Sie sind hier

Fachtage

Vom 31.10. bis 02.11.2014 fand die Fachtagung der Diagnosegruppe MMOD inHohenroda statt. Die bereits im Muskelreport veröffentlichten Berichte finden Sie unten auf dieser Seite zum Download. Wie angekündigt erscheint der unten stehende Bericht zum Vortrag von Dr. Olivia Schreiber-Katz im nächsten Muskelreport, Sie können ihn vorab hier lesen.

2. MMOD-Fachtagung Hohenroda 31.10.-2.11.2014

Vortrag von

Dr. med. Olivia Schreiber-Katz vom Friedrich-Baur-Institut München

Von Anke Weidmann, Mitglied im MMOD-DiagnoseGruppenRat

Den Sonntagvormittag unserer Fachtagung gestaltete Frau Dr. med. Olivia Schreiber- Katz vom Friedrich-Baur-Institut (kurz FBI).

Im ersten Teil ihres Vortrages sprach sie über die Definition von seltenen und sehr seltenen Erkrankungen und lieferte einen Überblick über die verschiedenen neuromuskulären Erkrankungen.

Im zweiten Teil stellte Frau Dr. med. Schreiber-Katz die Arbeit und Einrichtungen des Friedrich-Baur-Institut in München vor und referierte im weiteren Verlauf über die vom FBI geführten Patientenregister sowie deren Bedeutung und Wichtigkeit für Menschen mit seltenen neuromuskulären Erkrankungen.

Eine seltene Erkrankung (rare disorder) liegt laut der Europäischen Kommission dann vor, wenn weniger als 1 Mensch von 2.000 Einwohnern der EU betroffen ist. In Deutschland gibt es schätzungsweise ca. 4 Mio. Betroffene. Dies bezieht den gesamten medizinischen Bereich ein und ist nicht nur begrenzt auf seltene neuromuskuläre Erkrankungen. Das lässt den Schluss zu, dass seltene Erkrankungen zwar selten sind, aber Patienten mit seltenen Krankheiten sehr zahlreich sind. Schätzungsweise liegen 5.000-7.000 seltene Erkrankungen vor, deren Anzahl nicht genau definiert werden kann, da durch die Forschung immer weitere Erkrankungen hinzukommen.

Die Zahl der Europäer mit einer seltenen Erkrankung wird auf 30 Millionen geschätzt.

Neben den seltenen Erkrankungen gibt es noch die sehr seltenen Erkrankungen (ultra-rare disorders), welche eine Prävalenz (Häufigkeit) von weniger als 1 Betroffenen auf 2.000.000 Einwohnern haben (Quelle: www.eurordis.org).

Neuromuskuläre Erkrankungen sind charakterisiert durch Muskelschwund. Es gibt schätzungsweise 800 neuromuskuläre Erkrankungen, in der Tendenz steigend. Dies ist zurückzuführen auf verbesserte und zahlreichere Nachweismöglichkeiten in der (u.a. molekulargenetischen) Diagnostik. Die geschätzte weltweite Prävalenz dieser Erkrankungen liegt bei etwa 103:100.000 (Quelle: Theadom A et al., G.P.257, WMS congress 2014). Auf Deutschland bezogen bedeutet dies, dass es insgesamt ca. 80.000-82.000 Betroffene gibt, verteilt auf die geschätzten 800 Erkrankungen.

Neuromuskuläre Erkrankungen können unterschiedliche Bereiche des peripheren Nervensystems betreffen. Frau Dr. med. Schreiber-Katz unterschied hier zwischen

  • Motoneuron-Erkrankungen (Beispiele hierfür sind die angeborene SMA (Spinale Muskelatrophie) oder die erworbene ALS (Amyotrophe Lateralsklerose)),
  • Neuropathien (motorisch oder sensibel),
  • Erkrankungen der neuromuskulären Endplatte, bei denen eine Störung in der Reizleitung vom Nerv zum Muskel vorliegt (z.B. Myasthenia gravis) und
  • Myopathien, bei denen der Muskel selbst betroffen ist

