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16.10.2015 | Berichte

Dreiländer-Kongress und mitoNet-Treffen in Salzburg vom 9.-10. Juli 2015

Anfang Juli fand der vierte Dreiländerkongress (Deutschland, Österreich, Schweiz) zur Mitochondrialen Medizin in Salzburg statt. Ziel der Tagung war, ein Update zu neuen klinischen Krankheitsbildern und zu den Fortschritten in Diagnostik und Therapie zu geben. Der Kongress war bewusst in deutscher Sprache gehalten und richtete sich nicht nur an Forscher, sondern auch an den breiten Kreis von praktizierenden Ärzten, die mehr über mitochondriale Medizin erfahren wollten. Mit dabei war auch wieder das „Mito-Team“ der Diagnosegruppe, um uns ebenfalls über den neuesten Stand der Forschung kundig zu machen. Der Kongress wurde maßgeblich durch die DGM und damit durch Ihre Spenden- und Mitgliedsbeiträge unterstützt. Schon vorab können wir feststellen, dass der Kongress mit seinem umfangreichen und interessanten Programm diese Unterstützung wert war.

13. mitoNet-Treffen am Vortag

Am 8. Juli fand zunächst das reguläre halbjährliche mitoNet-Treffen statt, bei dem die Leiter der  Arbeitsgruppen jeweils über den Stand der Einzelprojekte berichten. Dieses Mal stand das Treffen ganz im Zeichen der Frage, ob und wie die Projekte nach Auslaufen der Förderung durch das BMFT (Bundesministerium für Forschung und Technologie) weiter laufen. Der allgemeine Tenor lautete, dass das mitoNet sich mittlerweile so weit verstetigt hat, dass die meisten Projekte fortgeführt  werden. Dies gilt insbesondere auch für das Patientenregister und die Proben-Datenbanken.

Ein Einschluss von Patienten in das Register wird auch weiterhin möglich sein. Auch die jährlichen Folge-Untersuchungen sollen nach Möglichkeit  weitergeführt werden, wobei es bei stabilen Verläufen auch ausreichend wäre, die Zeiträume zwischen den Wiedervorstellungen zu verlängern. Patienten, die noch nicht im Register erfasst sind und Interesse haben, in das Register aufgenommen zu werden, sollten dies mit ihren behandelnden Ärzten besprechen. Dies gilt insbesondere auch für die Aufnahme von Kindern. Bisher wurden Kinder überwiegend in Berlin, München und Reutlingen aufgenommen. Es wurde noch einmal darauf hingewiesen, dass eine Aufnahme von Kindern  in das Register auch in Hamburg, Heidelberg und Düsseldorf möglich sei und dort auch gerne gemacht wird. Die Adressen der beteiligten Kliniken können auf der Homepage von mitoNet oder in unserer MitoNET-Broschüre eingesehen werden.

Nach Wegfall der öffentlichen Förderung wird der gemeinnützige Trägerverein des mitoNet für die Finanzierung aus privaten Spenden an Bedeutung gewinnen. Eine Weiterführung des Patientenregisters wird auch von uns Patientenvertretern als enorm wichtig betrachtet. Durch das mitoNet wurden  immerhin schon 30 bisher unbekannte Gene gefunden, die für mitochondriale Erkrankungen verantwortlich sind. Es wurden im Förderzeitraum fast 800 Exomsequenzierungen durchgeführt , die in 355 Diagnosen mündeten.  Davon profitierten auch viele Patienten, die vorher schon über ein Jahrzehnt auf eine Diagnose warteten. Patienten und Förderer, denen die wissenschaftliche Weiterführung des mitoNET besonders am Herzen liegt, haben übrigens auch die Möglichkeit direkt an den mitoNET-Verein Geld zu spenden und so dazu beizutragen, dass das Netzwerk erhalten bleibt.  

