"Get in touch"

Workshop "Get in touch"

Am 25. November 2017 fand unsere Veranstaltung „Get in touch – Partnerschaft • Sexualität • Selbstwahrnehmung“ im Commundo-Hotel in Hamburg statt. Unserer Einladung sind um die dreißig Betroffene, Partnerinnen und Partner,

Eltern und andere im Alter von 19 bis über 60 Jahren aus den nördlichen Bundesländern gefolgt. Sie alle wollten sich Gedanken über die Gestaltung und Bereicherung der eigenen Erotik, Sexualität und Partnerschaft machen oder verspürten Lust sich hiermit intensiver auseinandersetzen.

Das große Interesse an dem Thema zeigte sich in weit mehr als 30 Anmeldungen - fiele mussten wegen Erkrankungen und anderen Widrigkeiten leider absagen. In der ganztägigen Veranstaltung haben sich die Teilnehmenden an je zwei Workshops beteiligt. Jeder Workshop wurde sowohl „Get in touch“ Partnerschaft • Sexualität • Selbstwahrnehmung am Vormittag- als auch am Nachmittag angeboten, so dass die jeweilige Gruppe nicht zu groß geriet. Bereits zu Beginn stellte sich eine dichte und entspannte Atmosphäre im Publikum ein.

Der erste Workshop stand unter dem Motto „Mit Muskelkrankheit in einer Beziehung leben – Das ist doch ganz normal?“ Es wurden zwei Untergruppen gebildet. Eine für Betroffene unter der Leitung von Wiebke Hendeß, die selbst muskelkrank ist, sowie eine für Nicht-Betroffene unter Moderation ihres nicht-betroffenen Partners Rainer Springer. Wiebke Hendeß ist Diplombiologin, Sexualberaterin (ISBB), Peer Counselorin. Ihr Partner Rainer Springer ist Fachkraft für ambulante Wohnbetreuung. Angeregt durch ein Treffen innerhalb der DGM in der Rhön, beschäftigte er sich intensiver mit der Frage, wie es wohl anderen Nicht-Betroffenen mit ihren muskelkranken Partnern geht. In der Gruppe der Betroffenen hatten die Teilnehmer Gelegenheit, die Fragen, die sie beschäftigen, platzieren zu können. Dabei wurde recht schnell deutlich, dass jeder zum Thema des anderen etwas beisteuern konnte oder Schnittpunkte mit eigenen Fragestellungen und Lebensthemen aufwies. Dabei haben sowohl die Referentin aber auch die Teilnehmer selbst zu einer vertrauensvollen Atmosphäre beigetragen, die einen sehr offenen und damit für alle bereichernden, aktiven Austausch ermöglicht haben. Exemplarisch seien hier ein paar Themen aufgeführt: Es fand ein reger Austausch dazu statt, wie man mit fortwährenden Verlusten umgeht. Was kann man praktisch tun, wenn die Kraft/Ausdauer für bestimmte Stellungen nicht mehr ausreicht. Dabei blieb auch die emotionale Ebene nicht ausgespart.

Workshop "Get in Touch"

Parallel dazu fand ein spontan auf die Bedürfnisse der Teilnehmer, nämlich einer Gruppe von Angehörigen zugeschnittener Workshop unter Leitung von Rainer Springer statt. Ursprünglich war vorgesehen, dass die nicht-betroffenen Partner hier Gelegenheit zum Austausch bekommen sollten. Es stellte sich jedoch heraus, dass ein großes Bedürfnis seitens der Angehörigen bestand. In diesem Workshop, tauschten sich u.a. Eltern aus, denen bewusst ist, dass ihre Kinder im Zuge des Erwachsenwerdens ihre Sexualität für sich entdecken möchten. Zugleich besteht der Wunsch sie – wo nötig bestmöglich – zu unterstützen und zugleich bestehende Hemmnisse in der Kommunikation, die in der Eltern-Kind-Rollenverteilung bedingt sind.

Der zweite jeweils parallel stattfindende Workshop stand unter dem Motto „Körper, Liebe und Sexualität – Ich nehme meinen eigenen Weg!“ und wurde von Annica Petri, Sozial- und Sexualpädagogin und langjährige Mitarbeiterin des Familienplanungszentrums Hamburg, geleitet. Den Auftakt bildete eine lockere Kennlernrunde. Sodann folgte ein wenig Theorie. Es wurde sehr deutlich, dass Sexualität neben dem rein biologischen Aspekt wie der Fortpflanzung, eine Lebenskraft darstellt, deren Energie im positiven Sinne nicht zu unterschätzen ist.

