Bericht über das 15. Internationale ALS/MND Symposium

vom 02. – 04. Dezember 2004 in Philadelphia

Vom 02. – 04. Dezember 2004 fand in Philadelphia, USA, das 15. Internationale ALS/MND-Symposium statt (MND= Motor Neuron Disease). In diesem Symposium wird alljährlich mit wechselndem Kongressort der aktuellste Stand zur ALS Forschung in den Bereichen Grundlagenwissenschaft, Diagnostik und Therapie sowie Pflege und Betreuung behandelt. Das traditionell Besondere des ALS-Symposiums ist die Zusammenführung von Wissenschaftlern und Klinikern mit Pflegepersonen und Angehörigen in einer Grossveranstaltung. Der folgende Bericht zu diesem Symposium legt weniger Wert auf Vollständigkeit und konzentriert sich stärker auf die Bereiche, in denen spezielle Fortschritte erzielt worden sind oder auf besonders spannende und wichtige Vorträge. Dabei soll zunächst der wissenschaftliche und danach der pflegerisch bzw. sozial-orientierte Teil besprochen werden.

Eine der ersten Sitzungen beschäftigte sich mit der Rolle der Stützzellen (Glia) des Nervensystems sowie mit entzündlichen Prozessen im Zelluntergang bei ALS. Die Bedeutung dieser Entzündungserscheinungen vor dem Absterben der Motoneurone ist noch nicht völlig klar, aber insofern von Wichtigkeit, als sich hier neue Ansätze für ein therapeutisches Vorgehen ergeben könnten. Ferner wird immer deutlicher, dass am Untergang der Motoneurone bei ALS die Gliazellen wesentlich beteiligt sind und diesen positiv, aber auch negativ beeinflussen können. Offensichtlich können die Gliazellen eine schützende Funktion für kranke Motoneurone ausüben, aber auch den Untergang beschleunigen. Dies bedeutet, dass sich die zelluläre ALS-Forschung nicht nur auf die Motoneurone selbst konzentrieren darf, sondern auch die sie umgebenden Gliazellen untersuchen muss.

Eine andere wichtige Sitzung beschäftigte sich wiederum mit der Rolle des anterograden und retrograden axonalen Transportes der Motoneurone. In den langen Fortsätzen der Nervenzellen müssen wichtige Substanzen in die Peripherie transportiert werden und wieder zurück. Störungen führen zum Funktionsverlust der Neurone. Neben den für den Transport wichtigen Neurofilamenten wurden die Proteine Dynein und Dynactin diskutiert, für die bei wenigen ALS-Patienten Mutationen gezeigt wurden. Bislang ist jedoch über die Tatsache hinaus, dass der axonale Transport bei ALS gestört ist, noch kein klares pathogenetisches Konzept abzusehen.

Diagnostisch hofft man allgemein auf neue „Bio-Marker“, d. h. auf Laborwerte in Blut und/oder Nervenwasser, mit deren Hilfe eine ALS früh und sicher diagnostiziert werden kann. Die sog. Proteomics-Untersuchungen haben bereits eine Reihe von abnormen Eiweißen bei ALS nachgewiesen, wobei jedoch die genaue Identifikation dieser Eiweisse und auch die Spezifität für ALS weiter geklärt werden muss. Insgesamt besteht jedoch grosse Zuversicht, dass es in absehbarer Zeit erstmals brauchbare und spezifische Labornachweise der ALS geben wird.

Die moderne Bildgebung, insbesondere die Kernspintomographie entwickelt zunehmend sehr empfindliche Methoden, mit deren Hilfe die Beteiligung des „oberen Motoneurons“ sehr früh nachgewiesen werden kann. Ferner wird vermehrt über Ergebnisse mit Geräten, die eine höhere Magnetfeldstärke (3 TESLA im Vergleich zu 1.5 TESLA derzeit) bieten berichtet, in der Hoffnung, dass dadurch eine frühere Diagnostik möglich wird. Insgesamt handelt es sich hierbei um ein international hochaktives Gebiet und man darf hoffen, dass in Bälde bildgebende Methoden zur Frühdiagnostik der ALS zur Verfügung stehen werden.

Im Bereich der Genetik werden neue, unterschiedliche Mutationen bei Einzelfällen mit ALS berichtet, ohne dass sich hieraus bereits ein klares Konzept ergibt. Nach wie vor sind die SOD-1-Mutationen die einzigen, für die eine ursächliche Rolle bei einem Teil der Patienten mit familiärer ALS gesichert ist. Man hat den Eindruck, dass die genetische Forschung bei ALS augenblicklich etwas auf der Stelle tritt.

Besonders interessant war eine Sitzung zum Thema „Zellmanipulation“ bzw. „Zellersatz“ bei ALS. Chancen wurden hier vor allen gesehen für neuronale Stammzellen, die direkt in das ZNS transplantiert werden. Versuche mit Stammzellen aus dem Blut oder Knochenmark haben offensichtlich keine positiven Ergebnisse erbracht. Ferner wird klar, dass nicht nur die Übertragung von Vorläuferzellen für Neurone, sondern auch von solchen für Gliazellen wichtig sein dürfte. Ohnehin dürfte ein Nervenzellersatz weniger Aussicht auf Erfolg haben, da man nicht erwarten kann, dass z. B. Motoneurone von der motorischen Rinde bis zum Rückmark auswachsen werden, oder aber spinale Motoneurone vom Rückenmark bis zur Muskulatur. Vielmehr ist daran zu denken, dass in das Nervensystem injizierte neurale oder gliale Vorläuferzellen neuroprotektive Wirkungen ausüben, d. h. die Überlebensbedingungen für die kranken Motoneurone verbessern.

