26.08.2013 | Berichte

Mobil bleiben mit Dreirad

Zenons Bike

Easy Rider hat mein Leben verändert

Einschlusskörpermyositis zerstört nicht nur die Muskeln, sondern auch die Zukunft. Zumindest das, was man für seine Zukunft gehalten hat. Ich bin jetzt 57 Jahre alt und habe die Krankheit seit mehr als 15 Jahren. Es begann mit eher leichten Beeinträchtigungen: eine gewisse Schwäche in den Armen und Beinen, zunehmend Probleme beim Treppensteigen, beim Aufrichten aus sitzender Position, beim Gebrauch der Hände allgemein. Innerhalb der letzten drei Jahre hat die Krankheit solche Ausmaße angenommen, dass mein Leben inzwischen hauptsächlich aus Schwierigkeiten besteht. Der Schwierigkeit, aus dem Bett aufzustehen, sich zu duschen, zu rasieren, anzuziehen und alles andere zu tun. Kurz gesagt: aus meinem normalen Leben ist das Leben eines Behinderten geworden. Ich brauche Hilfe in den verschiedensten Bereichen und das ist manchmal harmlos, manchmal aber auch sehr intim und nur schwer zu ertragen. Doch das ist das Wesen der Krankheit. Sie entwickelt sich relativ linear, doch welche Auswirkungen das auf ein so komplexes und anpassungsfähiges System wie den menschlichen Körper hat, lässt sich kaum prognostizieren. Und die Unberechenbarkeit dieser Krankheit halte ich wirklich für einen Fluch, deshalb meine anfänglichen Bemerkungen über die Zukunft.

 

Ich habe es immer geliebt, mich zu bewegen, zu laufen, Rad zu fahren, zu schwimmen und ich war mir gar nicht darüber im Klaren, was für ein Privileg es war, einen vollkommen funktionsfähigen Körper zu haben. Jetzt weiß ich das. Ich koche auch gerne und liebe gutes Essen. Als ich nun selbst nicht einmal mehr zum Einkaufen auf meinen Wochenmarkt gehen konnte, war das für mich besonders schmerzlich. Sie können sich bestimmt vorstellen, wie groß meine Freude war, als einige dieser heiß geliebten alltäglichen Aktivitäten plötzlich doch wieder möglich waren, und das alles dank der Entdeckung eines wunderbaren Dreirads. Das Fahrrad, genannt Easy Rider, hat mein Leben verändert. Dieses Fahrrad ist perfekt konstruiert. Ich hatte schon einige Dreiräder getestet, doch ich kam mit keinem wirklich zurecht. Entweder waren die Pedale zu hoch, oder der Schwerpunkt, nichts passte richtig. Doch dieses Rad fühlt sich an, als wäre es extra für mich entworfen worden. Es ist für mich das reinste Glück. Wenn es einen Gott gibt, dann hat er es an dem Tag, an dem ich dieses Rad gefunden habe, wirklich gut mit mir gemeint. Auf dem beigefügten Foto sieht man, wie es funktioniert: das Gestell liegt sehr tief über dem Boden, die Pedale sind niedrig und ganz vorn angebracht. Der Sitz ist eine wahre Freude: auch sehr tief, mit einer hohen Rückenlehne, man sitzt dadurch ausgesprochen komfortabel und auf steileren Strecken sorgt er für Stabilität und Bodenhaftung.

Es geht nicht nur um Pragmatismus ...

Besonders gefällt mir, dass dieses Rad nicht so aussieht, als sei es speziell für Alte oder Behinderte gemacht. Nicht, dass ich gegen die einen oder anderen etwas hätte, (ich gehöre ja selbst zu beiden Gruppen), doch ich hasse einfach, dass Produkte für diese Zielgruppen ästhetisch fragwürdig und meistens sogar hässlich sind. Stattdessen erlebte ich Teenager in Kreuzberg, denen das Rad ein „wow“ entlockte und glauben Sie mir, das ist nicht so leicht zu haben. Ich finde das toll, nicht, weil es meinem Ego schmeichelt, obwohl so etwas natürlich immer angenehm ist, sondern weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir das Design in diesen Bereichen verändern können. Es ist nicht einzusehen, dass wir, nur weil wir an einer Krankheit leiden, auch noch unter schlechtem und hässlichem Design leiden müssen. Gutes Design bedeutet nicht nur bessere Funktionalität, sondern anspruchsvolle Ästhetik, leichte Bedienbarkeit: Es geht nicht nur um ein Hilfsmittel oder die pragmatische Lösung eines Problems, es geht darum, Lebensfreude neu zu entdecken. Etwas, das wir alle in unserem Leben erreichen können.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Seit ich meinen Easy Rider habe, kann ich auch wieder am Leben in meiner Nachbarschaft und meinem Stadtteil teilnehmen, ganz einfach und sicher, ohne die Sorge, dass ich stürzen könnte, ohne, dass ich meine Augen auf das Pflaster fixieren muss, wo die nächste Gefahr lauern könnte. Nach einigen Ausflügen auf dem neuen Rad wurde mir klar, dass meine Umgebung vorher nur noch als Topographie existiert hatte, ihre Wahrnehmung reduziert auf Steigungen und Gefälle, auf besondere bauliche Merkmale, auffällige Orientierungspunkte, Hindernisse, die es zu überwinden galt – da war keine Rede mehr von dem, was ich einst kannte und liebte: das vielfältige, intensive und abwechslungsreiche Leben auf den Straßen, da sich so schnell veränderte und das immer aufregend war.

Darum Zenons Bike

Und warum der Titel "Zenons Bike"? Zenon war ein altgriechischer Philosoph, den ich während meines Philosophie-Studiums entdeckt habe. Er war der Meinung, dass die Realität und unser Dasein nicht so sind, wie wir sie wahrnehmen, voll unterschiedlichster Dinge und immer in Bewegung, sondern einheitlich und beständig, nicht Vieles, sondern Eines. Um das zu beweisen, dachte er sich ein Rätsel aus, das später als „Zenons Paradoxien“ bekannt wurde. Wenn man, so fragte er, das Leben endlos unterteilen kann, wie kann dann ein Pfeil, der abgefeuert wurde, jemals sein Ziel erreichen? Denn ist es nicht so, dass an jedem Punkt seines Fluges die Distanz zwischen der Pfeilspitze und dem Ziel unterteilt werden kann? Und wenn das der Fall ist, dann ist die Annahme, er könnte das Ziel treffen, nur eine Illusion, denn er kann das Ziel niemals erreichen. Natürlich, dieses Paradox kann leicht widerlegt werden, doch der Gedanke ist interessant und bis heute nicht vollständig verworfen. Für mich ist er bedeutsam, denn auf meinen kleinen Reisen durch die Welt auf dem Rad, wenn ich alles aufgesogen habe, was die Welt zu bieten hat, da habe ich mich oft gefragt, wirst du jemals dein Ziel erreichen, wirst du jemals deine Pläne verwirklichen, wird deine Zukunft so werden, wie du es dir erhofft hast? Oder wird die Realität das letzte Wort haben und dich immer einen weiteren Schritt gehen lassen? Vielleicht hatte Zenon doch nicht so ganz unrecht.

(von Martin Taylor / Übersetzung aus dem Englischen: Karin Rieppel)