Die Teilnehmenden diskutierten dann die Fragen: Wie gehe ich mit gesellschaftlichen Normen in Bezug auf Körper, Schönheit und Attraktivität um? – Wo fühle ich mich frei in Bezug auf Körper und Sexualität? – Was brauche ich, um meine Körperlichkeit und Sexualität gut leben zu können? Es wurde deutlich, dass eine gute Einstellung zu sich selbst hilfreich ist, eine ehrliche Bestandsaufnahme, die auch das Annehmen vermeintlicher Schwächen und Defizite umfasst. Es gilt, die persönlichen inneren und äußeren Werte zu pflegen und zum Ausdruck zu bringen. Oft wurde als angenehmer Ort für Körperlichkeit und Sexualität das eigene Zuhause benannt, in dem man sich entsprechend seiner Bedürfnisse, auch mit seinem Partner, gut einrichten kann.

Zwischen den beiden Workshoprunden bestand in einer Mittagspause reichlich Gelegenheit an die begonnenen Diskussionen anzuknüpfen und diese zu vertiefen und auch andere ganz lebenspraktische Fragestellungen beispielsweise im Umgang mit Behörden, Krankenkasse kamen nicht zu kurz. Eine Bildinstallation bildete das Rahmenprogramm. In abwechselnden Bildern wurden farbenfrohe Kunstobjekte der kreativen Kunst- und Leibtherapeutin Nati Radtke, die selbst beeinträchtigt ist, gezeigt.

Sinnlichkeit und Sexualität gehen idealerweise Hand in Hand. Hierfür war ursprünglich ein dritter Workshop mit dem Titel „Ritual der Sinne“ vorgesehen. Leider musste dieser sehr kurzfristig ausfallen, da die Referentin erkrankt war. Dennoch kam der Gesichtspunkt „Sinnlichkeit“ nicht zu kurz, denn gemeinsam konnten sich alle Teilnehmer im Anschluss an die Workshops am Nachmittag, als Preview den just ins Kino gekommenen Film „Love & Sex & Rocknrollstuhl“ ansehen. In dem Film geht es um Behinderung, Selbstbestimmtheit und Sexualität, der verschiedene betroffene Personen zu Wort kommen lässt. Der Film zeichnet sich dadurch aus, dass er niemals voyeuristisch, sondern sehr achtsam und zugleich sehr fokussiert die unterschiedlichsten und sehr vielschichtigen Aspekte des Filmsujets beleuchtet. Dabei kommt die Frage der Sinnlichkeit in dem Filmbeitrag nicht zu kurz. Ein interessanter Film.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete die als Überraschung angekündigte Tanzperformance von Anja Mauritz. Am Beispiel von Rollstuhltanz zeigte sie zusammen mit ihrer nicht behinderten Tanzpartnerin wie sinnlich und ausdrucksstark dieser Sport sein kann. Ansprechend und überzeugend wurden Rumba, Walzer, Cha-Cha-Cha und ein Improvisationstanz dargeboten. Als passendes Ambiente bot sich das Kaminzimmer des Hotels mit plüschig-roten(!) Wohlfühlsesseln an.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Sexualität stellt eine bedeutende Kraft dar. Das Ziel der Veranstaltung war erreicht, denn jeder hat für sich Anregungen und Denkanstöße mitnehmen können, um diese Kraft besser für sich nutzbar zu machen. Damit das eigene Leben bereichert und bunter wird. Und dies nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für den evtl. Partner. Sexualität hält gesund, setzt Energie frei und kann eine Beziehung verstärken. Wie diese konkret für sich nutzbar gemacht werden kann, wurde nicht zuletzt auch durch von Wiebke Hendeß bereitgestellte Literatur und Hilfsmittel anschaulich gemacht. Ohnehin wurde deutlich, dass es sich lohnt, sich die Neugierde zu bewahren, „rauszugehen“ und Neues zu entdecken sowie Grenzen zu überwinden, d.h. sich zu bemühen, die eigene (oftmals von außen herangetragene) Scham abzulegen.

Regine Raulfs
Landesvorsitzende Hamburg