Haltungsoptimierung und ökonomisches Sitzen

Die menschliche Haltung ist dann besonders stabil und aufgerichtet (Bild 1b), wenn die tragenden und gesunden Muskeln regelmäßig trainiert werden – und das geschieht schon durch alltägliche Aktivitäten wie Stehen, Gehen, Treppe steigen, usw.  Jeder Gesunde verändert darüber hinaus, mehr oder weniger kaum spürbar, ständig seine Position – er rekelt sich. Diese ständigen Veränderungen fordern auch ständige Wechsel in der Haltemuskel-Aktivität: Einige werden minutenlang entlastet, während andere vorübergehend für sie „einspringen“. Dieses Wechselspiel funktioniert jedoch nur dann, wenn eine gewisse Grundkraft zur Verfügung steht. Die Grundkraft reicht normalerweise aus, den gesamten Körper zudem in eine nahezu perfekte Aufrechte zu bringen, in der die Haltungsveränderungen nur noch minimal sein müssen – wie beim Balancieren eines Gegenstands auf der Hand: Je senkrechter er steht, desto feinere Ausschläge reichen zur Balance aus! Insofern ist die aufrechte Haltung eigentlich dauerhaft und mühelos möglich.

Aber: Schon gesunde Menschen fühlen sich in Rücken und Nacken überlastet, wenn sie im Alltag diesen Ausgleich nicht haben, zum Beispiel durch Haltungspassivität (Auto fahren statt Fahrrad o. ä.) oder einseitige Beanspruchungen (Bürotätigkeit im Sitzen, ohne Freizeitausgleich zum Beispiel durch Sport).

Neuromuskuläre Krankheiten ermöglichen solch ein schützendes, unmerkliches Training erst recht nicht mehr oder nur noch unzureichend, weil schlicht die Spannkraft fehlt, um sich gegen die eigene Körperschwere aufzurichten.

Abbildung 2

Der Körper folgt der Schwerkraft und sackt im Sitz je nach Krankheitsschwerpunkt kyphotisch (Bilder 1a und 3a, Nackenschmerzen symbolisiert) oder lordotisch (Bild 5a) etwas in sich zusammen. Selbst im Stand (Bild 2) lässt sich manchmal ein Haltungsausgleich nicht erzielen (die grau schraffierten Flächen markieren geschwächte Muskeln in Rumpf und Beinen als Ursache dafür).

Abbildung 3

Fallbeispiel A: Kyphose, also gebeugte Rumpfhaltung

Der Muskelkranke ist der Schwerkraft „ausgeliefert“, er kommt aus seiner gebeugten Dauerhaltung kaum noch heraus. Bild 3a zeigt die Auswirkungen der Rumpfkyphose: Je mehr die Brustwirbelsäule nach vorn kippt, desto intensiver muss der Nacken dagegen halten, um den Blick nach vorn noch zu ermöglichen – der „Knick“ in der Halswirbelsäule ist deutlich zu erkennen. Genau in der Region dieser kompensatorisch überaktiven Nackenmuskeln setzen dummerweise auch unsere Armhebe-Muskeln an. Die werden ebenfalls überaktiv, je mehr die Haltung nachgibt. Folglich finden wir einen Teufelskreis zwischen Haltungs- und Bewegungsüberforderung vor.

Bild 3b zeigt eine einfache Entlastung: Geben wir (vorübergehend) der unteren Wirbelsäule eine individuelle Lumbalstütze und dem Oberkörper etwas Platz, sich leicht nach hinten zu kippen, dann kann sich der Hals leichter aufrichten – dadurch werden alle Nackenmuskeln spürbar entlastet. Wir kommen dadurch quasi vom Halte- in den kraftsparenden Balance-Modus, vgl. oben. Der gebogene graue Pfeil zeigt die Haltungsveränderung. Wenn dann noch die Ellbogen bequem aufliegen, ist die Entlastung komplett.

Abbildung 4

Wie Sie diese Haltungserleichterung im Rollstuhlsitz realisieren, zeigt Bild 4b: Probieren Sie aus, ob Ihnen eine kleine quer oder eher längs liegende Halbrolle behagt. Das richtet sich auch nach der Rückenlehne. Die ist bei manchen Rollstühlen nur wenig straff und lässt den Rücken in die Kyphose sacken. Wenn dann noch hohe Schiebegriffe stören und der Betroffene seine Armbewegungen an den Rollstuhl anpassen muss statt umgekehrt, wird der Nacken wieder unnötig überlastet.      