Frau Dr. med. Schreiber-Katz stellte im weiteren Verlauf ihres Vortrages die Klassifikation der Myopathien (Muskelerkrankungen) nach klinischen Merkmalen vor. Diese Differenzierung ist wichtig um die Erkrankung nach Merkmalen und Krankheitsausprägung besser beschreiben und strukturieren zu können. Wichtige Aspekte hierbei sind die Verteilung der Muskelschwäche und ob sie generalisiert auftritt (also den ganzen Körper betrifft), wo sie vorliegt (z.B. im Gesicht oder im Gliedergürtel), ob sie symmetrisch/asymmetrisch ist und welche Körperbereiche betroffen sind. Des Weiteren sind zusätzliche Muskelmerkmale von Bedeutung. Beispielsweise die Frage nach Krämpfen oder Faszikulationen (Muskelzucken), ob eine Muskelschwäche oder Atrophie (Schwund der Muskulatur) vorliegt oder ob die Muskelschwäche mit Schmerzen einhergeht. Bedeutend bei der Klassifikation sind auch der Beginn und der zeitliche Ablauf einer Erkrankung sowie die Beteiligung des gesamten Körpers (insbesondere des Herzens und der Atemwege, um gegebenenfalls weitere (Kontroll-)Untersuchungen einzuleiten) sowie die Laborwerte (z.B. der CK-Wert).

Die drei häufigsten hereditären Myopathien sind Muskeldystrophie Duchenne (DMD) mit einer Häufigkeit von 1:7.000, Myotone Dystrophie Typ 1 (DM1) mit 1:8.000 und Fazio-skapilo-humerale Muskeldystrophie (FHSD) mit 1:20.000

Oft ist das Merkmal „Muskelschwund“ die einzige Gemeinsamkeit von neuromuskulären Erkrankungen. Sie unterscheiden sich genetisch nach Erbgang und auch klinisch, da sie ganz unterschiedliche Regionen und Muskelgruppen betreffen. Es kann trotz gleicher Mutation des Gens häufig zu unterschiedlichen Ausprägungen der Erkrankung kommen, dies sieht man zum Beispiel häufig bei Geschwistern, welche nicht zwingend den gleichen Verlauf bei derselben Krankheit aufweisen.

Hierzu führte Frau Dr. med. Schreiber-Katz den Vergleich zweier Schwestern an, welche den gleichen Gendefekt bei einer Gliedergürtelmuskeldystrophie 2B (LGMD2B) im Dysferlin-Gen haben, von denen die jüngere Schwester seit Jahren im Rollstuhl sitzt, während die ältere noch in der Lage ist zu laufen. Warum diese Unterschiede in der Ausprägung und im Verlauf auftreten, ist derzeit jedoch noch nicht bekannt.

Das gesamte Feld der neuromuskulären Erkrankungen ist ein sehr junges, und entwickelte sich in den letzten 30-40 Jahren mit der Innovation genetischer Untersuchungsmöglichkeiten stark weiter. Durch bessere Diagnostik kommt es ständig zur Entdeckungen von neuen Erkrankungen, da man eben viele Defekte und Genmutationen bisher noch nicht entdeckt hatte. Dies macht es auch schwierig, eine genaue Anzahl von Erkrankungen zu bestimmen, die meisten Zahlen sind nur geschätzt (z.B. im Bereich der Gliedergürtel-Muskeldystrophien). Während die FSHD (Fazio-skapulo-humerale Muskeldystrophie) die 3. häufigste hereditäre Muskeldystrophie ist und eine Häufigkeit von 1:20.000 (europaweit) hat (die Anzahl der Betroffen in Deutschland beläuft sich geschätzt auf ca. 4000) ist die Okulo-Pharyngeale Muskeldystrophie (OPMD) seltener zu beobachten (in Europa 1:100.000, in Deutschland sind dies geschätzt rund 800 Betroffene). Myofibrilläre/Protein-Aggressions-Myopathien kommen in Deutschland schätzungsweise bei etwa 1600-3200 Betroffenen vor, diese gehören zu einer heterogenen Erkrankungsgruppe mit unterschiedlichem Verlauf. Bei dieser Erkrankung sind Herz und Atmung betroffen.

Die sIBM (sporadische Einschlusskörpermyositis) zählt zu den häufigsten erworbenen Myopathien bei Patienten über 50 Jahren, ihre Häufigkeit wird auf ca. 1-50/Million Einwohner geschätzt (mit großer geografischer und ethnischer Variabilität).

Für die Diagnostik von seltenen und sehr seltenen Erkrankungen gibt es mehrere wichtige Parameter. Zunächst sind die ausführliche Anamnese zur Bestimmung der Beschwerden, des Beginns und des Verlaufes der Erkrankung sowie der familiäre Hintergrund von großer Wichtigkeit. Geografischer und ethnischer Hintergrund können ebenso Aufschluss geben. Bei der klinischen Untersuchung wird die Verteilung und Ausprägung der Muskelschwäche in Augenschein genommen und abgeklärt, ob und welche Begleitsymptome mit den Beschwerden einhergehen. Laborwerte und EMG sind genauso hilfreich und nötig.

