49. Jahrestagung der DGKN

vom 15.-19. September

Vom 15.-19. September diesen Jahres fand in Jena die 49. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung statt. Im Rahmen dieses Kongress standen bei 2 Sitzungen Muskelerkrankungen im Vordergrund.

Frau Prof. Angela Vincent aus Oxford berichtete zunächst über neuere Erkenntnisse zu Antikörpern bei der Myasthenia gravis (MG) und myasthenen Erkrankungen. Bei 15% der Fälle einer MG lassen sich keine Antikörper gegen den Acetycholin-Rezeptor (AchR-Ak) nachweisen. Bei 40% dieser, bisher als seronegative (ohne die Bildung von Antikörpern) Myasthenia gravis (SNMG) bezeichneten Krankheitsfälle lassen sich aber Antikörper gegen die muskelspezifische Rezeptor-Tyrosinkinase (MuSK) finden. Dabei zeigen sich geographische Unterschiede beim Anteil der MuSK positiven Fälle an der sog. SNMG. Der Anteil liegt zwischen 12 und 75%, wobei der Anteil geringer wird je weiter die Entfernung vom Äquator ist. Die Auswirkungen der MuSK-Ak sind noch nicht im Detail geklärt. Es wird weder die Anzahl der Acetylcholinrezeptoren vermindert noch deren Synthese (Bildung) beeinflusst. Durch eine Plasmaübertragung lässt sich aber die Symptomatik wie bei der klassischen MG auslösen. Es wird ein Einfluss auf andere Rezeptoren an der Muskeloberfläche vermutet. Darüber hinaus wird die Muskulatur empfindlicher für eine Muskelatrophie. Bei genauer klinischer Untersuchung lassen sich auch durchaus Unterschiede in der Beteiligung z.B. der Gesichtsmuskulatur feststellen. Bei der Untersuchung auf Veränderungen des Thymus werden bei MuSK-positiven Patienten in der Regel keine Veränderungen beobachtet, allerdings bei 50% der SNMG. Acetycholinesteraseinhibitoren zeigen eine geringere Wirkung als bei der „klassischen“ MG.

Im Anschluss sprach Frau Dr. Karin Jurkatt-Rott aus Ulm über die periodischen Paralysen. Bei diesen meist autosomal dominant vererbten Erkrankungen können hypokaliämische und hyperkaliämische Formen unterschieden werden. Der genetische Defekt liegt aber überwiegend in einer Untereinheit des Natriumkanals auf dem langen Arm von Chromosom 17 (17q23-25). Nach dem Auftreten von typischen Prodromi (Vorzeichen) stellt sich eine Schwäche der Extremitätenmuskulatur ein, die über Stunden gelegentlich aber auch über Tage anhalten kann. Die während der Lähmungsdauer gemessenen Kaliumwerte zeigen die namensgebenden Veränderungen. Das erst vor kurzer Zeit vermutete KCNE3 Gen (Kaliumkanal) auf Chromosom 11 ist aber nach neuesten Erkenntnissen doch nicht ursächlich für eine Unterform der hypokaliämischen Paralyse.

Herr Prof. Thomas Voit aus Essen stellte neue Erkenntnisse bei den progressiven Muskeldystrophien vor. Derzeit werden mindestens 15 verschiedenen Formen der Gliedergürtelmuskeldystrophien (LGMD) unterschieden, die autosomal dominant (LGMD1) oder autosomal rezessiv (LGMD2) vererbt werden. Es konnte bisher noch nicht bei allen Formen das der Erkrankungen zu Grunde liegende Muskelprotein gefunden werden (z.B. LGMD1D). Einige Fragen sind bei diesen Erkrankungen noch offen. So können sich bei einem Gendefekt im Caveolin 3 Gen phänotypisch sehr unterschiedliche Erkrankungen zeigen (Gliedergürtelmuskeldystrophie Typ 1C, Rippling muscle disease, hypertrophische Cardimyopathie).
Bei der LGMD2I kommt es im Verlauf nahezu immer zu einer Herzbeteiligung mit Einschränkung der Kontraktionskraft. In diesen Fällen ist wie bei Herzinsuffizienzen anderer Genese eine ACE-Hemmer Therapie angezeigt.
Seitens der Zukunftsperspektiven für kausale Therapieansätze ist das sog. Exon-skipping am weitesten vorangeschritten. In Zellkulturen konnten schon erste positive Ergebnisse gefunden werden.

