17. Kongress des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e.V.

in Dresden vom 09.-12.03.2005

Vor wenigen Wochen fand in Dresden der 17. Kongress des wissenschaftlichen Beirats unserer Gesellschaft statt. Herr Prof. Reichmann, der 1. Vorsitzende des Beirats in den vergangenen 2 Jahren, hatte zusammen mit seinen Mitarbeitern ein umfangreiches, hoch interessantes Programm erstellt. Ergänzt wurden die üblichen drei Kongresstage durch einen vorgelagerten Workshop des Netzwerkes für Mitochondriale Medizin (MITO-NET).

Nicht nur die Anzahl von fast 300 Ärzten, Therapeuten und Betroffenen sondern auch die Aussagen der Teilnehmer am Ende der Veranstaltung bestätigen den großen Erfolg. In über 50 Vorträgen und fast ebenso vielen Posterdarstellungen wurden neue Erkenntnisse aus weiten Bereichen der neuromuskulären Erkrankungen vorgestellt. Neben dem wissenschaftlichen Hauptprogramm zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten stand ein Therapieprogramm über die Interdisziplinäre Behandlung und Begleitung Muskelkranker. Darüber hinaus gab es zwei firmengesponserte Satellitensymposien über Immuntherapie neuromuskulärer Erkrankungen und geführte Posterbegehungen mit Kurzvorstellungen und Diskussionen der jeweiligen Präsentation.

Neben den ausgewiesenen deutschen Spezialisten auf dem Gebiet der neuromuskulären Erkrankungen waren auch einige herausragende internationale Kapazitäten eingeladen über Ihre Spezialgebiete zu referieren.

Die Kongresstage wurden durch das Symposium des MITO-NET eingeleitet.
Herr Prof. Lochmüller aus München gab in seinem Vortrag einen Überblick über die Besonderheiten der mitochondrialen Myopathien:
Mitochondrien haben ihre eigene DNA (Erbmaterial). Jedoch werden nicht alle Bestandteile der Mitochondrien aus diesem Erbgut gebildet sondern viele Proteine auch aus dem Genmaterial aus dem Zellkern. Bei Erkrankungen deren Gendefekt im mitochondrialen Genom liegt wird die Erkrankung nur über die Mutter weitergegeben, sog. maternale Vererbung. Bei diesen Störungen können innerhalb einer Zelle genetisch veränderte (mutierte) und nicht-mutierte DNA-Bereiche vorliegen. Dies wird als Heteroplasmie bezeichnet. Bis zum Auftreten von funktionellen Störungen muss ein gewisser Schwellenwert an genetisch veränderten Zellen erreicht werden – Schwellen(wert)effekt. Je nach Mutation kann dies bis zu 70% genetisch veränderter DNA sein. Bei manchen Erkrankungsbildern z.B. dem MELAS-Syndrom, werden unterschiedlichste, z.T. komplexe genetische Störungen im mitochondrialen Genom beobachtet.
Bei der Diagnostik haben histochemische, biochemische und molekulargenetische Untersuchungen große Bedeutung.
In der Forschung besteht bisher das Problem, dass es kein Mausmodell für diese speziellen mitochondrialen Genveränderungen gibt. Erst vor kurzem wurde ein derartiges Tiermodell in Aussicht gestellt.
In einem der folgenden Vorträge berichtete Herr Prof. Chinnery aus Newcastle upon Tyne (Großbritannien) über epidemiologische Daten zu den mitochondrialen Erkrankungen. Die Datenerhebung ist auf Grund der sehr variablen Krankheitsausprägung, der unterschiedlichen Mutationen und der verschiedenen Laboruntersuchungen recht schwierig. In wieweit die gewonnenen Daten für die Vorhersage von Belang sind, ist noch unklar auf Grund der unterschiedlichen Krankheitsausprägung. Untersuchungen aus Finnland und dem Nordosten von Großbritannien zeigen Häufigkeiten von ca. 6-16 Erkrankten pro 100.000 Einwohner. Es ist aber von einer Rate von ca. 40 Erkrankten pro 100.000 Einwohnern auszugehen.

Herr Dr. Freisinger aus München sprach in einem weiteren Vortrag über die mitochondrialen Erkrankungen im Kindesalter. Zu merken ist, dass jedes Symptom auftreten, jedes Organ betroffen sein kann und die Beschwerden sich in jeder Altersgruppe zeigen können. Insbesondere wenn nur einzelne Symptome vorliegen sei die Diagnosestellung äußerst schwierig. In der Regel gilt, dass je früher der Beginn der Erkrankung ist, desto schwerer der Verlauf sein wird. In Kürze wird auf der Homepage der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) eine Leitlinie für Diagnostik und Therapie bei Mitochondriopathien im Kindes- und Jugendalter einsehbar sein.