Dreiländerkongress

Das Programm des Dreiländerkongresses trug dem Umstand Rechnung, dass Mitochondriopathien  schon lange nicht mehr als seltene Stoffwechselstörungen angesehen werden, die nur eine verschwindend kleine Anzahl von Patienten betreffen. Mittlerweile geht man davon aus, dass es sich bei immerhin zehn Prozent aller genetischen Erkrankungen um mitochondriale Erkrankungen handelt und dass 10 Prozent aller Gene in irgendeiner Weise die Mitochondrien und ihre Funktionen betreffen. Mitochondriale Störungen spielen eine Rolle bei neurodegenerativen Erkrankungen, im Tumorstoffwechsel und beim Alterungsprozess. Dementsprechend vielseitig waren die Vorträge. Auffallend war, dass die Referate über Therapien im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zugenommen haben. Außerdem drehte sich erstmals ein ganzer Vortragsblock um die Versorgungs- und Betreuungssituation der Patienten und ihrer Lebenssituationen.  Das angesichts der täglich zunehmenden Zahl an identifizierten Genen, immer weiterer Diversifizierung der Erkrankungen und immer detaillierterer Kenntnis über die Funktionsweisen der winzigen Zellorganellen auch die Patienten als ganzheitliche Personen mit ihren alltäglichen Problemen auf der Tagung nicht vergessen wurden, stellte einen angenehmen Brückenschlag zwischen der experimentellen Forschung und dem klinischen Alltag dar.

Diagnostik

Die Diagnostik mitochondrialer Erkrankungen hat sich in den letzten fünf Jahren stark verbessert. Die Zahl der bekannten Gene stieg in diesem Zeitraum von 150 auf über 250 Gene an, wobei alleine 30 neue Gene durch das Mitonet-Projekt gefunden wurden. Dies liegt vor allem an der neuen Methode der  „Next-Generation-Sequenzierung“, die es ermöglicht, das gesamte Exom kostengünstig zu sequenzieren. Dies hat zur Folge, dass Diagnosen heute sehr viel früher nach Aufkommen eines Verdachtes gestellt werden können. War es in der Vergangenheit durchaus üblich, dass Patienten mehr als zehn Jahre auf eine Diagnose warten mussten, so verringert sich die Wartezeit heute oft auf weniger als drei Monate. Da eine Exomsequenzierung mit 2.250 Euro auch vergleichsweise günstig ist und eine wesentlich geringere Belastung für den Patienten bedeutet, wird diese Methode zukünftig gegenüber den klassischen  Untersuchungen des Muskelgewebes oder der Fibroblasten an Bedeutung gewinnen und in der Reihenfolge der Untersuchungen vermutlich häufiger an erster Stelle stehen. Im Rahmen des Mitonet-Projektes wurden fast 800 Exomsequenzierungen durchgeführt, die in 355 Diagnosen mündeten. Diese Diagnosen betrafen 194 verschiedene Gene!
Weiterhin ungeklärt sind jedoch immer noch fast die Hälfte der Fälle, so dass in Zukunft noch einiges zu tun bleibt.

Symptomatik

Die Beteiligung der verschiedenen Organe bei mitochondrialen Erkrankungen wurde in einem weiteren Vortragsblock behandelt. Prof. Ali Yilmaz berichtete über MRT-Untersuchungen des Herzens und erläuterte, dass sich bei Mito-Patienten eine Beteiligung des Herzens schon sehr früh durch ein MRT (Magnetresonanztomographie) nachweisen lässt und somit entsprechende Medikamente bzw. Herzschrittmacher rechtzeitig in Erwägung gezogen werden können. Patienten, die eine Beteiligung des Herzens befürchten, sollten diese Möglichkeit daher mit ihren behandelnden Ärzten besprechen.

Frau Daniela Karall betonte in ihrem Vortrag ebenfalls die Notwendigkeit Organe wie Leber, Niere und Darm nach standardisierten Plänen zu untersuchen, da diese Organe sehr häufig betroffen sind und symptomatische Behandlungen (wie z.B. Substitution von Pankreas-Enzymen) den Patienten Erleichterungen verschaffen können.