Weitere Untersuchungen wie EKG und Lungenfunktion stellen die Beteiligung von Herz und Atmung sicher oder schließen sie aus. Sind all diese Untersuchungen abgeschlossen, werden gendiagnostische Mittel (Untersuchung „vermuteter“ Einzelgene anhand der klinischen Erkrankungsausprägung, ggf. Paneldiagnostik oder erweiterte Genuntersuchungen) sowie die Untersuchung einer Muskelbiopsie eingesetzt. Die Diagnosesicherung ist für die weitere Beratung des Patienten von Bedeutung, sei es für den Bereich einer genetischen Familienberatung oder auch für Prävention oder um Prognosen über den weiteren Verlauf einer Erkrankung abzugeben. Das Bekanntsein einer Diagnose eröffnet dem Patienten gegebenenfalls auch die Möglichkeit an klinischen Studien teilzunehmen. Um zukünftige molekulare Therapien in Anspruch nehmen zu können ist die Kenntnis der Erkrankung sowie der Nachweis der genetischen Mutation unabdingbar.

Zur Behandlung von Muskeldystrophien gibt es derzeit mehrere (symptomatische) Standardtherapien. Hierzu gehören physio- und ergotherapeutische Maßnahmen, die Hilfsmittelversorgung sowie die Rehabilitation. Spezielle Erkrankungen wie DMD beinhalten zum Beispiel die Therapie mit Steroiden oder eine Enzymersatztherapie bei Betroffenen mit der Diagnose für Muskeldystrophie Pompe. Je nach Diagnose ist der Einsatz von kardiologischen Therapien und Beatmungen z.B. in Form der nicht-invasiven Heimbeatmung indiziert, oder Ernährungsberatung, Logopädie und evtl. die Anlage einer PEG-Sonde von Nöten. Die Maßnahmen zur Rehabilitation und Physio-/Ergo- und Logotherapie dienen zur allgemeinen Stabilisierung, zum Kraftzuwachs für die nicht-atrophen Muskeln sowie zur Verbesserung der Feinmotorik, zum bestmöglichen Erhalt von Muskelfunktionen und Selbständigkeit oder im Bereich der Logopädie zum Schluck- und Sprechtraining. Zudem sollte jedem Patienten mit einer Muskelerkrankung ein Notfallausweis, der auf besondere Risiken bei Operationen oder der Anwendung von Anästhesieverfahren hinweist, ausgehändigt werden!

Nähere Informationen zu seltenen und sehr seltenen Muskelerkrankungen findet man unter:

Nachdem Frau Dr. med. Schreiber-Katz einen kurzen Überblick über die seltenen neuromuskulären Erkrankungen gegeben hatte, stellte sie das Friedrich-Baur-Institut in München, kurz FBI genannt, vor. Es besteht seit 1956 und ist eine Einrichtung der medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians Universität München. Es ist spezialisiert auf neuromuskuläre Erkrankungen und beinhaltet folgende Einrichtungen und Angebote:

  • Ambulanz (für einen Termin in der Ambulanz ist eine Überweisung eines niedergelassenen Neurologen nötig sowie die bisherigen Befunde)
  • Station
  • Myologisches Labor
  • Neuromuskuläres Zentrum und Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke
  • Labor für Molekulare Myologie
  • Sozialberatung

Vorteilhaft ist, dass alles vor Ort unter einem Dach zu finden ist und die Proben der Nerven- und Muskelbiopsien direkt im eigenen Labor untersucht werden können.

Das FBI gehört im Bereich der erblichen und erworbenen neuromuskulären Erkrankungen zu einer der wichtigsten Forschungseinrichtungen in Deutschland und spielt auch in multinationalen Netzwerken eine führende Rolle.

Auf der Internetseite des Friedrich-Baur-Institutes kann man sich einen guten Überblick über laufende und abgeschlossene klinische Studien verschaffen, sich als Patient und Arzt über Erkrankungen und aktuelle Veranstaltungen informieren (http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Friedrich-Baur-Institut/de/).