Herr Priv. Doz. Dr. Klopstock aus München berichtete dann über die vielfältigen Erkrankungsbilder im Zusammenhang mit Störungen der Mitochondrienfunktion im Erwachsenenalter. Jüngste Erkenntnisse zeigen auch einen Zusammenhang mit der Parkinson-Erkrankung und dem Altern.

Von Herrn Dr. Schoser aus München wurden die Besonderheiten bei der Beurteilung der Muskelbiopsie für die Diagnostik herausgestellt. Die sog. Ragged-Red-Fibers finden sich nur bei den mitochondrial vererbten Erkrankungen. Sie stellen eine Anhäufung von Mitochondrien in den Muskelzellen dar. Bei histochemischen Färbemethoden stellt ein Absinken aller Atmungskettenenzyme eher ein Artefakt dar. In der Regel sind nur bestimmte Gruppen dieser Enzyme vermindert.

Herr Dr. Deschauer aus Halle zeigte in seinem Vortrag einige molekulargenetische Erkenntnisse. So sind zwar für die meisten Krankheitsbilder verschiedenste Mutationen gefunden worden, jedoch sind einzelne meist besonders häufig. Wenn sich nach der Symptomatik eine Verdachtsdiagnose ergibt kann man dann zunächst nach dieser Hauptmutation suchen. Damit erspart man sich in vielen Fällen eine aufwendige komplette Sequenzierung (Ermittlung der exakten DNA-Abfolge in einem Gen). Gelegentlich kann bei typischer Symptomatik durch die molekulargenetische Untersuchung auch auf eine Muskelbiopsie verzichtet werden. Eine pränatale Diagnostik ist bei den mitochondrial vererbten Erkrankung kaum möglich. Dies gelingt nur mit einer ausreichenden Aussagekraft bei den nukleär (DNA im Zellkern) vererbten Erkrankungen.

Herr Dr. Gempel aus München sprach dann über die Diagnostik von Störungen der Fettsäureverstoffwechselung. Diese Erkrankungen, z.B. der Carntin-Palmitoyl-Transferase- (CPT)-Mangel, lassen sich durch Messungen der Carnitin- und Acylcarnitinkonzentrationen im Serum mittels Tandem-Massenspektrometrie oder auch der organischen Säuren im Urin feststellen. Die unterschiedlichen Erkrankungen zeigen meist ein recht spezifisches Muster der Fettsäuren.

Herr Dr. Zange aus Köln erklärte dann die Technik der Nahe-Infrarot-Spektroskopie (NIRS). Mit dieser Technik können nicht-invasiv Rückschlüsse auf z.B. die Kreatinkonzentration in der Muskulatur gewonnen werden. Dabei zeigte sich bei der Einnahme von Kreatin, dass eine Erhöhung der Konzentration im Muskel nur durch parallele sportliche Belastung möglich ist.

Herr Prof. Wilichowski aus Göttingen zeigte in seinem Vortrag dann die Grundsätze der medikamentösen Behandlung auf und stellte auch einzelne Substanzen vor. So zeigen einige Patienten mit einem MELAS-Syndrom bei der Gabe von Dichloroacetat einen deutliche Verminderung von Kopfschmerzen. Diese Substanz wirkt durch die Verringerung von toxischen Stoffwechselprodukten. Elektronendonatoren wie Vitamin C und K wirken auf den Komplex IV der Atmungskettenenzyme, sind jedoch auch nicht systematisch untersucht. Riboflavin, wirkt durch die Verbesserung der Enzymrestfunktion kann bei Defekten des Komplex I und II mit Symptomen an der Muskulatur hilfreich sein. Idebenon, eine antioxidativ wirksame Substanz, zeigt eine gute Wirkung bei der Friedreich Ataxie auf die u.U. bestehende Kardiomyopathie. Coenzym Q10 wurde in Einzelfällen als positiv beschrieben, aber in kontrollierten Studien war der Erfolg eher fraglich. Bisher kann man keine allgemeingültigen Empfehlungen aussprechen.

Über sehr interessante Ergebnisse von aeroben Training bei Patienten mit mitochondrialen Erkrankungen, berichtete Herr Prof. Vissing aus Kopenhagen. Durch ein 12-wöchiges Training unter 65-75% der maximalen Sauerstoffaufnahme konnte eine Erhöhung der Belastungsstärke um 30% erreicht werden. Dies war deutlich mehr, als bei den gesunden Kontrollpersonen. Überraschenderweise konnte auch eine verringerte Mutationslast beobachtet werden. Dies kann aber noch nicht abschließend bewertet werden.