Patientenversorgung

Wie bereits erwähnt  wurde in Salzburg auch über die Strukturen referiert, die für Patienten mit mitochondrialen Erkrankungen wichtig sind. Zunächst stellte Till Voigtländer die Struktur der „Rare Disease Zentren“ in Österreich vor. Das System in Österreich entspricht in den Grundzügen den Spezialambulanzen  auf drei Ebenen wie sie auch für Deutschland im Nationalen Aktionsplan für seltene Erkrankungen  vorgesehen sind. Österreich scheint aber auf diesem Weg schon wesentlich weiter in der Umsetzung gekommen zu sein, während in Deutschland  noch nicht einmal die Finanzierung abschließend geklärt ist.

Frau Büchner stellte daran anschließend das Deutsche Netzwerk für mitochondriale Erkrankungen (mitoNET) vor. An 21 Kliniken in Deutschland und Österreich sind bisher die Daten von ca. 1100 Patienten mit gesicherter Diagnose oder starkem Verdacht gesammelt worden und es konnten erste Auswertungen vorgenommen werden. Die häufigsten erfassten Krankheiten waren CPEO/CPEOplus (17 %), Atmungskettenkomplex-Defekte (15%), Mitochondriale Myopathien  (12 %) und LHON (10%). Die Verlaufsdaten zeigten, dass es sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern zu deutlichen Verschlechterungen kam, aber trotzdem die Lebensqualität zumindest bei den Erwachsenen nicht gesunken ist. Weitere Auswertungen sollen folgen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Patientenversorgung wurde von Gerhard Kluger, Leitender Arzt der Rehaklinik Vogtareuth angesprochen. Sein Vortrag behandelte die Möglichkeiten der Transition von mitochondrial erkrankten Kindern. „Unter Transition versteht man in der Medizin den geplanten Übergang von Kindern oder jungen Erwachsenen mit chronischen Erkrankungen von einer kindzentrierten hin zu einer erwachsenenorientierten Gesundheitsversorgung“ (Wikipedia). Der Vortrag stellte verschiedene mögliche Modelle der Transition vor, es blieb aber zum Schluss doch der Eindruck, dass von einem planmäßigen Vorgehen bisher erst ansatzweise gesprochen werden kann und die jungen Erwachsenen bis heute vorwiegend in den pädiatrischen Zentren weiter betreut werden.  Da die Transition aber auch bei anderen chronischen Erkrankungen in Deutschland zwar seit geraumer Zeit im Gesetz verankert, aber noch nicht wirklich umgesetzt wurde,  sind hier auch die Selbsthilfegruppen gefragt, um Verbesserungen zu erreichen.

Therapien

Erfreulich viele Vorträge beschäftigten sich mit Therapien bei mitochondrialen Erkrankungen. Damit zeigte sich auch auf dem Kongress in Salzburg ein Trend, den Prof. Freisinger zu Beginn seines Vortrages so charakterisierte: Es gibt immer noch keine bahnbrechenden Ergebnisse, aber die Anzahl der Therapiestudien hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht. Ein Problem für die Therapien ergibt sich aus dem Umstand, dass immer mehr Krankheitsursachen bekannt  werden und damit für Studien immer nur sehr kleine Gruppen von Menschen mit exakt denselben Gendefekten zur Verfügung stehen. Dennoch gibt es einige  Ansätze, die zumindest bei bestimmten Gruppen von Patienten vielversprechend scheinen. Im Folgenden werden diese Ansätze grob zusammengefasst.