Des Weiteren führt das FBI mehrere Patientenregister für (sehr) seltene neuromuskuläre Erkrankungen. Diese dienen dem Ziel der Patientenrekrutierung für klinische Studien und liefern Informationen zu epidemiologische Daten, Genotyp-Phänotyp-Korrelationen, ebenso geben sie Aufschluss über den Erkrankungsverlauf und beeinflussende Faktoren. Die Register helfen ebenso dabei, möglichst viele Betroffene deutschlandweit, und im Fall des internationalen Registers für FKRP-Gen-assoziierte Erkrankungen auch weltweit, zu erfassen.

Zudem soll das Interesse der Öffentlichkeit und der Industrie geweckt und eine Lobby für diese seltenen Erkrankungen erschaffen werden, damit klinische Studien zur Entwicklung von Medikamenten und Therapien für Betroffene dieser seltenen Erkrankungen durchgeführt werden können. Hierbei ist es wichtig, dass sich viele Patienten mit der gleichen Diagnose finden, um für die Forschung „interessant“ zu werden. Durch die Registrierung bekommen Patienten die Möglichkeit an klinischen Studien teilzunehmen und immer auf dem neusten Stand der Forschung zu sein, denn sie erhalten regelmäßig Rückmeldung über die Behandlungsstandards und neuen Entwicklungen in der Forschung. So sind die Patientenregister, wie der Name sagt, vor allem für die Patienten da, um zu helfen, die Diagnose und Therapie zu verbessern und auch derzeit schon (ohne eine heilende Therapie) als Ansprechpartner zur Seite zu stehen.

Eine wichtige Voraussetzung für die Registrierung ist das Vorhandensein einer per Genetik oder Muskel-/Nervenbiopsie gesicherten Diagnose und leider gibt es nicht für jede Erkrankung ein solches Register (oder zumindest nicht in Deutschland, viele Register bei sehr seltenen Erkrankungen sind internationale Register, die auch in anderen Ländern lokalisiert sein können).

Das Friedrich-Baur-Institut betreibt folgende Patientenregister:

  • deutsch-österreichisches DMD/BMD (Muskeldystrophie Duchenne/Becker) und SMA (Spinale Muskelatrophie)-Register,
  • das deutsch-österreichische Patientenregister für hereditäre Neuropathien (CMT-Register; Charcot-Marie-Tooth-Erkrankungen oder auch HMSN, Hereditäre motorische und sensorische Neuropathie),
  • das Register für Patienten in Deutschland und in der Schweiz mit Myotoner Dystrophie (Typ I oder Typ II/PROMM),
  • das internationale Register für FKRP-assoziierte Erkrankungen, hier werden genetische und klinische Daten über Personen gesammelt, welche durch eine Mutation im FKRP-Gen (Fukutin Related Protein) betroffen sind (z.B. Gliedergürteldystrophie 2l (LGMF2l), Kongenitale Muskeldystrophie 1C (MDC1C), Muskel-Auge-Gehirn-Krankheit (MEB) und Walter-Warburg-Syndrom (WWS), und
  • ab Mitte 2015 weitere Patientenregister für Patienten aus Deutschland mit einer PAM (Protein-Aggression-Myopathie) und einer IBM (sporadische Einschlusskörpermyositis).

Der Grundstein für die Register wurde in 2008 mit den Registern für DMD und SMA im Rahmen des EU-Projektes TREAT-NMD.eu gelegt, seitdem konnten sich die Register sehr erfolgreich etablieren. Dabei werden rechtliche Vorgaben zum Schutz der sensiblen Patientendaten beachtet und es wurde ein Aufsichtskomitee eingerichtet (u.a. mit Patientenvertretern), das Studien- und Forschungsanfragen an die Patientenregister trotz vorliegender Ethikerlaubnis vor Weitergabe an die registrierten Patienten nochmals prüft. In die Register können sich Personen eintragen, die einen genetischen Befund (DMD, SMA, FKRP, DM, CMT) oder eine hohe Wahrscheinlichkeit einer CMT (ohne bisherigen genetischen Nachweis) haben oder jene mit einer klinisch-morphologisch gesicherten Diagnose (PAM, sIBM).

Bisher haben sich bereits >3000 Patienten in diese Register eingetragen und es wäre schön, wenn jeder einzelne diese Arbeit mit seiner Registrierung oder Verbreitung der Information zu den Registern unterstützt!

Wenn Sie sich für eine Registrierung interessieren, können Sie sich unter den folgenden Kontaktdaten und der Internetadresse Informationen einholen:

Kontakt:         register [at] treat-nmd.de

Downloads zum Thema