07.09.2013 | Veranstaltungen

Ambulante Physiotherapie bei Myotoner Dystrophie - ein Vortrag von Martin Kemper im Rahmen der Frühjahrsveranstaltung der Diagnosegruppe Myotone Dystrophie am 27.04.2013

Bericht von Ulrike Wagner

Herr Martin Kemper beim Vortrag

Martin Kemper hat als Physiotherapeut langjährige Erfahrungen in einer Therapiestudie mit neuromuskulären Patienten an der ASKLEPIOS-Weserberglandklinik in Höxter gesammelt. Er unterrichtet an der dortigen Physiotherapeuten-Fachschule und ist Autor des Buchs "Neuromuskuläre Patienten physiotherapeutisch behandeln". In Hohenroda sprach er vor über 50 Teilnehmern über Aspekte ambulanter Physiotherapie.

Zunächst zeigte er anschaulich, wie der systematische Stoffwechseldefekt der Erkrankung  zu Muskelschwäche und myotonen Reaktionen führt: Der Betroffene strengt sich im Rahmen seiner Muskelschwäche gezwungenermaßen verstärkt an, tendiert danach aber zu verzögerter Entspannung bis zur Muskelverkrampfung . Er ist insgesamt weniger körperlich belastbar, somit treten die myotonen Effekte vor allem nach anstrengenden Wiederholungsbewegungen auf.

Im Vordergrund der Behandlung stehen daher optimierte Bewegungsabläufe (Kraft einsparen, auch durch bessere Muskelbeweglichkeit) und die Entkrampfung der jeweiligen myotonen Muskelgruppen. Hierzu gibt es viele verschiedene Verfahren. Beispiele sind passive Massage- und Mobilisationstechniken des Therapeuten, unterstützte und leichte rhythmische Bewegungsfolgen, Vibrationsverfahren (z.B. Galileo) und dosierte Wärmeanwendungen. Martin Kemper führte einige Beispiele vor. Wichtig ist es auch, Schmerzen und Folgeschäden aufgrund von Fehlhaltungen zu vermeiden. Die Fehlhaltung  hat ihre Ursache in der Muskelschwäche.

Bei der DM 1 beginnt die Muskelparese in der Regel "distal", also körperfern in Füßen und Unterschenkeln sowie Händen und Unterarmen. Daher ist es wichtig, in diesem Bereich physiotherapeutisch zu therapieren. Unterstützend können je nach körperlichem Zustand Hilfsmittel wie z.B. Bandagen, Schuheinlagen, Fußheberorthesen oder auch ein Rollator verwendet werden. Hilfsmittel sollen rechtzeitig eingesetzt werden, um eine muskuläre Überlastung, Fehlhaltungen und daraus resultierende Schmerzen zu vermeiden und zum Beispiel eine ausreichende Gangsicherheit zu erhalten. Physio- und Ergotherapeut sollten hier beratend tätig werden.                                                Die DM2 hingegen schwächt betont "proximal" die Rumpfregion, also Nacken-Schulter-Oberarm und Hüfte-Oberschenkel. Beide Formen zeigen allerdings oft fließende Übergänge.

Physiotherapie soll keine Schmerzen bereiten, außerdem ist die richtige Dosis entscheidend. Diese ist vor allem  vom körperlichen Zustand des Betroffenen, seiner Tagesform und vom Zeitpunkt der Therapie  -morgens oder abends-  abhängig. Offene Kommunikation mit dem Therapeuten über die jeweilige Befindlichkeit des Patienten ist eine wichtige Voraussetzung, um gemeinsam die richtige Dosis zu finden.

Martin Kemper wies auch darauf hin, dass eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme noch andere Möglichkeiten bietet als die ambulante Therapie, neben der der Betroffene weiterhin seinen normalen Alltag zu bewältigen hat. Daher ist es auch normal, dass der gebesserte Funktionszustand nach einer stationären Maßnahme trotz ambulanter Physiotherapie in der Regel nicht länger als 6-9 Monate stabil bleibt.  Um dem danach bemerkbaren Abbau der Leistungsfähigkeit entgegen zu wirken, sollte rechtzeitig eine erneute stationäre Rehabilitationsmaßnahme erfolgen.

Zusammenfassend gab Martin Kemper folgende Tipps zur ambulanten Physiotherapie:

  • Physiotherapie mit der richtigen Dosis
  • keine Daueranspannung, keine Maximalkraft einsetzen
  • Entlastungsmöglichkeiten / Hilfsmittel kennen und einsetzen
  • einseitige Belastungen erkennen und ausgleichen lernen
  • Muskelketten trainieren, Schwerpunkt Koordination und Ausdauer
  • Training in Intervallen, d.h. ausreichend Pausen einplanen
  • verkrampfte und verkürzte Muskulatur entlasten, dehnen und bewegen, hier stehen passives Bewegen und rhythmisches Dehnen im Vordergrund
  • „warm up“ berücksichtigen, d.h. die Muskulatur profitiert von einem leichten Aufwärmen vor der eigentlichen Therapie, um stressfrei in den "Betriebszustand" versetzt zu werden.  

Im Anschluss an den Vortrag mit praktischen Vorführungen nutzten die Teilnehmer ausgiebig die Gelegenheit zu persönlichen Fragen an Martin Kemper.