  • Wie Thomas Klopstock und sein Team berichteten, zeigte sich Idebenone  in einer Studie als gut verträglich und effektiv bei der Behandlung von LHON. Bei über der Hälfte der Patienten kam es zu einer relevanten Verbesserung der Sehschärfe. Darüber hinaus hatte Idebenone auch eine starke präventive Wirkung. Am besten wirkte Idebenone bei Patienten mit T14484C-Mutationen. Diese Studie führte dazu, dass Idebenone mittlerweile eine Zulassung für dieses Krankheitsbild erhielt.
  • Felix Distelmaier wies darauf hin, dass Krankheitsbilder wie das Leigh-Syndrom sehr unterschiedliche Ursachen haben und – obwohl die Symptomatik oft übereinstimmt – manche davon therapierbar sind. Dies trifft vor allem auf Coenzym Q10-Biosynthese-Defekte oder Störungen des Thiaminstoffwechsels zu, bei denen ein frühzeitiger Therapiebeginn irreversiblen Schäden des Nervensystems entgegenwirken kann. In diesen Fällen ist eine frühe Bestimmung der Genmutationen entscheidend. Distelmaier berichtete über einen kleinen Patienten, der über die Exomsequenzierung und die Zusammenarbeit im mitoNet rechtzeitig diagnostiziert und damit frühzeitig die richtige Therapie erhalten konnte. Dieses Beispiel zeigte, wie lebenswichtig die Aufnahme in das Patientenregister und das Aufsuchen von spezialisierten Kliniken sein kann.
  • Ekkehard Wilichowski berichtete, dass eine Substitution von Folinat positive Effekte bei manchen Patienten mit Kearns-Sayre Syndrom (KSS) hatte.
  • Sabine Scholl-Bürgi berichtete, dass die Ketogene Diät bei Patienten mit Pyruvatdehydrogenase-Mangel (PDH-Mangel) weiterhin als Therapie der Wahl gilt, aber auch oft bei anderen Atmungskettendefekten zum Einsatz kommt, insbesondere dann, wenn epileptische Anfälle zum Krankheitsbild gehören. Allerdings steht eine systematische Studie zur Wirksamkeit bisher noch aus. Die Evidenz beschränkt sich nach wie vor auf anekdotische Einzelfälle.
  • Auch aus dem Vortrag von Peter Freisinger, der weitere Therapieoptionen für einzelne Krankheitsbilder  zusammengefasst darstellte, konnte man den Eindruck gewinnen, dass es durchaus einzelne Substanzen gibt, die bei bestimmten Krankheitsbildern eine Wirkung zeigen, dass die Therapien aber weiterhin sehr individuell erfolgen werden. So zeigten sich  z.B. bei einigen Patienten positive Effekte durch Gabe von Fibraten, bei MELAS-Patienten scheint Arginin und Citrullin Verbesserungen zu bringen, Riboflavin scheint insbesondere bei Störungen im Komplex-1 einen Nutzen zu haben usw.

Zusammenfassend lässt sich die Situation mit einem Bild von Peter Freisinger beschreiben, dass das Licht am Ende des langen Tunnels nach fünf Jahren mittlerweile etwas heller geworden ist. Für uns Patienten bleibt festzustellen, dass wir seit Etablierung des mitoNets und der Einführung des Patientenregisters schon enorm profitiert haben. Die Daten und Proben, die erhoben wurden, haben zu zahlreichen Studien in allen Bereichen geführt und hatten für viele Patienten auch einen direkten Nutzen, weil sie dadurch zu einer genetisch gesicherten Diagnose kamen. Die Zahl der ungeklärten Fälle ist daher auf die Hälfte gesunken und insgesamt bekommen viele Patienten die Diagnosen innerhalb weniger Monate. Die Bestimmung des Gendefektes konnte in einigen Fällen auch für frühzeitige Therapien genutzt werden, die irreversiblen Langzeitschäden bei Kindern vorbeugen konnten. Damit zeigt sich, dass wir als Patienten aktiv mehrere Dinge tun können, um die Forschung zu unterstützen:

  • Soweit noch nicht geschehen, die behandelnden Ärzte auf das Patientenregister ansprechen und sich aufnehmen lassen.
  • Die Folgeuntersuchungen wahrnehmen
  • Spezialisierte Stoffwechselzentren aufsuchen, da das Krankheitsbild so heterogen ist, dass  mögliche spezifische Therapieoptionen nicht überall bekannt sein dürften.
  • Die Diagnosegruppe  und das mitoNET durch finanzielle Spenden unterstützen, damit die Forschung auch zukünftig weiter vorankommt.

 

(Bericht: Karin Brosius)