06.12.2021 | In eigener Sache

„Es ist ein gutes Gefühl, zu helfen“

74-jährige Pattenserin Ingrid Haberland betreut muskelkranke Menschen

Pattensen-Mitte. Es ist nicht immer einfach für Ingrid Haberland. Beispielsweise dann, wenn sie vom Schicksal einer 18-Jährigen aus Hildesheim erfährt, dass diese an der Muskelkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose, kurz: ALS, erkrankt ist. „Das hat mich schon mitgenommen“, sagt die 74-jährige Pattenserin. Doch sie hat Beschäftigungen, die für Ablenkungen sorgen. Aber was treibt Haberland überhaupt an, sich für von Muskelkrankheiten Betroffenen zu engagieren?

„Ich kann nicht gut Nein sagen“, sagt Haberland. Deshalb unterstützt sie gerne, wenn sie um Hilfe gebeten wird. So war es beispielsweise auch mit der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke (DGM). Ihr Mann litt an ALS. So kam der Kontakt zu einem Gesprächskreis zustande. „Er hatte damals gesagt: Wenn ich mal nicht mehr bin, kannst du die Leiterin unterstützen“, erzählt Haberland. Ihr Mann starb im Jahr 2003, ihre Tochter zog es nach München und die Witwe habe sich zunächst in Arbeit gestürzt.

Kreis trifft sich in Isernhagen

Doch nach einer Weile habe sie sich an die damaligen Worte erinnert und sie brachte sich fortan in der Gruppe ein. „Ich unterstütze gerne dort, wo Not am Mann ist“, sagt Haberland. Sie wuchs immer mehr in die Verantwortung, übernahm schließlich die Leitung des Gesprächskreises. Dieser kam bis zur Corona-Pandemie etwa viermal pro Jahr in Isernhagen zusammen. Doch warum Isernhagen und nicht Pattensen? Sie war Finanzbuchhalterin bei der Firma Bertram. „Da haben wir tolle, behindertengerechte Räume“, sagt sie.

Haberland ist Geherin, wie sie es nennt. Sie sei deshalb häufig im DGM-Landesverband Bremen-Niedersachsen unterwegs, weil sie schneller ans Ziel kommt, als die an einen Rollstuhl angewiesenen Helfer. Sie führt Gespräche mit Betroffenen oder Angehörigen, hat in Notsituationen immer ein offenes Ohr. Und das sehr zügig. „Nach so einer Diagnose muss man schnell reagieren. Es ist ein wichtiges Thema. Sie sagt über sich selber: „Ich bin keine Expertin. Es geht darum, dass die Menschen sich gut aufgehoben fühlen.“ Das gelinge durch den Austausch untereinander. „So sind die Leute nicht ganz alleine“, sagt Haberland.

Tätigkeit ist Vollzeitjob

Sie sagt, dass die Tätigkeit eigentlich ein Vollzeitjob sei. Doch die Stunden zähle sie nicht, denn sie bringe sich gerne ein. „Es ist ein gutes Gefühl, zu helfen. Man kriegt eine ganze Menge von den Menschen zurück.“ Für sie genügt bereits ein kleines Dankeschön. „Das ist das, was mich immer wieder antreibt und motiviert.“ Nach einem kurzen Moment fügt sie hinzu: „Die ALS-Betroffenen liegen mir sehr am Herzen.“

Für den Gesprächskreis packe sie ihr Auto „bis unter das Dach voll“. Kekse, Kaffee, Blumendekorationen. „Es soll schön sein, wenn wir zusammenkommen“, sagt die 74-Jährige. „Manchmal frage ich mich dabei schon, warum ich das überhaupt mache. Doch dann höre ich zum Ende von nur einer Person einen Satz, wie: ’Es war wieder gut.’ – das beflügelt mich.“ Derzeit erfolgen die Treffen per Videokonferenz. Das habe einen Vorteil: „So können Menschen aus ganz Deutschland dabei sein – vom Emsland bis nach Bayern.“

Es fließen auch Tränen

Natürlich gehen die Gesprächsinhalte und die emotionalen Momente, bei denen auch durchaus mal Tränen fließen können, nicht spurlos an Haberland vorbei. „Manchmal weiß ich selber nicht genau, wie ich das dabei Erlebte anschließend verarbeite“, sagt sie. Zwei gute Möglichkeiten für sie: das Golfspielen und Zeit mit den beiden Enkelkindern verbringen. „Dabei kann ich mich wunderbar ablenken.“ Ihre Tochter lebt inzwischen in Pattensen. Deshalb ist sie 2015 ebenfalls in die Stadt gezogen. Ich fühle mich hier inzwischen richtig heimisch. Es ist eine schöne Stadt, in der ich viele schöne Kontakte habe.“

Neben der Arbeit mit den ALS-Betroffenen und auf Landesebene bei der DGM hilft sie noch weiter. Sei es, dass eine Nachbarin mal um einen Fahrdienst bittet oder das Zubereiten von frischen Brötchen in der Grundschule Pattensen. „Ich mache alles gerne.“ Doch wie lange möchte sie noch so ausgiebig arbeiten? „So lange ich es kann“, sagt sie dazu schlicht.

ALS-Betroffene aus Pattensen gehören ihrer Gruppe derzeit nicht an. Es sei früher mal eine Person dabei gewesen. „Aus Hemmingen kommen ein paar“, sagt sie.

Wer Interesse an dem Gesprächskreis hat, kann sich an Haberland wenden. Sie ist erreichbar unter Telefon (0 51 01) 8 19 54 09 und per E-Mail an ingrid.haberland [at] dgm.org.

(Mit freundlicher Genehmigung vom Autoren: Mark Bode, erschinen in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung am 4.12.2021)