Dienstag, 20. August 2013 bis Montag, 26. August 2013

Mutig in kippsicheren Kanus - Jugendfreizeit 2013

Die Sommer-Jugendfreizeiten – inzwischen zu einer festen Institution in der DGM geworden – fanden in diesem Jahr in Altdorf bei Nürnberg statt. Johanna Craemer, Studentin der Humanmedizin in Lübeck, gibt ihre Eindrücke wieder und erzählt von mutigen, lustigen und bedenkenswerten Erlebnissen bei der diesjährigen ersten Freizeit.

Nun schon zum elften Mal machte sich auch im diesjährigen August eine bunt gemischte Truppe aus Fachkräften, Freiwilligen und natürlich vor allem acht Teilnehmer mit Behinderung auf die Reise raus aus dem Alltag und rein in eine Woche Abenteuer. Anke Hinrichs, die Leiterin der Fahrt,
hatte im Auftrag der DGM in mühsamer wochenlanger Vorbereitung ihr menschenmöglichstes getan, um uns allen eine unvergessliche Zeit zu ermöglichen. Neben ausgebildeten und erfahrenen Physiotherapeutinnen, einer Kinderkrankenschwester und Sozialtherapeutinnen waren auch sechs Lübecker Medizinstudenten und ein fachfremder, aber hochmotivierter Freiwilliger mit an Bord.

Das Wichernhaus steht in verschiedenen Funktionen schon seit dem Mittelalter an Ort und Stelle mitten im Herzen der Altstadt und dient außerhalb der Sommerferien als Internat für körperlich behinderte Kinder und Jugendliche. Optimale Ausgangsbedingungen wie behindertengerechte Bäder, viel Platz zum Wenden und Fahren, sowie die passenden Pflegebetten wurden nur von der Tatsache übertrumpft, dass die gesamte Altdorfer Innenstadt rollitauglich ist und die Teilnehmer so auch ganz alleine, nur mit den Handynummern der Betreuer bewaffnet, durch die Läden ziehen konnten.

Wir aßen gemeinsam und lernten uns langsam kennen, die Betreuer begannen zu verstehen, wie viel Unterstützung an welcher Stelle nötig ist, und nach ersten Unsicherheiten herrschte bald eine aufgeweckte, harmonische Stimmung, die stets von Lachen oder sogar lautstarkem Gelächter begleitet wurde.

Die ersten drei Tage der Fahrt hatte das Team geplant und so erkundeten wir gemeinsam die Nürnberger Innenstadt, fanden bei einer modernen, GPS-begleiteten Schnitzeljagd einen Geocash, lernten auf historischen Stadtführungen die jahrhundertealte Geschichte der Stadt kennen und tauchten im Dokumentationszentrum Nürnbergs in die dunklen Teile der jüngeren deutschen Geschichte während der NS-Zeit ein.
Das absolute Programmhighlight war jedoch einstimmig die Kanufahrt im Pegnitztal! Anke hatte ein absolutes Goldstück in der Fränkischen Schweiz gefunden: Die Harnbacher Mühle.

Seit 2007 engagiert sich dort der gemeinnützige Verein Mühlenkraft e. V. und hat eine Oase inmitten der Natur geschaffen. Es gibt behindertengerechte Campingplätze, erlebnispädagogische Freizeiten für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen und viele weitere tolle Aktionen wie Lagerfeuer, gemeinsame architektonische Arbeiten und vieles mehr. Die Mühle ist definitiv einen Besuch wert und über die Homepage www.mühlenkraft.de zu erreichen.

Wir starteten von dort aus Richtung Wasser, denn wir hatten Großes vor: In dicken Sitzsäcken eingepackt thronten unsere Teilnehmer schon bald mutig in den kippsicheren Kanus und der blaue Himmel strahlte mit ihnen um die Wette. Vorne und hinten setzten sich die Betreuer mit ins Boot und übten gegen die Strömung mühsam die Steuerung der Kanus. Die eigentliche Fahrt von etwa 40 Minuten war im Gegensatz dazu dann leichte Kunst. Wir machten uns auf durch die idyllische Landschaft, durch die Natur, unter Bäumen hindurch und über kleinere Stromschnellen hinweg. Kleinere, mehr oder wenig absichtliche, Zusammenstöße der Boote wurden mit spritzendem Flusswasser quittiert und wir gelangten schließlich sicher und glücklich wieder ans Ufer, wo der Bus schon auf uns wartete. Nachdem einige Betreuer sich noch in herrlich duftende Entenkacke gesetzt, und alle herzlich darüber gelacht hatten, durften wir uns noch am haus- bzw. mühlegemachten Saft stärken, Kaffee trinken, und dann ging es – um eine tolle Erfahrung reicher – wieder zurück ins Wichernhaus. Das war echt hammerhart!

Die letzten zwei Tage planten schließlich die Teilnehmer selbst. Die obligatorische Verschiebung des Frühstücks um gute zwei Stunden kam dabei nicht nur ihnen selbst zugute, auch die Betreuer tankten Kraft für die nächsten Duschpartys und das ein und andere amüsante Durcheinander. Steffen und Manu zeigten sich besonders kreativ und planten mit Hilfe von Christian, einem der Lübecker Studenten, eine große
Schnitzeljagd mit Rätseln und spannenden Aufgaben an jeder Station. Wir mussten uns gegenseitig die Augen verbinden und blind, den Anweisungen der anderen vertrauend, einen Parcours fahren. Wir flitzten mit den Rollis und an ihnen festgeklebten, mit Eiern bewaffneten, Löffeln um die Wette und fanden schließlich den Schatz: Ein gedrucktes Gruppenfoto für jeden!

Auch sportlich wurde es noch im Wichernhaus: Da wir einige E-Hockey-begeisterte Teilnehmer dabei hatten, trotzten wir dem „Keine Schläger Problem“, fuhren in den Baumarkt und bauten uns kurzerhand selbst Schläger. Provisorisch, bunt bemalt und eigentlich zu kurz, ging es los und unter dem Anfeuerungschor der Betreuer gaben die zwei Teams alles.

Stets betreuten uns Laura, die Co-Leitung der Reise, und Anke mit schier unerschöpflicher Geduld und Freude und machten diese Freizeit erst zu dem, was sie war. Das Konzept, unterschiedlichste Freiwillige, Fachkräfte und die betroffenen Jugendlichen zusammenzubringen und
miteinander(!) Spaß zu haben, ist definitiv aufgegangen. Augen leuchteten und Lachen füllte die Räume.

Zum Abschluss ein paar Worte von Pascale Ewers: „Ich bin jetzt das fünfte Mal auf der DGM Freizeit gewesen und nicht das letzte Mal! Immer wieder ist es toll auf den Freizeiten der DGM. Das heißt für mich, an die Grenzen zu gehen, wo man sonst nicht so die Gelegenheit für hat. Und es stärkt mein Selbstbewusstsein immer wieder aufs Neue und man traut sich immer mehr zu. Und was ich auch immer sehr gut finde ist, dass man sich gegenseitig austauscht über die Behinderung.“