen, schließlich soll sich auch der begleitende und ziehende „Fußgänger“ wohl fühlen. Mir gefallen diese schnittigen Gefährte, und auch mein Begleiter wird sie auf jeden Fall ausprobieren. Nein, nicht heute…, wenn es richtig schön warm ist und ein Lifter vor Ort…

Wir plaudern mit einer Familie aus dem Ruhrgebiet, die schon den sechsten Sommer in Folge eine barrierefreie Ferienwohnung oben im Ort gebucht hat. Immer wieder werden die drei hierher in den Norden kommen, erzählt mir die Frau. Es gefällt ihnen hier, sie lieben die Ruhe, die Natur, die gut ausgebauten Wege, die so schöne Ausflüge mit dem Rolli-Fahrrad möglich machen. Und im nächsten Sommer, sofern das Wetter mitspielt, wird ihre Tochter zum ersten Mal in der Ostsee baden können.

Anke Graap

Informationen über www.lubmin.de