Donnerstagmittag wurde der Kongress dann offiziell durch den Kongresspräsidenten Herrn Prof. Reichmann eröffnet. Er begrüßte alle Anwesenden und stellte in seiner Eröffnungsansprache noch einmal die Besonderheiten bei der Organisation und im Programm des diesjährigen Kongresses heraus.

Durch unsere 1. Vorsitzende Frau Kreiling und den 2. Vorsitzenden Herrn Prof. Pongratz wurde anlässlich des 40-jährigen Bestehens der DGM ein kurzer historischer Rückblick über die Entwicklung im Bereich der Selbsthilfe und von Forschung und Medizin gegeben.

Herr Prof. Turnbull aus Newcastle upon Tyne (Großbritannien) eröffnete mit einem Übersichtsvortrag über mitochondriale Erkrankungen das wissenschaftliche Programm des Kongresses und gab damit auch den Kongressbesuchern, die nicht die Gelegenheit hatten am vorangehenden Symposium teilnehmen zu können, einen hervorragenden Überblick über den derzeitigen Wissensstand.

Im folgenden Themenblock standen neue therapeutische Ansätze im Mittelpunkt.
Prof. Bresolin aus Mailand (Italien) berichtete über einen Studienansatz zur Behandlung von Muskeldystrophien durch die intraarterielle Injektion von AC133-positiven Stammzellen. Bei diesem Ansatz werden zunächst durch eine Muskelbiopsie die Zellen gewonnen und isoliert und dann direkt in das Gefäßsystem der Hand eingespritzt. Die Handmuskeln wurden ausgewählt, da bei einem solchen Ansatz die Gefahr einer Tumorentwicklung besteht, deren Therapie dann aus der Amputation der betroffenen Region bestehen würde, in diesem Fall der Hand.

Frau Prof. Wirth aus Köln berichtete über die bisherigen Ergebnisse mit dem Einsatz von Valproinsäure bei der spinalen Muskelatrophie. Valproinat ist ein Medikament, welches bereits seit vielen Jahren bei der Behandlung von Epilepsien eingesetzt wird. Untersuchungen, die zunächst an Zellkulturen und dann bei Eltern betroffener Kinder durchgeführt wurden, zeigten positive Resultate im Hinblick auf eine vermehrte Bildung des SMN2 Gens. Es gibt schon Erfahrungen mit Betroffenen, die die Substanz im individuellen Heilversuch eingesetzt haben. Um endgültige Aussagen treffen zu können, ist es aber unumgänglich, eine doppelblinde, placebo-kontrollierte Studie an Betroffenen durchzuführen, die derzeit gerade geplant wird.

Herr Prof. Nave aus Göttingen stellte dann die Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe vor, die am Tiermodell die Beeinflussung die Überexpression des PMP22 Gens bei der HMSN Typ 1A durch den Progesteron-Antagonisten Onapriston untersucht haben. Durch die Gabe dieser Substanz konnte die Anzahl der Axone um 30% vermehrt werden und deutlich funktionelle Verbesserungen bei den Ratten beobachtet werden. Unklar ist bisher aber unter anderem noch, wie lange der Effekt anhält. Darüber hinaus gibt es Tiere, die auf die Therapie ansprechen (Responder) und Tiere, die nicht ansprechen (Non-Responder). Die Ursache dafür ist auch noch ungeklärt. Eine klinische Studie ist nötig und wird international geplant.

Frau Dr. van Deutekom aus Leiden (Niederlande) konnte dann über die Ergebnisse mit dem Einsatz sog. Antisense-Oligonukleotide bei der Therapie bestimmter genetischer Störungen (Out-of-frame Deletionen) bei der Muskeldystrophie Duchenne berichten. Im Mausmodell konnte nach intramuskulärer Injektion eine dosisabhängige Verbesserung über einen gewissen Zeitraum erzielt werden. Eine Studie mit 4-6 Patienten mit einer Deletion im Exon 51 wird in den Niederlanden, mit Beginn Ende diesen Jahres, geplant. Dabei soll die Injektion in den Schienbeinmuskel erfolgen und der Effekt nach 4 Wochen durch eine Muskelbiopsie überprüft werden.

Einen weiteren Therapieansatz der Muskeldystrophie Duchenne stellte Frau Dr. Nalbantoglu aus Montreal (Kanada) vor. Ziel ist es dabei, durch die Verwendung sog. Helfer-abhängigen Adenovirusvektoren (HDAd) möglichst das gesamte, sehr große, Dystrophin-Gen zu übertragen und einen möglichst lange andauernden Effekt zu erreichen. Im mdx-Mausmodell konnte schon sehr ermutigende Ergebnisse beobachtet werden. Das nächste Ziel ist die Untersuchung dieses Forschungsansatzes im Hundemodell.