Bild 4a soll darauf hinweisen, dass der Rollstuhl darüber hinaus nicht zu breit und die Seitenteile nicht zu hoch sein dürfen, um keine unnötigen und umständlichen Armmanöver zu erzwingen, die den Nackenstress in Gang halten würden. Ideal ist die gezeigte Armhaltung: Hier fallen die engen Arme in Ruhe knapp hinter die Körperachse, sie können aber auch mühelos wieder zum Rollstuhlantrieb genutzt werden. Also: Individuelle Sitzgestaltung im angepassten (Roll-)Stuhl mit kleinen Unterstützungen nach Bedarf, die aber niemals die Sitz- oder Fahrsicherheit beeinträchtigen dürfen!

Abbildung 5

Fallbeispiel B: Hyperlordose, also überstreckte Rumpfhaltung

Der Patient mit Gliedergürteldystrophie hingegen, der meist unter Hyperlordose und Scapula alata leidet (Bild 5a), empfindet neben Haltungsüberlastungen oft eine große Unsicherheit, nach vorn zu kippen – der „Bauch“ zieht ihn ohne sein Zutun vor, Oberkörper und Kopf müssen zum Ausgleich nach hinten überstreckt werden, oft unter Zuhilfenahme der Arme. Hier ist der Haltungsstress nicht nur im Nacken zu spüren, sondern auch die überstreckte Lordose tut weh.

Zur Entlastung und besseren Haltungsökonomie (nicht unnötig die begrenzten Kräfte für mühsames Halten vergeuden) trägt vor allem eine „Entlordosierung“ bei, also eine Verminderung der Überstreckung. Hilfreich und angenehm kann ein breiter und leicht elastischer Rumpfgurt sein, der um den Rollstuhl fixiert wird und der die unteren Rippen leicht stützt, ohne die Atmung einzuschränken – bitte auf die ideale Höhe achten! Viele Betroffene können den Gurt selbst befestigen und lösen, einige benötigen Hilfe dabei. Weitere Entlastung kann die Sitzfläche bieten, wenn sie rutschfest und minimal nach hinten geneigt ist.                                                                                                                          

Leider manchmal empfohlen, aber hier NICHT hilfreich: Ein nach vorn geneigtes Keilkissen (siehe 5b, durchkreuzt), das die unangenehme Beckenkippung noch verstärken würde. Manche Rollstuhlfahrer bevorzugen hingegen zusätzlich ein stabilisierendes Knieband, das die Beinhaltung und die Körperachse zusätzlich stabilisieren kann und nicht selten die Atmung angenehm unterstützt (Bild 4a).

Unterstützende physiotherapeutische Therapie entlastet den überbeanspruchten Nacken. Dazu gibt es gute aktive Übungen, deren Belastungsdosis sehr gut abgestimmt sein muss, um nicht wieder in den Überlastungs-Teufelskreis zu kommen. Hier sei eine passive Maßnahme empfohlen, die Schulter- und Nackenmuskeln sehr angenehm beeinflussen kann, wenn sie umsichtig angewendet wird. Dazu ist zu raten, dass der Körper optimal gelagert ist, um jegliche (gewohnte) Muskelverspannung zu eliminieren – Muskelentspannung gelingt dann am besten, wenn der Körper zur Ruhe kommt.

Abbildung 6

Dazu tragen bei:

  • Gewichtsentlastung des Oberkörpers und des Kopfes, wenn die Achseln entweder auf einer quer gelegten, breiten Rolle abgelegt sind oder von einem Keil getragen werden (Bild 6)
  • Bei Kyphose: Sitzkeil und Lumbalstütze
  • Bei Lordose: Bauchgurt, evtl. Knieband

Stimmen Sie alle Maßnahmen mit Ihrem Physio- oder Ergotherapeuten ab, um genau die passende Entlastung zu erhalten. Viel Erfolg dabei!           

Martin Kemper

Physiotherapeut, Höxter
Mitglied im Arbeitskreis Physio-Ergotherapie und Logopädie der DGM, Autor „Neuromuskuläre Patienten physiotherapeutisch behandeln“ (Eigenverlag)