Im Anschluss erklärte Herr Dr. Marcus Deschauer aus Halle über die Besonderheiten der Vererbung mitochondrialer Erkrankungen. Bei diesen komplexen Krankheitsbildern wie z.B. MELAS, MERRF, LHON etc. wird der zu Grunde liegende nicht nur über das maternale Genom weitervererbt, sondern auch autosomal rezessive oder dominante Vererbung wird beschrieben. Klinisch gleiche Syndrome können auch durch unterschiedliche Gendefekte hervorgerufen werden. Darüber hinaus sind auch modifizierende Gene entdeckt worden, die neben dem Grunddefekt einen Einfluss auf den Schweregrad der Erkrankung haben. Bei der LHON (Leber´sche Hereditäre Optikus Neuropathie) vermutet man ein Modifier-Gen auf dem X-Chromosom.

Herr Prof. Dieter Pongratz aus München gab dann einen Überblick über den Wissensstand bei den entzündlichen Muskelerkrankungen. Es ist immer wieder wichtig bei Patienten mit einer Dermatomyositis, die älter als 40 Jahre sind, an ein paraneoplastisches Geschehen (Erkrankung in Folge einer Krebserkrankung) zu denken. Bei der Diagnostik der Myositiden stellt man häufig gerade in der Anfangsphase kaum Veränderungen fest. So ist das C-Reaktive Protein (bei einer Blutuntersuchung Zeichen für eine Entzündung im Körper) nur in 60% der Fälle erhöht. Hilfreich ist häufig auch die Kernspintomographie. Bei der Pathophysiologie des Schmerzes bei Myositiden weiß man nun, dass die Rezeptoren immer in der Nähe der Gefäße liegen, sodass nur bei Myositiden mit Gefäßbeteiligung Schmerzen auftreten. Dies erklärt die Schmerzen bei der Dermatomyositis.

Abschließend berichtet Herr Dr. Andreas van Baalen aus Kiel über Untersuchungsergebnisse mit der neuen Technik der hochauflösenden Myosonographie (Ultraschalluntersuchung des Muskels). Mit dieser Technik sind Bilder, ähnlich histologischer Untersuchungsbefunde, möglich. Man kann Bewegungen einzelner Muskelfasern beobachten. So differenziert war dies bisher nur mit der Elektromyographie möglich.

Im weiteren Verlauf hatten die Preisträger des Felix-Jerusalem-Preises, gestiftet von der Firma Aventis und des Myasthenie-Preises, gestiftet von der Firma Temmler die Gelegenheit ihre Arbeiten vorzustellen.
In diesem Jahr waren die eingereichten 18 Arbeiten qualitativ so hervorragend, dass die Gutachter zwei erste Preise vergeben haben. Ausgezeichnet wurden Herr Prof. Klaus-Armin Nave und Mitarbeiter vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin, Göttingen, für ihre Arbeiten zur „Therapeutischen Anwendung eines Progesteron Antagonisten bei einem Modell der Charcot-Marie-Tooth Erkrankung (CMT-1A)“ sowie Herr Dr. Lars Brichta, Institut für Humangenetik der Universität Köln, für die Ergebnisse der Untersuchung über den Wirkeffekt von Valproinsäure. „Valproinsäure steigert den SMN2 Proteinlevel: eine gut bekannte Substanz als mögliche Therapie für die spinale Muskelatrophie“
Den 3. Preis erhielt Herr Dr. Jan Senderek aus dem Humangenetischen Institut der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen für die „Identifikation zweier Gene für autosomal rezessiv erbliche CMT-Formen (CMT4B2-Gen und CMT4C-Gen).

In diesem Jahr erstmalig vergeben wurde der mit 2.500 € dotierte Myasthenie-Preis der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e.V., gestiftet von der Firma Temmler Pharma GmbH & Co KG. Ausgezeichnet wurde Frau Dr. Angela Abicht, Institut für Biochemie der Ludwig-Maximilians-Universität München, für ihre Untersuchungen über „Klinik und Genetik kongenitaler myasthener Syndrome“
Die Preise wurden dann in festlicher Atmosphäre beim Gesellschaftsabend des Kongresses überreicht.

Zusammenfassung von Dr. Jens-Peter Weber
Medizinischer Referent der DGM