In der abschließenden wissenschaftlichen Sitzung wurden zwei besonders spannende Themen behandelt. Zum einen wurde die in letzter Zeit sehr intensiv diskutierte Frage des Zusammenhangs zwischen ALS und Leistungssport besprochen. Die Diskussion wurde vor allem in Italien stark betrieben, zum Teil aber auch in Deutschland. Es wurde nun in Philadelphia berichtet, dass zuverlässige Untersuchungen an grossen Zahlen von Leistungssportlern tatsächlich einen solchen Zusammenhang nahelegen, da sich in Italien bei professionellen Fußballspielern häufiger, als statistisch zu erwarten wäre, Motoneuron-Erkrankungen gezeigt haben. Für andere Sportarten ist dies bislang nicht untersucht. Man darf mit Spannung auf weitere und statistisch noch besser abgesicherte Ergebnisse warten.

Ein anderer Vortrag beschäftigte sich mit der endemischen ALS auf Guam im Südpazifik. Die neurotoxische Hypothese, die das Protein BMAA als ursächlich angeschuldigt hatte, war in letzter Zeit weitgehend verlassen worden. Diese Theorie kommt jedoch auf andere Weise wieder. Es hat sich gezeigt, dass eine bestimmte Art sehr grosser Fledermäuse, die sog. „Fliegenden Füchse/Hunde“, die Früchte der Cycadenpalme, die BMAA enthalten, in großen Mengen fressen, und dann wiederum gerne von den Einwohnern als Delikatesse verzehrt werden. Es scheint nun doch möglich, dass über diesen Umweg große Konzentrationen von BMAA in den menschlichen Körper gelangen und neurotoxisch wirken können, z.B. auch auf Motoneurone.

In den Parallelsitzungen zur praktischen Betreuung von ALS-Patienten wurden wiederum die wichtigsten Fragestellungen intensiv abgehandelt. Eine wesentliche Rolle spielten z. B. Probleme der Kommunikation bei sprechunfähigen Patienten und die Messung der Lebensqualität, die ja für jede Beurteilung von Therapieerfolgen entscheidend ist.

Ein weiteres wichtiges Thema waren Schluckstörungen und die Unterstützung der Ernährung, die intensiv besprochen wurden, ohne dass sich jedoch völlig neue Entwicklungen abzeichnen. Neben der meist benutzen PEG wird von England her die sogenannte RIG propagiert, eine Technik, bei der der sichere Zugang zum Magen nicht durch Endoskopie sondern durch ein schonenderes Röntgenverfahren gewährleistet wird

Änderungen der geistigen Leistungsfähigkeit, d.h. Demenzentwicklungen, wurden ebenfalls thematisiert. Es ist inzwischen allgemein akzeptiert, dass ein relevanter Teil der ALS-Patienten sog. „frontale“ Auffälligkeiten entwickelt, d.h. Kontroll- und Verhaltensstörungen. Zum Teil kann die Abgrenzung zum Bild der frontotemporalen Demenz schwierig sein bzw. es bestehen Überlappungen. Die Ansätze sind bislang jedoch überwiegend deskriptiv, spezifische therapeutische Konsequenzen gibt es noch nicht.

Die nicht-invasive Beatmung mit der Maske wurde breit behandelt. Die überwiegende Zahl der Beiträge kam hier aus Europa. Allgemein lässt sich sagen, dass die nicht-invasive Beatmung inzwischen auf große Akzeptanz stößt und dass die Zahlen der Patienten, die so behandelt werden, ansteigen.

Ferner wurden einige wenige klinische Behandlungsstudien vorgestellt. Erwähnen möchte ich, dass die Therapie mit Überdruck-Sauerstoff keine positiven Effekte erbrachte. Dies gilt auch für einen Behandlungsversuch mit Co-Enzym Q10. Besonders wichtig ist, dass das Antirheumatikum Celecoxib nicht wirksam erscheint, was vermutlich auch für andere Antirheumatika gelten dürfte. Erfahrungsgemäß wird auf der Internationalen ALS-Tagung aber wenig über klinische Behandlungsstudien in Planung gesprochen, da man sich nicht gern in die Karten blicken lässt. Es werden hier eher diejenigen Studien vorgestellt, die bereits abgeschlossen sind. Man darf deshalb aus den Präsentationen auf der Tagung nicht den Schluss ziehen, dass nicht in absehbarer Zeit interessante und möglicherweise wirkungsvolle Substanzen in die klinische Prüfung kommen.

Insgesamt kann man die Tagung für Wissenschaftler, Ärzte und Patientenbetreuer als äusserst informativ bezeichnen. Die ALS-Forschung kommt augenblicklich zwar eher langsam voran, überwiegend aufgrund der Fülle der offenen Fragen und weniger, weil es keine guten Ideen gäbe. Man hat jedoch den Eindruck, dass es in den nächsten Jahren an der einen oder anderen Stelle wieder einen großen Schritt vorwärts geben wird.

Prof. Dr. Reinhard Dengler
Neurologische Klinik mit klinischer Neurophysiologie
der Medizinischen Hochschule Hannover