In einem Satellitensymposium wurden dann von Herrn Prof. Gold aus Göttingen, Herrn Prof. Pongratz aus München, Dr. van Doorn aus Rotterdam (Niederlande) und Herrn PD Dr. Stangel aus Hannover, Aktuelles zum Einsatz von i.v. Immunglobulinen bei unterschiedlichen neuromuskulären Erkrankungen berichtet.
Die Immunglobuline sind keinesfalls als Standardtherapie anzusehen, aber bei ausgewählten Indikationen gibt es gute Argumente für deren Einsatz.

Der Freitagvormittag war bestimmt durch die äußerst interessanten Vorträge der Preisträger des Felix-Jerusalem- und Myasthenie-Preises sowie der Verleihung des Duchenne-Erb-Preises, an die bereits im Editorial genannten Preisträger. Eingeführt durch jeweils eine Laudatio durch Herrn Prof. Gerbitz aus München bzw. Herrn Prof. Reichmann aus Dresden berichteten die Preisträger Herr Prof. Pette aus Konstanz und Herr Prof. Schapira aus London (Großbritannien) in mitreißender Art über ihre langjährigen Forschungen.

Im Anschluss fasste Herr Prof. Goebel aus Mainz die Ergebnisse aus vielen Jahren neuropathologischer Tätigkeit bei den Proteinaggregat Myopathien zusammen. Dabei kann man Neuroproteinopathien (z.B. Amyloid bei der Alzheimer Erkrankung) und Myoproteinopathien (z.B. Desminopathien) unterscheiden, die unspezifische aber auch krankheitsspezifische Aggregate bilden können wie z.B. die „raged red fibers“.

Frau Prof. Vincent aus Oxford berichtete über ihre intensive Forschungsarbeit bei Erkrankungen der neuromuskulären Endplatte wie z.B. der Myasthenia gravis. Diese Erkrankung sind auf Grund der zum Teil nur geringen klinischen Symptome wahrscheinlich unterdiagnostiziert. In der Gruppe der Acetylcholin-Rezeptor-Antiköper negativen (AChR-AK neg.) Myasthenien machen die MuSK-AK (muskelspezifische Tyrosinkinase) positiven Fälle ca. 40% aus. Klinisch und auch in der geographischen Verteilung gibt es bei genauer Betrachtung einige Unterschiede zur AChR pos. Myasthenia gravis. So wird dieses Krankheitsbild in Südeuropa häufiger beobachtet als in Nordeuropa. Eine Thymektomie scheint keinen Einfluss auf diese Untergruppe der Myasthenien zu haben.

Im weiteren Verlauf dieses Kongresstages wurde in vielen freien Vorträgen und Posterbegehungen über unterschiedliche Einzelaspekte neuromuskulärer Erkrankungen referiert und diskutiert.

Parallel dazu wurden im Therapieprogramm durch Betroffene, Sozialberater, Physiotherapeuten, Logopäden und Ärzte die verschiedensten Aspekte in der interdisziplinären Behandlung und Begleitung Muskelkranker zunächst in Einzelvorträgen dargestellt und auch intensiv diskutiert. So hinterließen gerade auch die Beiträge der Betroffenen Frau Madry aus Leipzig über psychosoziale Probleme im Rahmen der Diagnosestellung von Frau Müller aus Dresden über die Rolle der Selbsthilfe sowie von Herrn Springsguth aus Pleißa über die Hilfsmittelberatung, nachhaltigen Eindruck.

Beeindruckend war auch die Vorstellung eines Aufklärungsfilmes für Patienten und Angehörige zur Behandlung von Atemstörungen bei der ALS. Dieser Film wurde erstellt auf Initiative und intensiver Mitarbeit von Herrn PD Dr. Hecht aus Erlangen und Herrn PD Dr. Winterholler aus Schwarzenbruck und finanziell unterstützt durch die Forschungsförderung der DGM. Die Verwirklichung dieses Projektes wurde mit viel Beifall bedacht, wobei noch der genaue Zeitpunkt des Einsatzes im Aufklärungsprozess bestimmt werden muss. Eine Untersuchung über die Effektivität ist geplant.

Leider konnte durch die zeitweilig parallelen Sitzungen vom Autor nicht alle Sitzungen besucht werden. Es war insgesamt eine sehr gelungene, interessante Veranstaltung mit vielfältigen Themen.

Zusammenfassung
Dr. Jens-Peter Weber
Medizinischer Referent der DGM